Review:

Für Immer Frei (Unsere Zeit Edition)

(Saltatio Mortis)

Bei SALTATIO MORTIS hat in sich in den letzten Jahren viel geändert. Einem kompletten Stilwechsel folgte nun der weitestgehende (Live-) Ausstieg von Schlagzeuger, Texter, Songwriter und „Live-Märchenonkel“ Lasterbalk dem Lästerlichen, der in Zukunft zwar noch hinter den Kulissen mitwirken wird, dem Tourleben aber zugunsten seiner Familie abgeschworen hat. Konzerte ohne ihn und seine Anekdoten erscheinen schwer vorstellbar, prägten sie doch zwei Jahrzehnte lang die Auftritte der Band, aber andererseits ist inzwischen ja sowieso alles anders im Hause SALTATIO  MORTIS.

Bereits letztes Jahr erschien „Für Immer Frei“ erstmals, nun veröffentlicht die Band ihr jüngstes Werk noch einmal in aufgemotzter Version mit reichlich Zusatzmaterial. „Für Immer Frei (Unsere Zeit Edition)“ heißt das Ganze nun und präsentiert insgesamt 22 Songs auf zwei CDs. Vom Mittelalter-Rock haben sich die (Ex-)Spielleute bereits spätestens mit „Brot Und Spiele“ weitestgehend verabschiedet und sich seitdem dem Deutschrock verschrieben. Diese Linie wurde auch auf „Für Immer Frei“ beibehalten – schon der erste Track „Bring Mich Zurück“ hört sich an wie die Toten Hosen in ihrer Stadionrock-Phase der jüngeren Vergangenheit und daran ändert sich auch im weiteren Verlauf des Albums nicht viel: schrammelige Gitarren, Schlagzeug mit Punk-Tendenz und generell erhöhtem Tempo, viele „Ooohhh ohhh ooohs“ im Refrain, dabei wird wahlweise die Freiheit besungen oder der Zustand der Welt im Allgemeinen und Besonderen beklagt. „Palmen Aus Stahl“ kommt schwermetallisch und im Refrain fast schon mit einer Art Sprechgesang daher, bei „Mittelfinger Richtung Zukunft“ ist letzterer dann vollausgeprägt vorhanden. Die neue Ausrichtung der Band wird schon an den Songtiteln und Gastmitwirkenden offenkundig: bei „Mittelfinger Richtung Zukunft“ sind H-Blockx-Frontmanm Henning Wehland und Rapper Swiss / Swiss Und Die Andern beteiligt, der Titel „Palmen Aus Stahl“ ruft unweigerlich Assoziationen an „Palmen aus Plastik“ wach und auch mit „Keiner Von Millionen“ und „Für Immer Jung“ wird sicherlich nicht zufällig auf andere deutsche Erfolgstitel angespielt. Neue Zeiten, neue Freunde.

 „Loki“ und „Löwenherz“ versuchen noch eine Art Spagat zwischen Alt und Neu, was bei „Loki“ tendenziell besser gelingt, ohne das inzwischen offenbar obligatorische „Ohh ohh ohh“ geht es allerdings auch bei diesen beiden nicht ab. Das einzige Lied des regulären Albums, das genauso gut von einem der älteren Werke oder auch direkt vom nächsten Mittelaltermarkt stammen könnte, ist „Factus De Materia“ – hier wird noch Mittelalter in Reinkultur zelebriert, wie die Band es lange Jahre auf großartige Weise getan hat. Auf „Für Immer Frei“ wirkt das Lied, so gelungen es auch ist, daher eher wie ein musikalischer Fremdkörper, wie ein Relikt aus längst vergangener Zeit zwischen all den Versuchen, den modernen Zeitgeist zu treffen und die Message der Band rüberzubringen.

Der frühere Geschichtslehrer der Rezensentin pflegte zu sagen, man müsse immer von dem Allerdümmsten ausgehen. Zwar hat er damit grundsätzlich erschreckend oft recht, ob man diesen Satz deswegen allerdings zur Songwriting-Maxime erheben sollte, darüber lässt sich wohl streiten. Der Wechsel von subtileren, mit Metaphern versehenen Texten hin zur, sagen wir mal, Brachiallyrik bei SALTATIO MORTIS ist von der Band nach eigenen Aussagen durchaus intendiert und dem Wunsch geschuldet, die eigene Meinung zu bestimmten, als wichtig erachteten Themen klar, eindeutig und ohne jeden Interpretationsspielraum verstanden wissen zu wollen. Das mag man nun grundsätzlich mögen oder nicht, aber einige Passagen – oder sollte man besser sagen: Entgleisungen? – lassen sich auf diese Weise trotzdem nicht erklären. Wenn man von Musikern, die zuvor wohlformulierte Texte über Götter, Titanen und andere mythische Gestalten verfassten, plötzlich Zeilen hören muss wie „Seitdem du weg bist geht´s mir geil“, dann schmerzt das und ist auch durch die beste politische Absicht der Welt nicht schönzureden.

Aber wenden wir uns dem Bonusmaterial der „Unsere Zeit“-Edition zu. Hier kredenzen SALTATIO eine Mischung aus neuen Songs, alternativen Versionen und Cover-Versionen. Der erste Track „Nie Allein“ hat das Zeug, zusammen mit dem einschlägig bekannten Material der Toten Hosen zur Fußball-/ Stadionhymne erhoben zu werden, die man auch problemlos noch in volltrunkenem Zustand aus voller Kehle schmettern kann. „Unsere Zeit“ und „Funkenregen“ ziehen das Tempo nochmal deutlich an. „Wellerman“ braucht man nicht mehr groß vorzustellen: es ist natürlich ein nettes Lied und passt auch durchaus zur Band, krankt aber leider etwas daran, dass es nun mal inzwischen bereits ungefähr eine Million Versionen davon gibt und vermutlich kaum jemand das dringende Bedürfnis nach einer weiteren haben dürfte. Mit „My Mother Told Me” hingegen kehren SALTATIO in ihr ureigenes Terrain zurück – zwar mögen böse Zungen ihnen hier Anbiederei an den aktuellen Wikinger-Trend vorwerfen, aber sei´s drum: der Song, die Thematik und das archaische Flair stehen der Band einfach verdammt gut zu Gesicht. Auch wenn „My Mother Told Me“ auf die Serie „Vikings“ zurückgeht, so liegt die textliche Grundlage doch in der sehr viel älteren Egils-Saga, und tradiertes Material, Mythen und andere Überlieferungen waren schließlich von jeher eine der großen Stärken von SALTATIO MORTIS. Mit auschließlich altnordischem Text wäre das Ganze vielleicht sogar noch ein kleines bisschen stimmungsvoller gewesen, aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Ganz abgesehen davon freut man sich ja inzwischen angesichts manch deutscher Textzeile ohnehin über jegliches fremdsprachige Material, egal in welcher Sprache es verfasst ist. Bitte mehr davon! Was die Band hingegen dazu veranlasst haben mag, „Hypa Hypa“ von Eskimo Callboy zu covern, erschließt sich einem nicht ganz so leicht. Die Bonus-CD schließt mit Alternativversionen von „Geboren Um Frei Zu Sein“ und „Nie Allein“, wobei letzteres im akustischen Gewand und dadurch etwas weniger schunkelig, bier-und stadionselig als die reguläre Albumversion daherkommt.

Abschließend lässt sich sagen, dass SALTATIO ihrer neuen Linie treu bleiben und fast schon mit Gewalt bestrebt scheinen, sich zu modernisieren. Da wird auf verschiedene Musikstile und Themen geschielt, mit Gastmusikern experimentiert und musikalisch ausprobiert. Natürlich ist es künstlerisch verständlich, wenn eine Band sich weiterentwickeln oder andere musikalische Pfade beschreiten möchte, und es ist klar, dass man es niemals allen recht machen kann. Was dabei allerdings leider etwas auf der Strecke geblieben ist, ist die ursprüngliche Originalität, die die Band einmal ausgemacht hatte – sie hatten ihre eigene Nische mit ihrem eigenen Härtegrad und standen in dieser Nische relativ für sich allein, auch wenn der Weg zu den Kollegen vielleicht nicht gar zu weit war. Jetzt haben sie sich neu erfunden – wobei der Erfolg ihnen ja offensichtlich recht gibt --, klingen dabei aber nur gar zu oft, als würden sie einfach nur jemand anderen kopieren. Das ist schade, aber letztendlich natürlich auch Geschmackssache. Mit Mittelalter-Rock hat das, von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, nichts mehr zu tun. Wer hingegen geradlinigen, schrammeligen Deutschrock mit simplen Riffs und Mitsingrefrain mag, ohne sich dabei an reichlich Gesellschaftskritik zu stören, wird zu „Für Immer Frei“ wahrscheinlich wunderbar feiern (und trinken) können und somit auch an der „Unsere Zeit“-Edition sicherlich seine Freude haben.

Nicht zu übersehen ist jedoch, dass der Kontrast zwischen altem und neuem Material inzwischen so groß geworden ist, dass er nahezu unüberbrückbar erscheint und sich daher die Frage stellt, ob es nicht langfristig gesehen vielleicht besser für alle Beteiligten wäre, den Spagat aufzugeben und SALTATIO MORTIS in Zukunft als zwei verschiedene Projekte weiterzuführen: eins mit alter und eins mit neuer Ausrichtung. Diese Herangehensweise würde der Band alle Freiheit lassen, sich musikalisch auszuprobieren und umzuorientieren, ohne dabei zwangsläufig ihren alten Stil komplett an den Nagel hängen zu müssen, und sie würde gleichzeitig den verschiedenen Fan-Fraktionen ersparen, sich bei Konzerten ein halbes Set oder mehr an Material anhören zu müssen, mit dem sie beim besten Willen nichts anfangen können, alles in der Hoffnung, vielleicht am Ende doch noch ein paar Songs kredenzt zu bekommen,  die ihnen tatsächlich gefallen. Es wäre allen damit gedient.

Für Immer Frei (Unsere Zeit Edition)


Cover - Für Immer Frei (Unsere Zeit Edition) Band:

Saltatio Mortis


Genre: Rock
Tracks: 22
Länge: 71:56 (2-CD)
Label: We Love Music
Vertrieb: Universal