REVIEW: Anthems For The Grand Collapse (SolNegre)
TIPPBY Meisenkaiser
Es ist jedes Mal aufs Neue erstaunlich, wie das belgische Label Meuse Music Records immer wieder Perlen aus den tiefsten, lichtlosen Abgründen des Doom-Meeres fischt. Diese Kostbarkeit stammt – wie die grandiosen Helevorn – von den Balearen. Mit an Bord ist Rigel, der bis „Aamamata“ bei Helevorn in die Saiten griff und das Erbe des Death und Doom seit 2022 bei SOLNEGRE mit stoischer Ruhe weiter betreut. Allerdings: Die Spanier verzichten auf ihrem neuen Werk „Anthems For The Grand Collapse“ auf die zuckrige Süße, die ihre Kollegen von der Insel so einzigartig macht. Zum Glück. Denn die „dunkle Sonne“ Mallorcas ist in ihrer Welt wirklich schwarz. Die Band selbst beschreibt diesen kreativen Tauchgang als eine 20-monatige Spirale aus Chaos, Licht und Nebel – ein Unterfangen, das sie fast verschlungen hätte.
Das Album ist keine sanfte Kreuzfahrt, sondern ein epischer Törn durch das Auge des Sturms: Der Opener „The Axiom - Song for the Inert Part II“ Mutiert zum neunminütigen Epos. Aggressiv-verzweifelte Vocals peitschen wie ein Nordwest-Sturm, während Gitarrensoli, die selbst Gary Moore zur Ehrerbietung bewegt hätten, durch die Brandung schneiden. Die Songstruktur zieht den Hörer in einen Sog der Verzweiflung – keine Titanic-Romantik, sondern das beklemmende Gefühl der Passagiere eines kleinen Flüchtlings-Bootes in der unendlichen, gleichgültigen Weite des Mittelmeers. „The Hollow Inside“ ist das Gegenstück – ein stampfender Rhythmus mit einer Wucht, die das Schiff auf Kurs hält. Es ist der bessere Paradise-Lost-Song: fast schon optimistisch, bevor er durch unerwartete, akustische Untiefen mit einer Eruption aus Klang explodiert. „In The Stillness Of The Womb“ und das abschließende „A Path of Aloneness (I&II)“ sind die atmosphärischen Wechselbäder. Mit dem ätherischen Gesang von Gadea es Ineseta und Carmen Jaime sowie den klagenden Violinen von Núria Luis wirkt die Musik plötzlich so unaufdringlich, aber unaufhaltsam wie die Verschiebung der Kontinentalplatten.
Fünf Stücke, majestätisch und so düster wie die Klippen von Mallorca unter einer pechschwarzen Gewitterfront. Es ist ein faszinierender Kontrast: das vermeintliche Urlaubsparadies als Wiege für diesen tiefschwarzen Sound. Vielleicht ist dieses Album ein Sinnbild für den Zustand unserer Welt – irgendwo zwischen Schönwetter-Fassade und dem tiefen, kalten Druck unter der Wasseroberfläche.
Es ist ganz große Musik. Aber eben auch sehr, sehr traurig. Wer sich in der hehren Gesellschaft von Saturnus, Lake Of Tears oder Ennui zu Hause fühlt, der wird an SOLNEGRE nicht vorbeikommen. Leinen los in den Untergang.
ANTHEMS FOR THE GRAND COLLAPSE
| Band: | SolNegre |
| Genre: | Doom Metal |
| Tracks: | 5 |
| Länge: | 41:50 |
| Medium: | CD |
| Label: | Meuse Music Records |
| Vertrieb: |




