REVIEW: Hello Boys and Girls! (Nicko McBrain)

BY Karsten Goebel


352 Seiten in gerade einmal anderthalb Tagen geschafft! So schlecht kann die Autobiografie von Schlagzeuglegende NICKO MCBRAIN also nicht sein!

Als Drummer einer Band wie IRON MAIDEN hat man zweifellos einiges zu erzählen. Was liegt da näher, als auf ein bewegtes Leben zurückzublicken und die Jahrzehnte bei den Eisernen Jungfrauen Revue passieren zu lassen? Und tatsächlich hat NICKO MCBRAIN eine ganze Menge zu berichten. Dabei muss sich seine Autobiografie natürlich auch an ähnlichen Werken messen lassen, allen voran an der schonungslosen Lebensbeichte von JUDAS PRIEST Frontmann Rob Halford oder der Autobiografie seines eigenen Bandkollegen BRUCE DICKINSON.

Eines kann ich vorwegnehmen: Alle drei Bücher sind absolut lesenswert, verfolgen allerdings völlig unterschiedliche Ansätze. Während Rob Halford im wahrsten Sinne des Wortes die Hosen runterlässt und auch vor den dunkelsten Kapiteln seines Lebens nicht zurückschreckt, gewährt BRUCE DICKINSON deutlich mehr Einblicke in sein Leben abseits von IRON MAIDEN. NICKO MCBRAIN hingegen stellt vor allem seine musikalische Laufbahn und natürlich seine Jahre bei den britischen Metal Giganten in den Mittelpunkt.

Dennoch gibt es einige Überraschungen. So waren mir beispielsweise die eine oder andere Drogenbeichte und auch Nickos zeitweilige Probleme mit dem Alkohol in dieser Form nicht bekannt. Allerdings wird schnell deutlich, dass es in seinem Leben immer eine große Konstante gab: das Schlagzeug. Die Drums standen stets an erster Stelle, und daran ließ NICKO MCBRAIN offensichtlich nie einen Zweifel aufkommen.

Besonders interessant sind die Schilderungen seiner Kindheit und Jugend. Auffällig viel Raum widmet NICKO MCBRAIN dabei seinen Eltern, die ihren Sohn bedingungslos unterstützten und seinen musikalischen Ambitionen offenbar niemals ernsthaft im Weg standen. Das ist bemerkenswert, denn gerade in Musikerbiografien liest man häufig das genaue Gegenteil. NICKO MCBRAIN hingegen blickt mit großer Dankbarkeit auf seine Familie zurück und lässt den Leser an diesen Erinnerungen teilhaben.

Natürlich verliert sich der sympathische Brite gelegentlich in Details, die nicht unbedingt jeden Leser gleichermaßen interessieren dürften. Manchmal hätte man sich gewünscht, er würde eine Geschichte etwas schneller auf den Punkt bringen. Doch solche Passagen werden durch die zahlreichen abgedruckten Fotografien wieder wettgemacht. Besonders die privaten Aufnahmen ermöglichen einen persönlichen Blick auf den Menschen hinter dem Schlagzeugmonster und gewähren interessante Einblicke in sein Familienleben.

Auch die Geschichten aus der Zeit vor IRON MAIDEN kommen nicht zu kurz. Dabei begegnet man selbstverständlich diversen bekannten Persönlichkeiten. OZZY OSBOURNE darf ebenso wenig fehlen wie die Erinnerungen an NICKO MCBRAINs Zeit bei der französischen Band TRUST. Letztere scheint vor allem durch ausgiebige Essensschlachten und einen vergleichsweise gut bezahlten Job in seinem Gedächtnis geblieben zu sein. Musikalisch war diese Station letztlich nur eine Zwischenetappe auf dem Weg zu seiner eigentlichen Bestimmung.

Besonders deutlich wird beim Lesen, wie eng NICKO MCBRAIN mit seinen Bandkollegen verbunden ist. IRON MAIDEN ist für ihn weit mehr als ein Arbeitgeber. Seine Mitstreiter betrachtet er als Brüder. Umso interessanter sind die Passagen über den damaligen Ausstieg von BRUCE DICKINSON, bei denen auch Jahrzehnte später noch ein gewisser bitterer Beigeschmack durchzuschimmern scheint.

Eine weitere Erkenntnis zieht sich nahezu durch das gesamte Buch: Steve Harris, den NICKO MCBRAIN konsequent nur „'Arry“ nennt, ist für ihn der unumstrittene Kopf von IRON MAIDEN. NICKO MCBRAIN lässt keinen Zweifel daran, wem die Band ihren außergewöhnlichen Erfolg und ihre Beständigkeit zu verdanken hat. Harris ist der Motor, der IRON MAIDEN zu dem gemacht hat, was sie heute sind. Und damit dürfte der Schlagzeuger wohl nicht ganz unrecht haben.

Allerdings liegt hier auch eine der Schwächen des Buches. Denn so unterhaltsam die zahlreichen Anekdoten auch sind, an einigen Stellen hätte ich mir deutlich mehr Tiefgang und vor allem etwas mehr Mut gewünscht, unbequeme Themen anzusprechen. Die schwierige Phase mit BLAZE BAYLEY als Nachfolger von BRUCE DICKINSON wird zwar behandelt, doch gerade hier wäre es spannend gewesen, noch etwas ausführlicher hinter die Kulissen zu schauen. Wie groß waren die internen Spannungen tatsächlich? Wie wurde die damalige Situation innerhalb der Band wahrgenommen? Und wie offen ging man miteinander um? Solche Fragen bleiben für meinen Geschmack etwas zu sehr an der Oberfläche.

Überhaupt hat man gelegentlich das Gefühl, dass der englische Gentleman lieber schweigt, wenn eine Geschichte zu unangenehm werden könnte. Statt schmutzige Wäsche zu waschen, konzentriert sich NICKO MCBRAIN auf die positiven Erinnerungen und blickt mit einer gehörigen Portion Dankbarkeit auf seine außergewöhnliche Karriere zurück. Das ist einerseits sympathisch und passt zu dem Bild, das man von ihm hat. Andererseits verschenkt das Buch dadurch ein wenig Potenzial.

Besonders berührend sind schließlich die Passagen über seine Ehefrau, die NICKO MCBRAIN in den höchsten Tönen lobt und deren Unterstützung für ihn offensichtlich von unschätzbarem Wert ist. Nach einem Leben voller Tourneen, Studiosessions und unzähliger Konzerte scheint der mittlerweile aus dem regulären Tourbetrieb ausgestiegene Schlagzeuger vor allem eines zu schätzen: die gemeinsame Zeit mit seiner Familie.

So bleibt „Hello Boys and Girls!“ eine äußerst unterhaltsame Autobiografie, die sich vor allem an Fans von IRON MAIDEN richtet, aber auch darüber hinaus interessante Einblicke in das Leben eines der bekanntesten Schlagzeuger der Metalgeschichte bietet. Wer eine schonungslose Abrechnung mit dem Musikgeschäft oder die ganz großen Enthüllungen erwartet, dürfte möglicherweise etwas enttäuscht werden. Wer hingegen NICKO MCBRAIN als Musiker und Menschen näher kennenlernen möchte, bekommt auf 352 Seiten reichlich Lesestoff geboten. Ich persönlich hätte mir an einigen Stellen mehr Detailtiefe und etwas weniger Zurückhaltung gewünscht. Dennoch habe ich die 352 Seiten regelrecht verschlungen. Und das spricht letztlich für sich.

Bleibt nur zu hoffen, dass IRON MAIDEN ihren ehemaligen Drummer irgendwann noch einmal für einen Song als Gast auf die Bühne holen. NICKO MCBRAIN selbst würde sich diesen Wunsch jedenfalls gerne erfüllen. Und seien wir ehrlich: Ein letztes Mal NICKO MCBRAIN hinter dem IRON MAIDEN Drumkit zu erleben, wäre für jeden Fan ein verdammt emotionaler Moment!



HELLO BOYS AND GIRLS!

Band: Nicko McBrain
Genre: NWoBHM
Tracks: 1
Länge: 0:00
Medium: Buch
Label: Heyne Verlag
Vertrieb: Heyne Verlag