Interview:

2001-10-19 Grave Digger

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Er ist ein Metal-Urgestein, der CHRIS BOLTENDAHL, Gründer der Wittener Band GRAVE DIGGER. Jetzt steht das neue Album namens THE GRAVE DIGGER vor der Tür. METAL INSIDE hatte den Sänger am Rohr. Fünf Minuten vor der Zeit, ist des Boltendahls Pünktlichkeit: "Ich sitze noch im Auto, melde mich aber in einer Viertelstunde", verkündete der Lockenkopf pflichtbewusst. Das klappte 1a und so plauderten wir, während sich Chris von seiner besseren Hälfte mit leckeren Früchten versorgen ließ.Interview
Wie war die Promo-Tour? Hast Du was Lustiges erlebt?





Es war sehr, sehr anstrengend. Paris, Madrid, Mailand, Saloniki und Athen standen auf dem Plan. Ich habe 14 bis 18 Interviews pro Tag gegeben. Dann ging´s spät nachts ins Hotel, es wurde kurz was gegessen, und dann ab in die Federn. Und morgens ging´s gleich weiter mit dem Flieger. Und das hat alles andere als Spaß gemacht. Irgendwie hab ich in jedem, der ein bisschen nach Islam aussah, einen potentiellen Terroristen vermutet. Ist auch bescheuert... Es war jedenfalls ganz und gar keine Zeit, irgendiwe auszugehen oder sonstwas zu erleben.




Und wie waren die Reaktionen deiner Gesprächspartner?




Gut. Die Journalisten, die bisher reingehört haben, haben zwar größtenteils leichte Anlaufschwierigkeiten gehabt, aber dafür höheren Langzeitspaß. THE GRAVE DIGGER ist nun mal keine Fast-Food-Ware wie EXCALIBUR. Aber nicht nur, dass die Reaktionen auf jeden Fall deutlich besser waren: Schon allein das Medieninteresse selbst hat sich enorm gesteigert. Das ist sicherlich auch ein Ergebnis unserer größeren Livepräsenz. Wir haben viel mehr Konzerte im Süden Europas gespielt und an mehreren Festivals teilgenommen. Das bringt wirklich ´ne Menge.




Ne Menge habt ihr auch an Härte zugelegt.




Stimmt eindeutig. THE GRAVE DIGGER ist wesentlich härter und bodenständiger, dafür aber auch deutlich variabler. Dieser epische und historische Kram vorher war doch ziemlich eingefahren. Und durch diese Trilogie-Geschichte waren wir eben auch sehr eingeschränkt. Da kam es dann ganz automatisch, dass wir unseren Fans mal wieder richtig was um die Ohren ballern wollten. Wir haben die Scheibe in sieben Tagen eingezimmert. Wir hatten Bock drauf und das hört man, denke ich.


Der Strömungswechsel hängt sicherlich auch mit dem Austausch an der Gitarre zusammen.
Unser langjähriger Gitarrist Uwe Lulis wollte nunmal den EXCALIBUR-Stil weiterführen, weil wir damit Erfolg hatten und es weiter Erfolg versprach. Ich bin aber nicht der Typ, der immer nur dasselbe macht. Das diskutierten wir durchaus kontrovers. Dann kam es irgendwann auch zum persönlichen Bruch. Er hatte ja angeblich, wie ich später hörte, schön früher Probleme mit mir. Ich mit ihm eigentlich nicht., Aber dann ging es los mit dem Theater um die Namensrechte. Warum sollte er ein Anrecht auf den Namen haben? Er war in der Gründungszeit überhaupt nicht dabei. Naja. Wie´s dann so ist: Die Angelegenheit wurde dann geldmäßig geregelt. Wir haben ihn quasi ausgezahlt und nun ist die Rechteverteilung klar. Klar, dass ich auch vom Menschen Lulis enttäuscht bin. Ich lass ja viel mit mir machen, aber den Namen GRAVE DIGGER lass ich mir nicht wegnehmen. Den Respekt vor der Person Uwe Lulis hab ich auf jeden Fall verloren.



Was macht er jetzt?




Ich glaube, er hat eine Band namens REBELLION am Start. Deren Scheibe trägt wohl einen Titel, der irgendwie was mit GRAVE DIGGER enthält. Außerdem spielt er ja bei IRON SAVIOR mit.




Nach dem ganzen Ärger gab´s aber auch Erfreuliches. Den neuen Mann an der Axt...


Ja: Manni. Nach seiner Zeit bei RAGE hat er sechs Jahre lang in einem Plattengeschäft gearbeitet. Jens kannte ihn von einem gemeinsamen Projekt. Da haben wir ihn eben kurzerhand gefragt. Und von da an ging alles sehr schnell. Ich stehe auf dieses Zakk-Wylde-geprägte Riffing. Und das hat er amtlich drauf. Wir haben ja auch jede Menge Konzerte hinter uns, es macht wirklich Spaß. Ach so: Und die Website (http://www.grave-digger.de) hat Daniel, ein Freund von mir, von Uwe übernommen.




Schließlich habt ihr auch noch die Plattenfirma gewechselt.




Mit GUN waren wir eigentlich ganz zufrieden, zumindest in Deutschland. Das Ausland haben sie allerdings ein bisschen vernachlässigt. Aber an sich war´s schon in Ordnung. Allerdings ist das bestimmt jetzt auch eine Compilation zu erwarten. "THE VERY BEST OF THE 90´s" oder sowas. Unser alter Gitarrist mischt da bestimmt mit. Peavy von Rage und Barney von Napalm Death haben ja ähnliche Probleme und haben´s vorher schon gesagt: Das ist schlichte Moosmacherei. Von uns ist die Scheibe auf jeden Fall nicht authorisiert, es fehlen ja auch wichtige Stücke.




Die Live-Mitschnitte aus Wacken kommen auch noch bei GUN auf den Markt.




Stimmt. Das ist aber auch was anderes. Wir haben dieses Jahr eine Live-CD sowie eine DVD aufgenommen. Dazu stehen wir auch. Ich denke, das ganze kommt im Frühjahr raus.




Apropos CD. Die Songs auf der Promo-CD waren zum Teil nur auszugsweise zu hören.




Das ist Politik von Nuclear Blast. Die haben wohl Angst vor Bootlegging, Internet, Napster und dem ganzen Kram. Ich konnte nur drei "ganze" Songs durchkriegen, der Rest kam eben als Fade-Out-Version. Dafür gibt´s nen Radio-Edit von der Ballade, die ist so gar nicht auf dem fertigen Album. So ist die Promo auch wieder was ganz Besonderes.




Wie siehst du die ganze Kopier-Chose?




Ich sehe das nicht so dramatisch. Gerade die Metaller wollen doch das fertige Produkt. Und wer die Platte scheiße findet, kauft sie so oder so nicht. Wie war es denn früher? Einer hat die LP gekauft und die Kumpels haben sie sich auf Cassette aufgenommen. Und wenn man die Scheibe richtig gut fand, hat man sie sich eben noch geholt. Was Metallica da mit Napster veranstalten, find ich Käse.




Wenn du nicht mit oder für GRAVE DIGGER unterwegs bist, bist du keinesfalls beschäftigungslos.




Ich arbeite in meiner Promotion-Agentur FLYING DOLPHIN. Da kann ich meine Erfahrung an jüngere Bands weitergeben. Im Business ist es eh schon hart genug. Ich hatte irgendwann keine Bock mehr in meinem Job als Sozialarbeiter herumzuhantieren. Über eine andere Firma habe ich mich dann reingearbeitet.




Das hilft ja auch der eigenen Band. Und spart Geld.




Ja. Ich hab wohl mehr Durchblick, weil ich das Ganze auch von der anderen Seiten kenne. Ich kann halt einfach schneller reagieren, wenn ich muss.




Wie geht´s jetzt weiter mit den Grabschauflern?




Am 22. Oktober kommt das neue Album THE GRAVE DIGGER. Anschließend haben wir unseren ersten Auftritt in Frankreich - nach 21 Jahren. Ab Januar sind wir dann in Deutschland unterwegs. Hinten dran kommen dann weitere Gigs im Ausland. Und vielleicht geht´s sogar in die USA: Im kommenden Jahr spielen wir vielleicht auf dem Classic Metalfestival in Cleveland/ Ohio. Wir stehen in Kontakt mit den Veranstaltern, aber es ist noch nichts unterschrieben. Ich find es auch nicht so toll, dass die schon mit uns werben. Auf ihrer Internetseite sieht es aus, als hätten wir schon definitiv zugesagt. Stimmt aber nicht. Und wenn es dann doch nicht klappt, sind unsere Fans enttäuscht.
Wir touren sowieso lieber in Blöcken, haben keine Lust sieben Wochen am Stück unterwegs zu sein wie zum Beispiel GAMMA RAY.




Verständlich, denn der gute Chris ist ja immerhin schon 39. Wie schaffst du es, dich immer wieder neu zu motivieren?




Am Anfang war es wie eine Sucht. Zwischendurch verliert man schon mal die Lust wegen der vielen Unwägbarkeiten im Business. Aber seit ein paar Jahren macht es wieder Spaß, Im Moment sogar richtig. Und ich hoffe, das hören die Fans unserer neuen CD auch an.

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