Review:

Supersonic Scientists

(Motorpsycho)

TIPP

Dass es einmal eine Compilation von MOTORPSYCHO geben würde, ist überraschend. Immerhin handelt es sich hier ganz klar um eine Album-Band. Noch dazu haben die Norweger in ihrer über 25-jährigen Geschichte so viele verschiedene musikalische Phasen durchlaufen, dass es kaum möglich scheint, einen Überblick über ihr Schaffen auf einem Album festzuhalten, geschweige denn die ausgewählten Songs in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen. Angefangen bei Grunge- und Metal-beeinflusstem Alternative Rock kamen schnell Elemente aus Psychedelic Rock hinzu, außerdem Ausflüge in Folk, Country und Pop, schließlich auch Progressive Rock-Einflüsse. Dazu kommen diverse Kooperationen mit anderen Musikern, bei denen die Norweger ihren Sound mit Jazz, Klassik und neuer Musik kombinierten. Ein schwieriges Unterfangen also, all das unter einen Hut zu bringen. Dies geschah übrigens vor einem speziellen Hintergrund: Das norwegische nationale Museum für Pop- und Rockmusik in Trondheim, der Heimatstadt von MOTORPSYCHO, widmet der Band derzeit eine Ausstellung, die außerdem auch von einem Buch begleitet wird. (Für die englische Übersetzung wird derzeit per Crowdfunding Geld gesammelt.) Beides trägt den Titel „Supersonic Scientists“ und hat das ebenso betitelte Album inspiriert, das eine Hilfe für Nicht-Fans darstellen soll, sich im MOTORPSYCHO-Kosmos etwas zurechtzufinden.

Das Ergebnis ist überraschend stimmig und auch für Fans wirklich spannend. Denn hier gibt es altbekannte Songs aus dem Zeitraum von 1993 bis 2014, nicht chronologisch angeordnet, in ungewohntem Kontext zu hören, wodurch sich erstaunliche Zusammenhänge und Übergänge ergeben. „Vortex Surfer“ etwa, ein klassicher Konzert- und Mix-Tape-Abschluss-Song vom ´98er Überalbum „Trust Us“, steht hier schon an dritter Stelle, eingerahmt vom treibenden „Little Lucid Moments Pt. 1“ vom gleichnamigen Album, das den Beginn der aktuellen Phase der Band markiert, und dem entspannt groovenden, höchst meldodischen „Dominoes“ von der 2014 erschienenen 7-Inch-Single-Reihe „The Motorpnakotic Fragments“. Schön ist auch, dass sich nicht auf Stücke beschränkt wurde, die aufgrund ihrer Länge theoretisch gesehen Single-tauglich wären. So sind z. B. mit „Starhammer“ und „The Golden Core“ auch zwei Songs enthalten, die deutlich über zehn Minuten liegen. Für genug Space im Rock ist also gesorgt. Leider sind zwei Songs – für die überzeugten Vinyl-Fans MOTORPSYCHO untypisch – nur auf der CD-Version erhalten: „Psychonaut“, der Hammer-Opener von „Trust Us“, und „Toys“, das ursprünglich einem Trondheimer Obdachlosen-Magazin als 7-Inch-Single beilag.

Am Ende muss man sagen, dass es zwar lohnenswerter ist, ein komplettes MOTORPSYCHO-Album am Stück zu hören, und auch befriedigender. Immer wenn man sich auf „Supersonic Scientists“ grade eingegroovt hat, möchte man eigentlich das folgende Stück des entsprechenden Albums hören, doch dann geht es ganz anders weiter. Trotzdem macht der Ritt quer durch den MOTORPSYCHO-Space auch als Fan ungeheuren Spaß und führt einem wieder einmal die unglaubliche Vielseitigkeit und Brillanz der Band vor Augen. Für Einsteiger dürfte das Album sowieso ideal sein. Auf die Frage, mit welchem Album der Band man anfangen sollte, gibt es wohl viele verschiedene Antworten. Zukünftig kann man auf diese wunderbare Zusammenstellung verweisen, um jeden Hörer seine persönliche MOTORPSYCHO-Lieblingsphase entdecken zu lassen.

 

 

Supersonic Scientists


Cover - Supersonic Scientists Band:

Motorpsycho


Genre: Rock
Tracks: 17
Länge: 99:46 (2-CD)
Label: Stickman
Vertrieb: Soulfood