REVIEW: ANNIHILIST (HIPPOTRAKTOR)

BY Karsten Goebel


Manchmal fragt man sich ernsthaft, wie eine Band bislang komplett an einem vorbeigehen konnte. HIPPOTRAKTOR gehören für mich definitiv in diese Kategorie. Die Belgier veröffentlichen mit „Annihilist“ bereits ihr drittes Studioalbum und liefern dabei ein beeindruckendes Stück anspruchsvoller Musik ab, das progressiven Metal, wuchtigen Post Metal und eine ordentliche Portion Emotionen zu einer faszinierenden Einheit verschmelzen lässt. Dabei beweisen HIPPOTRAKTOR eindrucksvoll, dass technische Versiertheit und emotionale Tiefe keineswegs im Widerspruch stehen müssen. Ganz im Gegenteil. Die Musiker beherrschen ihre Instrumente zweifellos auf höchstem Niveau, wissen aber auch ganz genau, wann es sinnvoller ist, einen Gang zurückzuschalten, anstatt sich in irgendwelchen technischen Spielereien zu verlieren. Denn bei aller Komplexität steht auf „Annihilist“ vor allem eines im Mittelpunkt: das Gefühl.

Und davon gibt es reichlich. Das Album lebt von seinen enormen Dynamikunterschieden, von beinahe zerbrechlichen, ruhigen Momenten bis hin zu brachialen Ausbrüchen, die mitunter innerhalb weniger Sekunden über den Hörer hereinbrechen. Gerade noch verliert man sich in einer melancholischen Klanglandschaft, schon im nächsten Augenblick wird man von massiven Gitarrenwänden und rhythmischen Gewaltausbrüchen regelrecht überrollt. Diese Wechsel wirken dabei niemals aufgesetzt, sondern sind ein wesentlicher Bestandteil der musikalischen Dramaturgie. HIPPOTRAKTOR verstehen es hervorragend, Spannungsbögen aufzubauen, Erwartungen zu wecken und diese im nächsten Moment wieder über den Haufen zu werfen. Allerdings ist „Annihilist“ definitiv kein Album für den schnellen Konsum zwischendurch. Wer hier nur mit einem Ohr zuhört, verpasst schlichtweg zu viel. Die Songs verlangen Aufmerksamkeit, entwickeln sich teilweise in unerwartete Richtungen und offenbaren ihre zahlreichen Feinheiten erst bei intensiverer Beschäftigung. Genau darin liegt aber auch eine der großen Stärken dieser Veröffentlichung. Hier gibt es immer wieder etwas Neues zu entdecken, ohne dass die Belgier dabei den roten Faden verlieren.

Auch inhaltlich servieren HIPPOTRAKTOR alles andere als leichte Kost. Im Mittelpunkt steht ein Protagonist, der in einem scheinbar endlosen Kreislauf der Reinkarnation gefangen ist und versucht, die Natur seiner eigenen Existenz zu begreifen. Ein durchaus philosophischer und düsterer Ansatz, der sich hervorragend in der Musik widerspiegelt. Verzweiflung, Wut, Hoffnung und Resignation liegen oftmals erschreckend dicht beieinander und verleihen den Kompositionen eine zusätzliche emotionale Dimension. Eine besondere Erwähnung verdient dabei Sänger Stefan De Graef, der mit seiner enormen stimmlichen Bandbreite einen entscheidenden Anteil an der Intensität des Albums hat. Von gefühlvollen, beinahe verletzlich wirkenden klaren Gesangspassagen bis hin zu aggressiven Schreien und tiefen Growls hat der Mann praktisch alles im Repertoire. Dass De Graef auch bei PSYCHONAUT am Mikrofon steht, dürfte Kennern der progressiven Metalszene ohnehin bekannt sein. Auf „Annihilist“ demonstriert er jedenfalls eindrucksvoll, wie vielseitig und ausdrucksstark seine Stimme eingesetzt werden kann.

Was HIPPOTRAKTOR letztlich so interessant macht, ist die Tatsache, dass die Band trotz aller technischen Raffinesse niemals den emotionalen Zugang zu ihrer Musik verliert. Hier wird nicht kompliziert musiziert, nur um kompliziert zu sein. Jede Wendung, jeder ruhige Moment und jeder brachiale Ausbruch scheint seinen festen Platz zu haben. Das Ergebnis ist ein intensives, atmosphärisch dichtes Album, das gleichermaßen fordert und belohnt.



ANNIHILIST

Band: HIPPOTRAKTOR
Genre: Progressive
Tracks: 7
Länge: 38:25
Medium: CD
Label: Pelagic Records
Vertrieb: 375 Media