REVIEW: Mørketid (MORTEM)
BY Erik Bosbach
Es gibt Bands, deren Legendenstatus größer ist als ihre eigentliche Diskografie. MORTEM gehören genau in diese Kategorie. Ende der Achtziger gehörten die Norweger zu den finsteren Vorboten jener zweiten Black Metal-Welle, die später eine ganze Generation extremer Musik prägen sollte. Nach dem legendären Demo “Slow Death” verschwand die Band allerdings beinahe so schnell wieder im Nebel, während ihre Mitglieder anschließend bei Szenegrößen wie ARCTURUS, THORNS oder MAYHEM Musikgeschichte schrieben. Erst Jahrzehnte später kehrte das Projekt mit “Ravnsvart” aus der Gruft zurück und nun folgt mit “Mørketid” das zweite vollwertige Lebenszeichen.
Wer hier nostalgischen Selbstzweck erwartet, liegt nur zur Hälfte richtig. MORTEM schöpfen zwar tief aus den Wurzeln des klassischen norwegischen Black Metal, doch “Mørketid” wirkt nie wie eine bloße Zeitkapsel. Stattdessen lodert das Album wie ein altes Ritualfeuer, das mit frischem Brennstoff entfacht wurde.
Bereits der Titeltrack macht deutlich, wohin die Reise führt: Kalte Gitarren schneiden durch die Dunkelheit wie vereiste Klingen, während der Bass präsent aus den Tiefen grollt und den Songs ein massives Fundament verleiht. Darüber peitscht Hellhammer mit einer puren Wucht, seine Drums wirken organisch, lebendig und schmerzhaft direkt, als würde jede Snare den nächsten Sargnagel einschlagen.
Marius Vold bleibt dabei das giftige Zentrum des Geschehens. Sein heiseres, von Galle und Verzweiflung zerfressenes Organ klingt nicht wie gesungen, sondern wie ausgespien. Gerade diese ungeschliffene Boshaftigkeit verleiht den Kompositionen ihre Glaubwürdigkeit. Die Produktion unterstützt diesen Eindruck. Kompositorisch beginnt “Mørketid” zunächst mit vertrauten Zutaten. Mystische Leadgitarren, eisige Melodien und düstere Klanglandschaften lassen Erinnerungen an die Hochphase des norwegischen Black Metal aufleben. Immer wieder blitzen dabei Anleihen auf, die an frühe DIMMU BORGIR und SATYRICON erinnern. Zwischen rasenden Passagen öffnen sich immer wieder finstere Ruhepole, in denen sich schattenhafte Keyboardflächen und unheilvolle Ambient-Momente ausbreiten. Besonders “Skyggeånd” entwickelt sich mit seiner epischen Dramaturgie und den dezent symphonischen Akzenten.
Doch MORTEM verlassen ihre frostige Komfortzone zunehmend. Aftermath” überrascht mit einem melodischen Gitarrensolo, das eher klassischen Heavy-Metal-Tugenden verpflichtet ist, ohne den düsteren Gesamteindruck zu verwässern. Noch deutlicher fällt die stilistische Öffnung bei “Den sanne Gud” aus, dessen massive Riffs und aggressiver Vorwärtsdrang unverkennbar in Richtung Death Metal marschieren. Vielleicht das richtige für die aktuelle Trockenperiode: Die Musik klingt nicht nach kalkulierter Finsternis, sondern nach einem Schneesturm über den norwegischen Fjorden: eisig, erbarmungslos und zugleich von einer morbiden Schönheit. MORTEM versuchen erst gar nicht, modern zu wirken oder Trends hinterherzulaufen. Das Ergebnis ist aber auch kein verstaubtes Museumsstück, sondern ein lebendiges, bissiges Werk, das zeigt, dass alte Dämonen auch Jahrzehnte später noch messerscharfe Klauen besitzen.
MøRKETID
| Band: | MORTEM |
| Genre: | Black Metal |
| Tracks: | 8 |
| Länge: | 44:38 |
| Medium: | CD |
| Label: | Peaveville |
| Vertrieb: |




