Mit 14 Jahren schon komponierte CLAUDIA RUDEK ihre ersten Songs, jetzt wird die Songwriterin mit ihrem selbstbetiteltes Debütalbum vorstellig. Sehr entspannt und mit reichlich Folk-Flair klingt das Ganze, im Vordergrund stehen zumeist selbstredend Akustikgitarre und Stimme. Dabei gelingt es, eine irgendwie persönliche, vertraut wirkende Atmosphäre zu schaffen, die einem ein bisschen das Gefühl eines privaten Wohnzimmerkonzerts gibt. „Cage“ kommt flott und trotz des wenig positiven Texts recht fröhlich, „Young Girl Sitting At An Old Piano“ hingegen lässt, wie schon der Titel impliziert, ausnahmsweise mal die Gitarre beiseite und verbreitet stattdessen hübsch melancholische Klaviertöne. Alles klingt einfühlsam und harmonisch, Ausfälle gibt es auf dem Album überhaupt nicht, stattdessen kann man zu CLAUDIA RUDEKS Klängen wunderbar abschalten. Wer also ruhige Töne für ein entspanntes Wochenende braucht, sollte hier mal reinhören.
“Tiny Melodramas” ist das komplett in Eigenregie und mit geliehenem Equipment eingespielte Debütalbum der Nürnberger THE BLACKSCREEN. Als Opener hätte man sich besser etwas anderes ausgesucht, da beim gewählten „Bella“ der Gesang nicht übermäßig überzeugt. Danach reißt sich Sänger Oliver Frank etwas zusammen und der Gesamteindruck bessert sich ein ganzes Stück, aber so richtig großes Kino will daraus trotzdem nicht so recht werden. Die Songs wechseln zwischen ruhigen Momenten und (sowohl gesanglich als auch vom Gesamtarrangement her) harten Passagen, aus dem Rahmen fällt der gelegentliche Einsatz von Bläsern, wie zum Beispiel bei „Buried Alive“ der in diesem Zusammenhang doch eher unüblich ist. Wie der Albumtitel schon impliziert sind THE BLACKSCREEN in wenig fröhlichen Gefilden unterwegs, versinken jedoch keinesfalls in Melancholie. Von der Gesamtstimmung her werden immer wieder Erinnerungen an PLACEBO wach, allerdings fehlt deren Eingängigkeit. Wer gerne in dunklen Alternative-Gefilden fischt kann aber bei THE BLACKSCREEN ruhig trotzdem mal reinhören.
Mit „Alles Und Nichts“ legt die deutsche Band BOILER ihr Debüt-Album vor, und das geniale Cover lässt auf guten Sound hoffen. Vergebens. Musikalisch sind die Jungs gar nicht mal so schlecht, es gibt fette Rock-/Metal-Riffs zu hören, die gut gespielt sind, ganz ordentlich nach vorne gehen und ein bisschen nach einer Light-Version von RAMMSTEIN klingen. Nur sind die Songs einfach nicht toll geschrieben, echte Refrains z. B. sucht man vergebens. Vor allem aber nervt der Gesang, der teils an Falco-mäßigen Sprechgesang erinnert, teils gekrächzt bis geschrieen wird, wobei Sänger Howdie noch dazu auch wirklich keine besonders tolle Stimme hat. Erschwerend kommt noch hinzu, dass die Texte teilweise echt übel sind. Klar, das ist immer das Problem mit Bands, die deutsch singen: Man versteht die Texte viel zu gut. Englisch gesungen geht oft der größte Nonsens durch, weil man einfach nicht alles mitbekommt und auch nicht gezwungen ist, auf die Texte zu achten. Den Unsinn, den BOILER verzapfen, versteht man aber leider viel zu gut. Dort heißt es z. B.: „Bin einsam wie ne Sau / Ich wünsche mir ne Frau / Ohne is Supergau“ oder: „Geträumte Sünde / Notmasturbation / Geträumte Sünde / Abortejakulation“ oder auch: „Willst du für mich tanzen? – JA! / Ich zeig dir meinen Ranzen – JA!“ Keine Ahnung, was die Jungs sich bei solchen Textzeilen denken und wer so was gut finden soll. Ich jedenfalls kann diesem Album nicht viel abgewinnen.
DANTE’S DREAM haben seit ihrer Gründung in 2007 recht schnell den Weg nach oben gefunden – vom MDR im selben Jahr zur „Band des Monats“ gekürt haben die Jungs um Sänger und Gitarrist Lucas Hull bereits vor dem Debüt einige Touren hinter sich. Der Erstling „Episodes“ versteht sich dabei als musikalisch-lyrische Vertonung der Intentionen des großen Dante. Und obwohl dieser Vergleich ein Scheitern impliziert ist dem nicht so. DANTE’S DREAM umschiffen selbst in melancholisch ruhigsten Phasen gekonnt jeglichen Kitsch, wie bei der unter die Haut gehenden Ballade „Give In“ oder dem in deutsch gesungenen Pianoteil „Das edle Herz“. Aber die Leipziger belassen es glücklicherweise nicht bei bedächtiger Lyrik – man baut immer wieder moderat Heftiges ein wie bei „Insane, They Say“ oder dem Titeltrack „Episodes“, welcher so eine Achterbahnfahrt zwischen chillender Entspannung und angedeutetem Lärm darstellt - oder wagt sich gar an Pseudo-Progressives heran („Elegy“). Und auch der Opener, eine als „Dante’s Theme“ vertonte „Ode an die Freude“ (Europahymne) und das mit Hitpotential ausgestatte folgende „Supernova“ wissen zu überzeugen. Den einzigsten Vorwurf welche man dem Quartett wohl zurecht machen kann ist, dass sie manche Songs fast schon etwas überladen haben, so daß ein Tick des Ohrwurmpotential verloren geht – was man aber durchaus als gewollt ansehen kann. Dafür gelingt es der Band fortwährend die emotionale Botschaft ihre Songs instrumental und auch gesanglich glaubhaft rüber zu bringen. Ach ja, und manche werden DANTE’S DREAM mit dem Totschlagargument des Pop kommen - wenn so die Zukunft des deutschen Pop aussieht, dann habe nicht mal ich was dagegen.
Mit „Rookie“ legt das Quartett aus Straubing sein zweites Album vor. Mit viel Energie prügelt es sich hier durch zwölf Songs, die schnellen, melodischen Punkrock bieten und immer wieder an die amerikanischen Vorbilder wie RISE AGAINST oder PENNYWISE erinnern. Die Musik geht zwar gut ins Ohr, ist aber song- und auch soundtechnisch auf Dauer etwas flach. Die Stücke klingen alle ziemlich ähnlich, und besonders dem Gitarrensound fehlt der nötige Dreck. Ein weiterer Schwachpunkt sind die Vocals: Sänger und Gitarrist Josef Wetzel hört man deutlich an, dass Englisch nicht seine Muttersprache ist, und dazu hat er durchgehend Mühe, die richtigen Töne zu treffen. Was aber unbedingt positiv angemerkt werden muss, sind die politisch engagierten Texte, in denen sich die Band z. B. gegen Faschismus, gegen Massentierhaltung und für mehr Toleranz ausspricht. Musikalisch bleibt von diesem Album aber nicht viel beim Hörer hängen.
Guter Garage-Rock muss nicht immer aus Skandinavien kommen. Das beweisen die drei Holländer von den STILETTOS mit ihrem vierten Album „Fuck It Rock It“. In feinstem Retro-Sound rocken sie sich dreckig und straight in 27 Minuten durch 13 Songs. Einiges Material erinnert stark an die HELLACOPTERS, immer wieder ist aber auch ein deutlicher Punk-Einfluss zu hören. Das einzige Manko der Scheibe ist das Songwriting: Das könnte nämlich doch noch etwas ausgefeilter sein, und ein paar Ohrwurm-Hooks mehr hätten es auch sein können. Unterm Strich ist das aber nicht allzu tragisch, denn die Jungs gehen mit so viel Energie und Herzblut zu Werke, dass es eine wahre Freude ist. Wer auf authentischen, rauen Garagen-Rock ´n´ Roll steht, ist bei den STILETTOS genau richtig. Gerne mehr davon!
Mit „Roulette“ präsentieren die Holländer THE MONROES ihr Debüt-Album. Das Quartett hat sich altmodischem Retro-Sound verschrieben und liefert authentischen 60s Garagenock mit Surf- und Beat-Einflüssen. Auch wenn die Songs selbst nicht allzu originell ausfallen, hat der Sound insgesamt durchaus Charme, und eigentlich könnte „Roulette“ ein durchaus hörbares Album sein. Wenn nicht Sängerin und Gitarristin Josje Kobès wäre… Die Dame sieht zwar verdammt süß aus, das Singen sollte sie aber lieber bleiben lassen. Sie singt wirklich von der ersten Sekunde an so unglaublich falsch, dass man es im Kopf nicht aushält, und das zieht sie gnadenlos über das ganze Album durch. Da fragt man sich dann doch, ob das sonst niemand gehört hat, der Produzent, die anderen Bandmitglieder oder vielleicht ja auch sie selbst. Klar, der Trash-Faktor wird hier hochgehalten, aber dieser Missklang kann in dem Maße kaum beabsichtigt sein. Eine ordentliche Ladung Gesangsstunden und Gehörbildung sind Josje dringend angeraten, denn sonst wird sich niemand die Musik der MONROES anhören können. Es tut einfach so verdammt weh…
Gegründet 1986 von Sänger und Gitarrist Jonas Erixon und Bassist Fredrik Ekberg haben ALICATE ihren Sound in die Neuzeit gerettet. Instrumental ausgereift und gesanglich mit angenehm vollem Organ auf der Höhe gibt es auf „World Of Anger” melodischen Hard Rock ohne viel Ecken und Kanten der seine Wurzeln deutlich in den Achtzigern hat (MAGNUM, EUROPE), aber auch Anleihen bei heutigen Größen (AVANTASIA) und Dauerbrennern (HOUSE OF LORDS) nicht scheut. So gibt es mit dem von sphärischen Parts durchsetzten Mid-Tempo-Stampfer „Dream On” (erinnert etwas an MAGNUM meets DIO), dem mit 80er-Riffs und Gitarren aufgepeppten „Built On Dreams“ (schöne Gesangslinien auf einem flauschigen Keyboardteppich), der obligatorische Piano-Ballade „Until The End“ (nicht zu kitschig), dem melodischen, von Keys und Soli getragene „Hello“ (erinnert an alte EUROPE-Tage) und den mit etwas mehr Power aus den Boxen kommenden „Ain't The Place To Be” (JORN lässt grüßen) guten Stoff mit gediegener AOR-Schlagseite und Keyboard-Fundament. Mit „Farewell“ hat man an den Schluss einen etwas ungewöhnlichen, aber aufgrund der dezenten semiakustischen Instrumentalisierung und E-Harfe sowie melancholischer Folk-Atmosphäre richtig guten Song gestellt. Es ist den Jungs zu gönnen nach über 20-jähriger Wartezeit endlich IHR Album veröffentlicht zu haben. Allerdings haben wir schon lange nicht mehr Achtziger, die Welt hat sich weiter gedreht – dem kann das Album der Schweden nicht in Gänze folgen. Denn „World Of Anger“ hat nämlich neben gutklassigen Stücken auch Wiederholungen zu bieten. Trotzdem sollten Fans genannter Bands an ALICATE und ihrem neuem „altem“ Stoff durchaus gefallen finden.
Shit, was ist das denn?!? Pop-Punk ist ja eh schon eine üble Sache, aber so grottigen habe ich schon lange nicht mehr gehört. Übelst glattgebügelter und krampfhaft bemüht fröhlicher Sound seiert einem auf dem Debüt der Österreicher THIRTEEN DAYS durch die Ohren. Eine persönliche Note sucht man vergebens, alles ist auf US-amerikanischen, MTV-tauglichen Kommerz-Punk getrimmt. Das alleine tut schon echt richtig weh, aber dazu bieten die Songs wirklich überhaupt keine Höhepunkte, und fürchterlich lahm klingt das alles auch noch. Dieses Album wird wohl keinen müden Hund hinterm Ofen hervorlocken.
MEADOW SAFRAN kommen aus Siegen und tönen von der ersten Sekunde an richtig frisch, frech und kraftvoll aus den Boxen. Musikalisch ist die Scheibe nicht einfach einzuordnen. "Postcore gemischt mit Alternative Rock" würde ich den Musikstil umschreiben. Letztlich das aber egal, denn was die Band in "Leaving The Black Square" zusammenspielt ist einfach große Klasse. Alle Songs befinden sich auf einem sehr hohen Niveau und sind von einer melancholisch kraftvollen Stimmung getragen, für die nicht zuletzt Sänger David Post verantwortlich ist. Das Repertoire von Post reicht dabei von melodischen Refrains bis zu Schreikrämpfen, die sich in die Musik sehr gut einfassen. Dass die Band aus Deutschland kommt, hätte ich nie vermutet. Respekt. Alle Songs haben definitiv internationales Niveau und werden auch noch nach einigen Durchläufen von mir gerne gehört. Die Platte ist kraftvoll und professionell abgemischt, wobei gerade die dominanten Gitarren druckvoll aus den Boxen shreddern. Meine Anspieltipps sind "The Medical Director", "Island", "History of Dreams" und "Throwing Back Stones", die nicht nur durch einen interessanten Songaufbau, sondern auch durch einfach guten Melodien bestechen. Für mich ist "Leaving The Black Square" eine der besten Scheiben, die ich dieses Jahr gehört habe. Bevor ich mich nun weiter mit Lob besudele und sogar leicht unglaubwürdig werde, sollte sich jeder, der mit der Musikrichtung prinzipiell etwas anfangen kann, der Scheibe einige Minuten sein Ohr leihen. Daumen hoch!