REVIEW: Estuary (Wolves In The Throne Room )

TIPP

BY Erik Bosbach


Zwischen apokalyptischer Finsternis, archaischer Naturgewalt und hypnotischer Schönheit

WOLVES IN THE THRONE ROOM waren noch nie eine Band, die sich mit den üblichen Maßstäben des Black Metal zufriedengibt. Seit mehr als zwei Jahrzehnten verfolgen die US-Amerikaner aus Olympia, Washington, ihre ganz eigene Vision einer Musik, in der Naturverbundenheit und kompromisslose Härte eine untrennbare Einheit bilden. Als prägende Vertreter des Cascadian Black Metal haben sie dabei einen unverwechselbaren Klangkosmos geschaffen, der weit über das bloße Wechselspiel aus Blastbeats, Tremolo-Gitarren und giftigem Gekreisch hinausgeht. Mit „Estuary“ schlagen sie nun ein weiteres Kapitel auf, das vertraute Trademarks mit neuen Klangfarben verbindet und eindrucksvoll unterstreicht, dass diese Band auch nach über zwanzig Jahren noch längst nicht am Ende ihrer kreativen Möglichkeiten angekommen ist.

Das Album klingt gleichermaßen typisch und experimentierfreudig, schwarzmetallisch und atmosphärisch, archaisch und stellenweise beinahe industriell. Gerade dieser Kontrast macht den Reiz der sechs Stücke aus. Wo an einer Stelle die rohe Gewalt der Drums und rasende Gitarrenwände dominieren, öffnen sich andernorts weitläufige Klangräume, in denen sich einzelne Melodien entfalten und eine fast tranceartige Sogwirkung entwickeln.„Estuary“ ist als Konzeptalbum angelegt und entwirft eine düstere Zukunftsvision: Tausend Jahre nach einer katastrophalen Apokalypse durchwandern die Überlebenden die Überreste untergegangener Zivilisationen. Mutierte Kreaturen bevölkern die verwüstete Welt, während sich eine neue, postapokalyptische Religion herausgebildet hat. Die Natur ist dabei nicht eine Kulisse für den Untergang der Menschheit, sondern eher Kraft und Erneuerung. WOLVES IN THE THRONE ROOM erzählen ihre Geschichte nicht mit einer konventionellen, geradlinigen Dramaturgie, sondern mit Stimmungen, Klanglandschaften und wiederkehrenden musikalischen Motiven.

Der Großteil der Aufnahmen entstand im bandeigenen Owl Lodge Studio in Olympia, während die Schlagzeugspuren unter der Regie von Nicholas Wilbur im The Unknown, einer umgebauten ehemaligen Kirche in Anacortes, aufgenommen wurden. Der bewusste Bezug zu analogen Produktionstechniken und klassischen Studioprozessen passt zum organischen Charakter des Albums.


Beim Titeltrack „Estuary“ Erzeugen die Gitarren erzeugen eine bedrückende Grundstimmung, während sich aus der zunächst finsteren Anlage zunehmend eine eigene Dynamik entwickelt. Mit „Knights of Tiamat“ zeigen WOLVES IN THE THRONE ROOM, dass ihre atmosphärische Ausrichtung keineswegs zulasten der schwarzmetallischen Durchschlagskraft geht. Die charakteristischen Gitarrenwände bauen sich hoch auf. Melodien sind nicht als bloßer Schmuck über die Härte gelegt werden. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil der Komposition und geben den intensiven Passagen eine emotionale Richtung. Dadurch entsteht ein spannendes Wechselspiel aus Aggression und Erhabenheit. Mit knapp zehn Minuten ist „Foretold in Reflections“ das längste Stück der Platte, Sphärische, stellenweise an Industrial erinnernde Klangteppiche treten majestätisch in den Vordergrund und verleihen der Komposition eine beinahe überwältigende Größe. Der Kontrast zwischen tranceartigen Passagen und ausgedehnten Blastbeats sorgt dafür, dass sich die Komposition nicht in einer einzigen Stimmung festfährt. Wenn die Drums schließlich wieder mit voller Wucht einsetzen, wirkt das nicht wie ein routinierter Härtesnstieg, sondern wie der eruptive Ausbruch einer zuvor aufgestauten Energie.Auch bei „The Orca Cliffs“ liegt ein Reiz im Zusammenspiel aus weitläufiger Atmosphäre und der Fähigkeit, jederzeit in rohe Intensität umzuschlagen. Der Titel „Ghosts Among the Obelisks“ beschwört Bilder einer vergangenen Kultur herauf, deren steinerne Monumente noch immer in der Landschaft stehen, während ihre einstigen Erbauer längst verschwunden sind. Mit „Wretched Spirits, Land of the Light“ endet das Album mit einem Titel, dessen Gegensatz bereits im Namen angelegt ist und bündelt zentralen Gedanken des Albums: Dunkelheit und Hoffnung oder Zerfall und Erneuerung.

 

Das Album verbindet die vertraute Wucht ihrer schwarzmetallischen Wurzeln mit einer ausgeprägten atmosphärischen und experimentellen Seite. Seine Stärke liegt in der Atmosphäre, der Dynamik und dem konsequenten Zusammenspiel von Musik und Konzept. Richtig stark!






ESTUARY

Band: Wolves In The Throne Room
Genre: Black Metal
Tracks: 6
Länge: 48:27
Medium: CD
Label: Century Media
Vertrieb: Relapse Records