INTERVIEW: HORN im Interview: Infernalisches Wimmelbild
BY Meisenkaiser
Die Scheibe ist eine fette Co-Produktion, die das Projekt Horn zusammen mit Northern Silence Productions auf die Beine gestellt hat Also: Konntet ihr euch kein „e“ mehr kaufen, oder wie erklärt sich der Albumtitel „Apokalyps“?
Grüß dich, das „e“ hätte leider in der Breite nicht mehr aufs Cover gepasst. Ne, Spaß: Beim Albumtitel spielen wir bewusst mit einer doppelten Lesbarkeit. „Apokalyps“ ist das schwedische Äquivalent. Grundsätzlich ist der Titel auf Schwedisch zu lesen – somit auch die Jahreszahl [sextonhundraarton]. Genauso gut soll der Titel aber auf Deutsch, Englisch oder anderen Sprachen gelesen werden können – jeweils mit der spracheigenen Aussprache der Jahreszahl (damit sich die Leute nach ein paar Bier auf nem Konzert bequem über das Album unterhalten können, ohne über ihre eigene Zunge zu stolpern). In der deutschen Variante soll das fehlende „e“ als kleiner Eyecatcher dienen.
Das Info beschreibt ganz richtig eure gelungene stilistische Vielfalt: „Klassisches“ wie „früher“ „Turm am Hang“ beim Titelstück, disharmonischer Black-Metal in “Die Ahren gleich als mit dem Huf“, experimentelle tonale Strukturen und ungewöhnliche Gesangsstile und Bathory-Vibes in „Barhout“. Die abschließende Coverversion von Cross Vault (?) als Halb-Ballade mit viel Akustik und Klargesang? Warum denn das alles, warum so ein breites Spektrum? Habt ihr nicht Angst, true Blackies zu vergraulen oder euch zwischen alle Stühle zu setzen? Seid ihr nun Black Metal, Pagan Metal, Folk Metal, Mittelalter Metal oder Was Metal?
Zunächst einmal sehe ich Horn klar im Bereich des BM angesiedelt, die Pagan-Einflüsse, die noch vor einigen Alben stark im Vordergrund standen, sind mit den Jahren stärker gewichen. Aber du hast schon recht, das Album ist musikalisch recht wild geworden – analog zum Artwork. Das hat viel damit zu tun, dass wir diesmal etwas weiter ausholen wollten und mehrere Gastsänger an Bord geholt und ihnen sehr viel Spielraum bei der Umsetzung gegeben haben. Die Jungs haben den jeweiligen Songs natürlich eine sehr eigene Note verliehen und mitunter auch den Grundstil auf eine andere Bahn geleitet. Grundsätzlich halte ich Apokalyps 1618 jedoch für keinen Ausreißer – stöbert man in der Horn-Diskographie, findet man viele Alben, die von schnellen BM-Nummern über primordial-esque Groove-Songs hin zu folkigen Balladen reichen. Demnach sollte das neue Full-Length zumindest die Alteingesessenen nicht aus der Reserve locken. Ich glaube, dass die Vielseitigkeit in der Natur der Sache liegt: Nach 10 Studioalben würden mir auch schlichtweg die Ideen ausgehen und es bestünde starke Wiederholungsgefahr, wenn alle Songs einem bestimmten Schema folgen würden. Denn beim Hören ist auch die Macht der Gewohnheit irgendwann ausgereizt, wie ich finde.
Die ersten drei Singles bilden die Basis des neuen Albums. Wie hast du/ihr aufgenommen? Studio, Mix, Mastering etc. Auf dem Promo-Pic bist du nicht alleine, ist HORN jetzt ein Duo und wenn ja, stell euch beide mal vor. Und wenn nicht, stell deine Gäste oder Gastmusiker vor. Irgendwo ist ja die Rede von drei Gastsängern? Wie findest du die Leute, nach welchen Maßstäben wählst du sie aus?
Drei Singles BISHER, hehe. Es folgen noch weitere vor der eigentlichen VÖ, wir ziehen das Pferd diesmal etwas anders auf und gehen ein wenig mit der Zeit. In die Aufnahmen waren mehrere Akteure involviert – das ist allerdings nichts Neues, denn Session-Drummer D. spielt das Schlagzeug auf allen Outputs seit 2020 ein. Eine Novelle ist jedoch, dass es sich bei Apokalyps 1618 um das erste Horn-Album handelt, das ich nicht im Alleingang geschrieben habe. Session-Gitarrist M. hat tatkräftig beim Schreiben geholfen, Riffs beigesteuert und war maßgeblich für die Gestaltung des Rausschmeißers „At Our Bleakest“ zuständig.
Die Gastsänger sind allesamt Freunde und Bekannte. Auf dem Titeltrack ist Jerff – Leadsänger der schwedischen Kombi Änterbila – zu hören. Warum er? Ich (und auch M.) feiern Änterbila, Jerff mag Horn, man kennt sich und der Song sollte ohnehin teilweise auf Schwedisch gesungen werden. Für „Barhout“ haben wir Meister Cagliostro von Attic angefragt. Bei dieser Wahl war vor allem sein sehr charakteristischer und unverwechselbarer Gesang ausschlaggebend – denn was bringt einem am Ende ein Gastpart, wenn die Hörer den Mehrwert gar nicht bemerken würde, ohne spezifisch darauf hinweisen zu müssen. Und für das Cover „At our bleakest“ – eine getragene und epische Nummer – lag es auf der Hand, unseren Produzenten Markus Stock (Empyrium/The Vision Bleak/Sun Of The Sleepless), bei dem wir das Album eingespielt haben, auch direkt mit dem Gesang zu behelligen, denn auch seine Stimme hat aufgrund seines weitreichenden und jahrzehntelangen Einflusses auf die deutsche Metal-Landschaft einen handfesten Wiedererkennungswert.
Wie findest du deine Themen, die ja wieder recht spannend scheinen. Prager Fenstersturz oder 30Jähriger Krieg sind ja generell schon spannend genug, aber das dann mit dem Grimmschen Märchen zu verbinden – das klingt irgendwie wild. Wie kamst du auf die Idee, beschreib mal, warum und wie das funktioniert?!
Grundstein des gesamten Konzepts war tatsächlich das Artwork. Ich habe schon immer damit geliebäugelt, mal so ein „infernalisches Wimmelbild“ à la Hieronymous Bosch gepaart mit surrealen Traumelementen à la Dali anfertigen zu lassen. Die Vorbereitungen dafür waren immens, wir haben monatelang gepuzzelt, absteckt, geblutet und geschwitzt, am Ende hat uns Timon Kokott jedoch ein wirklich zauberhaftes Produkt vorgelegt, das genau meinen Vorstellungen entspricht. Da Timons Stil gern märchenhafte Züge aufweist, waren wir in Anbetracht des Covers rasch bei der Idee mit den Erzählungen der Gebrüder Grimm und den Parabeln, die ich daraus gezogen und letzten Endes ein loses Netz aus Sagen und eigenen Ideen gesponnen habe – sicherlich auch, da Horn grundsätzlich spezifische regionale Thematiken bedient, wie es z. B. auch bei der „Daudswiärk“ der Fall war (Hunger und Ackerbau im Westfalen des 19. Jahrhunderts). Der 30-jährige Krieg hat mich schon immer gereizt und kam schubweise schon auf einigen Vorgängeralben zur Geltung. Elemente aus einem musikalischen Werk mit Liedern aus dieser wilden Zeit („Die Landknechtstrommel“ des Botho-Lucas-Chors), das ich seit jeher feiere, ziehen sich also wie ein roter Faden durch die Diskographie. Logische Konsequenz also, dass auch auf Apokalyps 1618 historische Bezüge zum 30-jährigen Krieg zu finden sind.
Auch textlich gehst du viele Wege. Erklär mal einem Nicht-Multi-Linguisten: Was bedeutet: „Die Ahren gleich als mit dem Huf“? Was bedeutet „Barhout“? Hiofan ist ein Horn, das mahnt? Wovor denn? „Ergot“ ist das giftige Muttterkorn? Worum geht’s genauer? Wer oder was ist „Naud“? Woher nimmst du all die Ideen?
Oha, ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich diese Fragen schon vor VÖ beantworten muss, hehe. Generell ist mir natürlich bewusst und auch Absicht, Songtitel zu verwenden, die aufgrund ihrer Verschlüsselung interessant, irreführend oder auch irritierend wirken können. Blickfänger halt. Grundsätzlich versuche ich da, diese Mystik beizubehalten und – auch wenn’s etwas nach Klischee klingt – dem Hörer selbst die Chance zu geben, das Ganze beruhend auf den eigenen Erfahrungswerten zu entschlüsseln. Aber gut, ich gebe mal ein paar Anhaltspunkte:
• „Die Ahren gleich als mit dem Huf“ ist das mutwillige Produkt aus syntaktischem Chaos und Pars pro Toto – das Ergebnis meiner Art, die Sprache des 16. Jahrhunderts mit der Sprache von heute zu mixen. Gemeint ist so viel wie „Die Ähren wurden so geerntet, als hätte man ein Pferd genutzt“ – eine Anspielung auf Grimms „Ludwig ackert mit seinen Adlichen“, in der ein Landgraf seine abtrünnige Gefolgschaft auf dem Acker antanzen lässt, um sie vor einen Pflug zu spannen.
• Barhout: Der „Brunnen der Hölle“, eine sagenumwobene Höhle in Jemen. Text und Idee stammen von Meister Cagliostro (Attic) und sind seine hervorragende Ide, eine Brücke zwischen den sonstigen tiefeuropäischen Themen des Albums mit dem Musikstil auf „Barhout“ zu schlagen – ein Song, der auf orientalische Tonleitern setzt.
• Hiofan mahnt: Genau so – ein Horn, das mahnt. Wovor, steht dann im Songtext im Booklet
• Ergot: Genau, Teil der „Mutterkorn-Trilogie“, zusammen mit „Antoniusfeuer“ (ein anderes Wort für „Ergotismus“) und „Naud“ (Münsterländisch Platt für „Not“): Hungersnöte, Pilzbefall des Getreides, das trotzige und verzweifelte Verbacken des Korns zu Brot und der bunte Wahn, den das somit verspeiste Mutterkorn auslöst
Und ich meine, das ist ja noch nicht alles, Metallum zählt ja noch drölfzig andere Projekte auf. Wie kriegst du das unter einen Hut? Haste einen Dukatenesel auf dem Hof? Oder hast du einen Job, der dir zwar deinen Lebensunterhalt sichert, aber wo du wenig zeitlichen Aufwand hast?
Der Fairness halber ist zu sagen, dass es aktuell nur noch drei Bands sind: HORN, Spere und Cross Vault. Für letztere Band schreibe ich die Musik und Texte nicht selbst und habe demnach nur minimalen Aufwand, Horn und Spere fressen aber natürlich viel Zeit. Ich arbeite als freiberuflicher Übersetzer und sitze demnach rund um die Woche zuhause, was er mir möglich macht, fließend zwischen Übersetzen und Musik zu wechseln – mittlerweile etwa im Verhältnis 50:50. Und da ich rege in die Bands investiere – Zeit und Geld – springt natürlich auch etwas für mich heraus, demnach komme ich mit diesem Setup gut über die Runden und kann das Musizieren und alles, was damit zusammenhängt, zu einem natürlichen Teil meines Alltags machen.
Und warum bist du nicht mehr bei „Licht erlischt“?
Mit dem Projekt habe ich alles umgesetzt, was mir vorschwebte – zumindest vorerst. Abgesehen davon bin ich gut ausgelastet mit meinen aktuellen Projekten, halte es aber für gut möglich, irgendwann nochmal ein neues LE-Werk rauszuhauen, wenn ich mal wieder etwas Luft habe. Aber da besteht keine Eile. Zumal ich dafür auch in einer besonderen Stimmung sein muss – LE ist ja doch um einiges finsterer und trauriger als Horn.
Elf Longplayer, fast ein Vierteljahrhundert HORN. Was lässt dich solange durchhalten? Was bringt es dir, Musik zu machen? Und: Wie hat sich die Szene, das Business in dieser Zeit verändert?
Oh, Danke für die Erinnerung, ich muss mir noch irgendwas Besonderes fürs 25-jährige ausdenken, hehe. Das mit dem Durchhalten beruht auf vielen Faktoren: Ich brauche immer neue Ziele, so eine Art Gerüst und Fahrplan fürs Leben – und über die letzten 20 Jahre habe ich da ein Rezept entwickelt, das mir persönlich viel gibt und das mir glücklicherweise auch viele treue Hörer zu danken wissen, und ich habe nie die Motivation verloren, immer weiter an diesem Rezept zu feilen. „Spere“ hingegen ist eine Art Spielwiese, auf der wir derzeit ein neues Konzept austesten, das in musikalischer Hinsicht sicherlich polarisieren wird.
Das Business, hehe. Alles ist digital geworden. Ich blicke da oft wehmütig in alte Zeiten zurück, in denen manche Dinge einfacher waren. Unkomplizierter. „Damals“ musste man als Band kein Marketingprofi sein und sich intensiv mit der vernetzten Welt beschäftigen. Man hat einfach Musik gemacht, den Rest übernahm das Label. Mittlerweile stecke ich tief im Sumpf aus Social Media, Playlist Pitching, Collabs und was die moderne Welt einem so als Werkzeuge vor die Füße wirft, wenn man den Kopf über Wasser halten will. Aber genau diese Dinge bieten Vorteile, die man früher nie gehabt hätte als kleine Band. Kurzum: Ich feiere vieles aus der Vergangenheit, weiß aber auch die Vorzüge der heutigen Zeit total zu schätzen.
Live-Auftritte gibt es, sind aber nicht zu oft gesät. Gibt es für die nahe und ferne Zukunft da Pläne?
Mit meinen Session-Leuten trete ich schon regelmäßig auf, aber ja, wir versuchen, das Ganze nicht ausarten zu lassen. Wir sind zufrieden mit der „Auftragslage“ und mit Horn habe ich dieses gewisse Privileg der Alteingesessenheit, die uns davor bewahrt, bis zum Erbrechen Touren fahren zu müssen, um Gehör zu finden.
„Am Abgrund steht der Junker“ – und mit einem Bein im Falkenbach. Der Song atmet die Atmo der gleichnamigen Band, genau wie „At Our Bleakest“ jedenfalls musste ich an die/den Epiker denken? Ist Falkenbach ein Einfluss für dich oder muss ich da nur dran denken, weil es beides quasi Solo-Projekte sind.
Falkenbach? Hehe, ja, ich glaub, da haben wir dann unterschiedliche Perspektiven. „Am Abgrund steht der Junker“ ist maßgeblich vom Stil einer meiner Idole geprägt, das jedoch sind die Iren Primordial, mit Falkenbach habe ich bisher noch nicht wirklich beschäftigt. „At Our Bleakest“ ist ein Cover meiner Doom-Band, den Song habe ich ursprünglich jedoch nicht selbst geschrieben, ich sehe da aber eher Einflüsse von Bands wie Warning, Solstice etc.
Apropos „Solo“. Kanonenfieber sind ja mit einer sehr konzentrierten Idee supererfolgreich. Wie findest du das? Du könntest ja aus deinen HORN-Ansätzen mehr als drei Projekte machen;-)?!
Klar kann man Erfolg haben, wenn man komplett in eine Kerbe schlägt. Hat halt den Vorteil, dass die Leute genau wissen, was sie bei einem bekommen. Fraglich ist nur, wie lange das so bleibt, und ob wenn man dann mal einen Tapetenwechsel vollzieht, dann kann das sehr befremdlich auf die Hörer wirken. Das mit deiner Idee wäre bei Horn natürlich möglich, würde aber bedeuten, dass ich jeder Sparte auch nur ein Drittel meiner Zeit und Ressourcen widmen kann.
Paderborn. Als älterer Herr kenne ich noch die tollen Volleyballer von früher und dieses von vielen als nicht gerade wohlschmeckend bezeichnete Bier (ich mochte das wohl), das in Flaschen an die Kundschaft gebracht wurde, das an Handgranaten erinnerte. Und jetzt eben Fußball. Aber sonst? Welche Rolle spielt deine Heimat für dich. Auch und vor allem bezogen auf die Musik. Würdest du auch solche Musik machen, wenn du in Berlin, Honolulu oder in Balderschwang wohnen würdest?
Oha, Paderborner Bier – ganz schwieriges Thema, haha. Wir kamen da früher nicht umher, bin aber ganz froh, mittlerweile auf andere Marken und Sorten zurückgreifen zu können, um es mal diplomatisch auszudrücken.
Paderborn – und im erweiterten Sinne Westfalen – haben Horn gerade in den Anfangstagen maßgeblich geprägt (so gibt es auch ein Örtchen namens Horn in der Nähe, in dem wir unseren Proberaum hatten). Der Teutoburger Wald, das Hermannsdenkmal, die Externsteine – viele hiesige Landmarken finden sich in den Texten der ersten Alben, in denen das Thema Natur noch sehr stark im Mittelpunkt stand. Und auch, wenn HORN mittlerweile einen deutlicheren ausschweifenderen Charakter erhalten hat, spielt das Thema Regionalität nach wie vor eine starke Rolle – so auch auf Apokalyps 1618. Daher würde ich schon davon ausgehen, dass meine Musik in eine andere Richtung gelaufen wäre, wenn ich in einer Großstadt o. ä. aufgewachsen wäre, sicherlich „weltbürgerlicher“.
Noch was auf dem Herzen?
Danke für die Fragen (ich gebe ansonsten recht ungern Interviews)! Und zumal es hier ums neue Album geht, möchte ich allen Akteuren von Herzen danken, die dieses Unterfangen ermöglicht haben – von meinen Session- und Mitmusikern über die Gastsänger und Cellistin bis hin zum Artwork-Künstler und Produzenten – und natürlich allen treuen Seelen, die mein Projekt seit Jahrzehnten mitverfolgen und unterstützen.




