Konzert:

Festival Metal Vouziers

Konzert vom 29.10.2022

Wer einmal in Vouziers war, der wird es nicht vergessen. Das liegt auch an der geschichtsträchtige Lage des Ortes in den Ardennen, nicht weit von Verdun. Das liegt vor allem am Herzblut, das die Macher investieren, um jetzt zum 31. Mal das „Festival Metal Vouziers“ auf die Beine zu stellen. Dort spielen die Bands, die die Organisatoren mögen, Bands, die die Fans nicht alle Tage zu sehen bekommen, spannende Newcomer oder französische Größen. 2022 sah das Billing des ältesten französischen Festivals so aus: Lee Aaron, Crazy Lixx, Pink Cream 69, Heavenly, Bastet, Desolation Angels, Sacral Night.

Wie viele andere kleine Festivals haben auch die Nordfranzosen Probleme. Zu hohe Gagen, zu wenig Fans – 350 waren es in etwa, statt sonst mehr als 500. Viele Jahre war das Metal-Festival vollends ausverkauft, Angebote aus größeren Städten schlugen die Jungs ab, die alle aus Vouziers stammen und das Festival als Jugendliche ins Leben riefen. Jetzt sind sie in finanzieller Not, haben sich aber etwas ausgedacht – beziehungsweise Fans haben es angeregt – diese zu lindern, um den Fortbestand des Festivals zu sichern (siehe hier, ihr könnt euch für das Festival Vouziers engagieren).

Der Autor dieser Zeilen entdeckte die Veranstaltung, weil er dort Bands sehen konnte, die nie oder selten nach Deutschland kommen – Killers, ADX, Blasphème, Sortilège und viele andere. So ein französischer Newcomer setzte auch den Startschuss in die 31. Auflage: SACRAL NIGHT. Sie veröffentlichten gerade via No Remorse Records die spannende erste „Le Diadème d'Argent“. Nun sind die Jungs alles andere als unerfahren, Basser Amphycion spielte unter anderem bei Necrowretch und den großartigen Sanctuaire, Verbindungen bestehen unter anderem zu Stonewitch, Fall of Seraphs, Manzer (Yeah!) und Silver Machine. Das Material von SACRAL NIGHT ist alles andere als simpel und ein bisschen kauzig. Das spiegelte sich (Achtung, Wortwitz mit dem Titel!) auch im ersten Song „Les Miroirs de la Lune“. Denn der eta 18 Meter große Sänger Antoine überragte seine Mitstreiter derart, dass nicht wenige an Schneewitchen dachten. Doch die weniger als sieben „Zwerge“ machten ihre Sache zunächst besser als der große Mann, dessen sehr hohen Töne anfangs etwas windschief klangen. Aber das legte sich mit der Zeit im Gegensatz zum stets etwas hölzernen Auftreten des Fronters. Aber die Band steigerte sich musikalisch immer weiter und hatte zum frühen Zeitpunkt zwei mächtige Höhepunkte im Gepäck: „Par le Sang et l'Acier“, ein Cover der französischen Legende High Power (Wann spielen die bei euch, William und Gilles??? Nur ihr könnt das möglich machen. Und Gott.) und das großartige „Conquérant des Lumières“. Doch ein gelungener Auftakt!

Ohne große Erwartungen und Info ging es weiter mit DESOLATION ANGELS. Viele kannten die Bande nicht, andere verwechselten sie kurzerhand mit einer griechischen Thrash-Band, die zwar so ähnlich, aber doch ganz anders heißt. Egal. Der Fan ohne Scheuklappen stand da mit dem viel zu kleinen Bierbecher – in Erwartung einer Alt-Herren-Band bald das nächste zu holen. Aber weit gefehlt: Was die Engländer abfackelten, war heißer als das Feuer am Sacré-Cœur de Montmartre, nur viel schöner. Alter: Bei allem Respekt: Beim Anblick des dünnen Bassers Clive Pearson schlossen übermütige Jünglinge Wetten ab, ob der Mann das Konzert durchhält. Aber was folgen sollte, war eine Lehrstunde in Sachen Metal! Keine Ahnung, was die früher gemacht haben und wie gut sie waren: Das war Hammer! Paul Taylor, sah nicht nur aus wie der Bruder von Biff, er sang auch mindestens genauso gut, wie der Saxon-Fronter. Platt könnte der geneigte Fan sagen, DESOLATION ANGELS klingen wie ein Bastard aus Saxon und Priest, nur wirken diese Engel hier viel agiler. Witzig: Alle Akteure verbreiteten eine ENORME Spielfreude und zeigten das exzessiv. Nur das einzige Gründungsmitglied Keith Sharp spielte fast lakonisch seine Gitarre, hielt sich fast immer im Hintergrund, grinste aber verdammt glücklich. Das taten auch die Zuschauer – und das nicht erst mit der unwahrscheinlich ergreifenden Hymne „Valhalla“ vom selbstbetitelten 86er-Debüt, sondern während des gesamten Auftritts. Geil, die aktuelle Scheibe „Burning Black“ muss her.

Wer nun dachte, eine italienische Band kann dagegen nicht anstinken, der sah sich getäuscht. Diejenigen, die bereits das BASTET-Debüt (Steel Shark Records) gehört hatte, die wussten, es würde gut. Aber so gut??? Sängerin Nico Gilli ist schon beim DESOLATION-ANGELS-Gig ins Auge gefallen, weil sie mitten im und mit dem Publikum feierte – was überhaupt ein echtes Plus des Festivals in Vouziers ist: Fast alle Bands (oder zumindest einzelne Mitglieder) sind mittendrin statt nur dabei, stehen für kleine Gespräche, Fotos, Autogramm etc. zur Verfügung. So soll’s sein. Zurück zu BASTET, gegründet von Gitarrist  Mike Petrone (Gengis Khan).  US-Power-Metal  mit rauem Warlock-Gesang trifft es nur im Ansatz – aber die arschtighte Kapelle trifft genau den Nerv des Publikums (das wie gewohnt eher staunend steht und tüchtig Applaus spendet). Und vor allem überzeugt die Dame auch Kritikaster, die sonst mit Frauengesang weniger anfangen können. Junge, Junge. Den BASTET-Hit „Reckless“, mit dem niemand Auto fahren sollte, weil dann sämtlich Hemmungen fallen, feiert Vouziers wilder, beim Priest-Cover „Painkiller“ von JUDAS PRIEST herrscht Ekstase. Toller Gig, nur die T-Shirts am Merch sind viel zu klein. Schlimmer als die Bierbecher.

Anschließend HEAVENLY. Die französischen Helloween mit leicht progressivem Touch? Ersteinmal haben die seit acht Jahren inaktiven Pariser Probleme bei der Parkplatzsuche – Poller im Weg. Aber als sie später auf der Bühne stehen, ist ihnen davon nichts anzumerken. Die Fans in den Ardennen feiern die Rückkehrer regelrecht euphorisch ab. Für den schreibenden Mann an der Tastatur ist das allerdings alles ein bisschen viel: Alle Lautstärkeregler auf voller Pulle, als wollten HEAVENLY direkt aus dem „Salles des Fetes“ alle Wildschweine draußen in den Wäldern erlegen. Dicker Keyboard-Kleister, einiges Eingespieltes vom Band – ein bisschen viel Plastik. Der Crowd hingegen gefällt es richtig gut, genau genommen gibt es wenig zu kritisieren, am allerwenigsten die eindrucksvolle Stimme Ben Sottos, dem einzig verbliebenen Originalmitglied. Die Band spannt den Bogen vom 2000er-Debüt mit „Riding Through Hell“ und bedachte jedes Album bis „Carpe Diem“. Ob’s was Neues gab? Keine Ahnung. Ohren und Hirn haben dicht gemacht. Aber Dampf hatten HEAVENLY tüchtig in den Backen.

Das traf zweifelsohne auch auf PINK CREAM 69 zu. Selbst die Band denkt wohl, dass viele nicht mehr wissen, dass es sie noch gibt. Denn Sänger David Readmann machte vor dem Auftritt ein Facebook-Video, um für die Auftritte in Antwerpen und Vouziers zu werben, guckt dabei wie ein Rockstar aus Spinal Tap und verabschiedet sich auf schwachem „Französisch“ mit Adios! Wer sich rechtzeitig die Lachtränen aus den Augen gewischt hat, der sah einen ordentlichen Auftritt einer Band, die ja wenig mit dem zu tun, hat, was mal war. Einzig Gitarrist Alfred Koffler ist noch übrig geblieben, die ehemalige Chart-Band kommt dafür um einiges heftiger rüber, als es einen das eigene Gedächtnis glauben machen wollte. Und: Das Publikum feiert die Bande nach allen Regeln der Kunst ab, der Vokalist besticht durch Treffsicherheit und großen Einsatz. Von "Keep Your Eye on the Twisted” und “Welcome the Night”, das geile “Hell's Gone Crazy” bis “Shame“ stimmte hier vieles, wenn nicht alles. Jedenfalls war der deutsche Beitrag zum Metal Grand Prix in Frankreich 2022 wesentlich unpeinlicher als der in der vorherigen Auflage mit Grave Digger. Pas mal, wie der Schweizer sagt!

CRAZY LIXX. Sind das die schwedischen Mötley Crüe in Top-Form? Nach einer kurzen Atempause auf dem Vordersitz des Mietwagens eilt der Rezensent zu seinen Mitreisenden. Und siehe da: Der eine hat den längsten Luftbass der Welt herausgeholt und drischt auf die imaginären Seiten ein, bewundert von einheimischen Besuchern mit leicht leerem Blick. Nur eine beachtet ihn nicht – die neben dem Luftbasser positionierte Dame tanzt wie eine Elfe auf Koks als wäre sie schon immer Sleaze-Glam-Rockerin mit mächtiger Dauerwelle und rosa Leggings. Kurz schütteln, kleines Bier kaufen und die Augen in der realen Realität wieder öffnen: Geile Band, richtig geil. Vielleicht meinen die Skandinavier es Ernst, vielleicht ist das alles nur ein großer Spaß. Aber wenn es früher eine so gute Band gegeben hätte wie CRAZY LIXX, dann hätten die Poser einen Mann mehr im Krieg gegen die Thrasher gehabt. Ob das jetzt Glück ist oder nicht? Dieser Abend mit den CRAZY LIXX war legendär. Bei „Anthem For America“ fallen alle Dämme, Sänger Danny Rexon setzt die Sonnenbrille natürlich nie ab und hält die Fahne hoch, während der Rezensent so breitbeinig steht, dass er fast umfällt. Meine Güte, haben die Eier, meine Fresse, was können die posen. Die Fans rasten aus, alle haben Spaß, was könnte es Schöneres geben?

Nur eine. Die große Dame des Hard Rock. LEE AARON, die „Metal Queen“. Sie ist inzwischen 60 und immer noch denken alle an DAS Bild mit der roten Lederhose. Heute gibt es eher ultraknappe Shorts in hohen Stiefeln und LEE AARON sieht natürlich besser aus als alle CRAZY LIXX zusammen. Sie manövriert sich fast völlig unpeinlich durch den Gig, beweist große Sangeskraft und echtes Entertainment. Neben ihr stehen zwei absolute Profis, die schon vormittags im Hotel authentisch-sympathisch rüberkommen und trotz großer Gesten (Gitarrist Sean Kelly, ohne Fahrrad, aber mit viel Locken) nie abgehoben wirken. Und wie enorm Basser David Reimer trotz aller Zurückhaltung maßgeblich am dichten Groove der Band beteiligt ist! Der Einstieg gelingt mit „Hot to Be Rocked“ fantastisch, dazwischen gibt es immer wieder Highlights („Sex With Love“, „Fire And Gasoline“). Aber eigentlich wartet alles auf die AARON-Hymne. „Metal Queen“ kommt, alles rasten ein letztes Mal aus. Und LEE AARON belohnen das mit einer weiteren Zugabe – „American High“. Oder besser „Haut français“?!

So schön das alles war, so traurig ist das finanzielle Loch in den Taschen der Veranstalter des Vereins „Pourquoi Pas“. Die Jungs planen für das kommende Jahr wieder zwei Konzerte. Ein französisch geprägtes Festival im April, ein internationaleres im Oktober. Aber die monetären Lücken müssen sie erst schließen. Ein Sponsor ist höchst willkommen, und wer sein Teil beitragen will, der kann hier spenden: https://www.onparticipe.fr/cagnottes/O4iCXNp9

So eine Institution darf nicht sterben!

PS: Großer Dank an das Engagement von William und Gilles und alle den anderen. Und an Marin Mantaux, den Mann mit dem kleiner Hocker und der großen Kamera für die Bilder!



Lee Aaron in Vouziers mit Sean Kelly Lee Aaron in Vouziers Lee Aaron in Vouziers Lee Aaron in Vouziers Lee Aaron in Vouziers mit Sean Kelly Crazy Lixx in Vouziers Crazy Lixx in Vouziers Pink Cream 69 Dave Readmann in Vouziers Heavenly in Vouziers Heavenly in Vouziers Bastet in Vouziers Bastet in Vouziers Desolation Angels in Vouziers Desolation Angels in Vouziers SACRAL NIGHT in Vouziers SACRAL NIGHT in Vouziers SACRAL NIGHT in Vouziers Mehr Infos:LEE AARON
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