REVIEW: Back From The Abyss (STRETTA)
TIPP
„Was lang währt, wird endlich gut“ oder „Gut Ding braucht Weile“ sind Weisheiten, die mal mehr, mal weniger passen, treffen aber bei der Hanauer Band STRETTA voll ins Schwarze. Es ist etwa 34 Jahre her, da bekam ich den ersten Longplayer „Alone In The Blue“ von den Jungs persönlich ausgehändigt. Seit der Zeit ist viel passiert. Mein Freund, Gründungsmitglied und musikalischer Kopf der Band, Norbert Kramarek, verstarb 2015 plötzlich und unerwartet. Das war dann zunächst das Ende von STRETTA. Erst als die verbliebenen beiden, Peter Teicher (Bass) und Sänger Raphael Piatkowski, eine Anfrage bekamen, einen Song zu einem Album eines Freundes beizusteuern, erwachte die Band wieder. Es wurde im Folgenden der Titelsong des 87er Demos „Into The Abyss“ mit Florian Decher an der Gitarre und am Schlagzeug neu eingespielt. Man merkte recht schnell, dass die Chemie stimmt, und nahm zwei weitere Tracks auf und veröffentlichte das Ergebnis vor drei Jahren als Maxi mit dem Titel „B.F.T.A.“ (siehe hier).
Nun ist im Juli der zweite Longplayer „Back From The Abyss“ erschienen. Für das Album hat man sich zehn Titel (inkl. Maxi) aus der kompletten Schaffensphase vorgenommen, diese überarbeitet und neu eingespielt. Das Ergebnis ist mehr als beeindruckend. Die Nummern hatten von jeher Kraft und Tiefgang. Die Jungs haben es igleichwohl geschafft, ihnen neues Leben einzuhauchen und sie in die aktuelle Zeit zu transferieren. Da klingt nichts verstaubt oder antiquiert, selbst die kritischen Texte passen (leider) eins zu eins zur Gegenwart. Musikalisch geht zwar wirklich die Post ab, Langeweile kommt aber nie auf. Der Opener „Into The Abyss“ ist eine punkige Abrissbirne, die mit Highspeed aus dem Quark kommt und nicht lange fackelt. Damit ist die Nummer schon fast eine Ausnahme. „Changing Places“ ist ein filigraner Thrasher, der aber schon die – für die Hanauer typischen – Tempowechsel beinhaltet. Ein richtiges Brett, das live gewiss zum Mitgrölen einlädt. „Skin“ kriecht schleppend groovig aus den Boxen und bereitet den Tisch für das Highlight der Scheibe: „Holidaze“ (früher „Holidaze In Prisoncells“ mit über 7 Minuten). Ein wunderbares Vermächtnis von Norbert, der den Song damals geschrieben hat. Die verschiedenen Tempo-, Lautstärke- und Themenwechsel geben dem Lied einen progressiven Anstrich. Rapha zeigt hier, dass er auch prima mit Klargesang umgehen kann. „Among Thorns“ ist ebenfalls solch ein Stück, in dem die ruhigen, teils akustischen Momente den Spannungsbogen halten, ohne die Power dabei aus den Augen zu verlieren. Der Einstieg erinnert mich stilistisch an TROUBLE, wird nachfolgend darüber hinaus von Peters feiner Bassline getragen. Beide letztgenannten Tracks wurden in der Neuauflage gekürzt, was die Essenz besser zur Geltung bringt und so ihnen mehr Tiefe verleiht.
Ich habe Rapha gefragt, ob eigentlich Norbert an der Gitarre noch zu hören sei, da ja alles neu eingespielt wurde. Nein, antwortete mir Rapha, an der Gitarre nicht. Allerdings ist am Ende von „Spit“ ein Klavier zu hören, das sei die Aufnahme von Ihm, und das titelgebende, hörbare Entledigen der Körperflüssigkeit am Schluss sei ebenfalls von Norbert.
„Back From The Abyss“ offeriert beileibe mehr als Knüppel aus dem Sack, vielmehr wird auf dieser Scheibe niveauvoller Thrash für Fortgeschrittene geboten. Die Truppe hat über die Jahre einen ganz eigenen, markanten Stil entwickelt -– mal doomig, zuweilen rockig-punkig, immer die Melodien im Fokus -– den Achim Koehler (u.a. WIZO, Primal Fear) in ein druckvolles, zeitgemäßes Soundgewand gepackt hat.
Inzwischen sind sie übrigens wieder mit Raphael „Roughy“ Hausmann (Gitarre) und Jonas Mizera (Drums) zum Quintett angewachsen. Sie wünschen sich nun nichts mehr, als wieder auf die Bühne zu kommen. Ich wäre dann gerne dabei.
BACK FROM THE ABYSS
| Band: | STRETTA |
| Genre: | Thrash Metal |
| Tracks: | 10 |
| Länge: | 44:23 |
| Medium: | CD |
| Label: | Devilmusic |
| Vertrieb: | eigen |






