Review:

The All Is One

(Motorpsycho)

TIPP

Wie aus dem Nichts und ohne große Vorankündigung hauen MOTORPSYCHO diesen Hammer von einem Album raus. „The All Is One“ bildet den Abschluss einer losen Trilogie, die mit „The Tower“ begann und vor allem über das Artwork zusammengehalten wird, für das hier auch wieder der norwegische Künstler Håkon Gullvåg verantwortlich war. Knapp 85 Minuten ist es lang, wobei im Zentrum das fünfteilige und über 42 Minuten lange „N.O.X.“ steht, das selbst den ein oder anderen hartgesottenen Fan des Trios stellenweise fordern dürfte.

Am Anfang stehen aber gewohnte Klänge: Der Opener und Titeltrack könnte mit seinen schwelgerischen Harmonien auch das epische Finale eines langen Stücks sein und erinnert an frühere Phasen der Band. Gleiches gilt für die folgenden „The Same Old Rock (One Must Imagine Sysiphus Happy)“ mit seinen Wechseln zwischen balladesken und graden Rock-Parts und „The Magpie“, dessen treibender, unwiderstehlicher zweistimmiger Gitarrenlauf sich direkt im Ohr festsetzt. Am Schluss dieses ersten Teils steht mit „Delusion“ ein kurzes akustisches Stück. So ruhig, zart und verletzlich hat man diese Band selten gehört.

Dann aber beginnt das bereits erwähnte „N.O.X.“ und nimmt einen mit auf eine wilde Reise, auf die einen höchstens MOTORPSYCHOs Kooperation mit Ståle Storløkken auf dem fantastischen Album „The Death Defying Unicorn“ vorbereiten könnte. Die musikalischen Einflüsse sind hier ähnlich und stammen – grob umrissen – aus den Bereichen Progressive, Psychedelic und Jazz-Rock. Es kommen Streichinstrumente und Bläser zum Einsatz, aber auch Synthie-Space-Sounds. Mal geht es dabei meditativ und atmosphärisch zu, mal gnadenlos treibend, der lange vierte Teil wird zu einem großen Teil von Tribal-Beats bestimmt. Die Taktzahlen sind meistens krumm, trotzdem fließt und groovt es durchgehend. Das gesamte Stück ist fast durchgehend instrumental gehalten, bis auf das Chor-artige Hauptthema, das an einigen Stellen wiederkehrt und teils auch variiert wird.

MOTORPSYCHO gehen hier äußerst dynamisch zu Werke, bauen Passagen auf und ab, verdichten, fahren wieder zurück und schaukeln sich immer wieder zu grandiosen Höhepunkten auf. Am Ende scheint kaum noch eine Steigerung möglich zu sein, doch mit dem letzten Teil setzen sie in Form eines knapp 6-minütigen, wahnwitzigen Finales noch einen oben drauf. Um all die verschiedenen Elemente und Entwicklungen nachvollziehen und dieses Stück in seiner Gesamtheit erfassen zu können, braucht es mehrere Anläufe. Wenn es einem dann aber irgendwann gelingt, kann man gar nicht anders, als sich mitreißen zu lassen, und stellenweise glaubt man, die Intensität des Gehörten mit den Händen greifen zu können.

Der letzte Teil des Albums knüpft an den ersten an. Mit „Little Light“ und „The Dowser“ gibt es noch einmal zwei kurze und ruhige Akustik-Nummern zu hören, wohingegen das toll aufgebaute, zwar rockige, aber hoch melodische (und im Kontext des gesamten Albums trotz seiner gut neuneinhalb Minuten kurz wirkende) „Dreams Of Fancy“ auch wieder ein älteres MOTORPSYCHO-Stück sein könnte. Zum Abschluss wird es dann noch einmal verhältnismäßig gradlinig: Das Hard-Rock-lastige „Like Chrome“ verneigt sich vor LED ZEPPELIN, in der Strophe aber auch vor David Gilmour und seinem Gitarren-Sound ca. zu Zeiten von „Wish You Were Here“.

Mit „The All Is One“ haben MOTORPSYCHO ein so ungewöhnliches wie geniales Album aufgenommen. Mit dem überlangen „N.O.X.“, im Prinzip ein Album im Album, betreten sie musikalisches Neuland, wagen Experimente und erweitern ihren Sound wieder einmal auf faszinierende Art und Weise. Den Rahmen dafür bilden Stücke, mit denen Sie Bezug auf diverse Facetten ihres bisherigen Schaffens nehmen und so an ihre Vergangenheit anknüpfen. Vielleicht ist es noch zu früh, um von einem Meisterwerk zu sprechen, aber auf jeden Fall ist das, was MOTORPSYCHO hier abliefern, absolut meisterhaft.

 

The All Is One


Cover - The All Is One Band:

Motorpsycho


Genre: Rock
Tracks: 13
Länge: 84:52 (2-CD)
Label: Stickman
Vertrieb: Soulfood