INTERVIEW: P.G. erklärt die finnische Seele – und das neue Album

BY Meisenkaiser




Eishockey, Sauna, Salmiakki: Soumi Finland Perkele! Und: EINVIGI – der nächste heiße Tipp aus dem kühlen Norden. Die Finnen haben soeben ihre  vierte Scheibe „Latent“ fertiggestellt. Es erscheint am 2. Oktober. Was das alles mit U2 und Coldplay so tun hat, wollen wir mit der Band klären. Mastermind Petteri (oder P.G.) stört METAL INSIDE aber erst einmal beim TV gucken.

Hi, ich heiße P.G., spiele Gitarre bei Einvigi, übernehme die Clean-Vocals und kümmere mich um das Songwriting und die Texte. Schön, mit euch über das neue Album zu quatschen! Zufälligerweise hat gerade ein ganz spezielles Jubiläumskonzert im TV begonnen. Yle, die finnische Rundfunkanstalt, feiert ihren 100. Geburtstag und das Finnische Radio-Symphonieorchester zockt finnische Metal-Klassiker zusammen mit einer Heavy-Metal-Band und bekannten Metal-Sängern. Dazu hat Yle eine fünfteilige Doku über die letzten 50 Jahre des finnischen Metals rausgehauen. So feiert man das eben in Finland – man kann schon sagen, wir sind ein echtes Metal-Volk.

Laut einer „Internet-Suche“ bedeutet EINVIGI so viel wie „ein Duell ohne Regeln oder Richter“. Wenn das stimmt, lässt sich dieses Konzept eins zu eins auf eure Musik übertragen?

Früher hat das unsere Musik ziemlich genau auf den Punkt gebracht. Wir beugen uns musikalisch keinen Regeln oder Konventionen. Wir gehen einfach mit dem Gefühl, wenn sich das gerade richtig anfühlt, und brauchen keine erzwungenen Refrains. Heutzutage ist unsere Musik im Grunde moderner Black Metal, weshalb es inzwischen natürlich mehr Elemente gibt, die man in der Szene sofort wiedererkennt, sozusagen.

Eure Evolution ist spannend: Von der ersten EP und den Blackgaze-Anfängen über die Selbstfindung bis zu eurem vierten Album in sechs Jahren. Wie lief das intern ab, und wie hat sich euer Sound dadurch verändert?

In den ersten vier Jahren haben wir uns eigentlich nur zum Zocken getroffen, um uns nach langer Zeit mal wiederzusehen und Bier zu trinken. Ich hatte zuvor in meiner Folk-/Country-Band Akustikgitarre gespielt und bin erst kurz davor zum Metal zurückgekehrt.

Dann haben wir eine Demo gemacht und auf ein Album hingearbeitet. Bei den Aufnahmen zu „Sielulintu“ kam dann dieses Gefühl: „Fuck it, machen wir ein echtes Album draus!“ Das war der Moment, in dem sich Einvigi für mich zu einer Lebenseinstellung gewandelt hat. „Sielulintu“ hat ordentlich Hype generiert – immerhin war das das erste echte Blackgaze-Album in Finnland! Kurz darauf kam allerdings COVID und hat uns komplett den Teppich unter den Füßen weggezogen. Es gab quasi keine andere Option, als einfach weiter Alben rauszuhauen.

Was unseren Stil angeht: Viele Bands fangen hart und dunkel an und werden über die Jahre immer softer. Wir machen genau das Gegenteil! Wir haben leicht angefangen und uns kontinuierlich in Richtung härteres und dunkleres Terrain vorgearbeitet. In dem Tempo haben wir in ein paar Jahren Corpse Paint im Gesicht. Vier Alben in sechs Jahren – das ist ein verdammt heftiges Tempo, aber ich mache keine halben Sachen.

Wie blickst du auf Genres wie Black Metal, Post-Black-Metal, Shoegaze und Folk – und wo verortet ihr euch selbst?

Auf den ersten Alben war unser Style extrem stark vom Blackgaze geprägt, Vergleiche mit Alcest waren an der Tagesordnung. Das dritte Album Monokroma war dann eine reine Suchphase. Wir waren uns selbst nicht sicher, ob wir Blackgaze, Melodic Death Metal, Doom oder Black Metal sind. Mit diesem vierten Album haben wir uns jetzt komplett gefunden. Es heißt ja nicht umsonst, dass es seine Zeit braucht, um den eigenen Sound zu finden – bei uns hat das mal eben zehn Jahre gedauert!

Euer neues Album Latent ist das erste, das (fast) komplett auf Englisch eingespielt wurde. Warum dieser Schritt – und was ändert sich dadurch, mal abgesehen von der Sprache?

Eigentlich gibt es genau einen Song namens „Leviathan“, der auf Finnisch geblieben ist. Die Jungs meinten: „Änder diesen Text bloß nicht ins Englische!“ Und zum Glück habe ich auf sie gehört.

Nach drei Alben fühlte sich das Texten auf Finnisch einfach zu vertraut und sicher an. Es war Zeit, uns selbst herauszufordern und neue Dinge zu lernen. Auch wenn Musik für sich spricht: Es schadet sicher nicht, wenn unsere Lyrics jetzt auch außerhalb von Finnland verstanden werden.

Wie ist die neue Scheibe entstanden und gibt es wilde Anekdoten?

Ich hatte alle Songs für das vierte Album demoartig eingespielt und an die Jungs geschickt. Zunächst waren sie auf Finnisch und klangen im Grunde wie eine schlechte Kopie von Sentenced. Irgendwann dachte ich mir nur: „Fuck, wir laufen komplett in die falsche Richtung.“ Ich meinte: „Werft die Demos in den Müll, ich fange von vorne an.“

Aufgenommen haben wir in der ländlichen Stille, produziert von Tomi Uusitupa. Er hatte zwar vorher nicht viel mit extremem Black Metal zu tun, aber sein Sound bei Bands wie Cumbeast oder Sepulchral Curse war absolut fett. Und Tomi ist ein extrem kreativer Kopf!

Ein paar Highlights aus dem Studio:

Für den Titeltrack Latent („Ego Sum Nox“) haben wir das gegrollte Intro mitten in der Nacht im Wald aufgenommen – befeuert von ordentlich Fireball-Schnaps. Wir haben Kabel aus den Studiofenstern gezogen und so laut gegrollt, dass der ganze Wald widerhallte, während irgendwo in der Ferne Hunde heulten, hahaha.

Natürlich gab es auch ein indigenes südamerikanisches Warnhorn, das einen verdammt fiesen Sound erzeugt, um Feinde zu verjagen.

Draußen stand ein Eishockey-Tor samt Pucks und einer Radar-Pistole. In den Pausen haben wir geballert – die härtesten Schüsse knackten die 100 km/h-Marke!

Und abends ging es traditionell in die holzbeheizte Sauna und zum Grillen unter dem Sternenhimmel. Das Studio war in einer alten Dorfschule untergebracht, die Drums klangen im großen Klassenzimmer gigantisch. Diese Atmosphäre hört man der Platte einfach an!

Worum geht es in euren Texten? Gibt es einen roten Faden?

Da zieht sich definitiv eine klassische Black-Metal-Philosophie durch: Sei kein Mitläufer, schwimm nicht mit der Masse. Wehre dich und sei du selbst.

„Hourglass Paradox“ rechnet beispielsweise knallhart mit dem Hamsterrad ab – diesem ganzen Wahn, sein Leben nur damit zu verbringen, für nutzlose Scheiße zu arbeiten, die man gar nicht braucht. Aber es geht auch um Scham, Wut und Ängste, die uns im Alltag viel zu oft steuern. Es ist verdammt noch mal harte Arbeit, ein Mensch zu sein.

Jemand schrieb mal: Was Alcest für Frankreich ist, Agalloch für die USA, Harakiri For The Sky für Österreich (und Heretoir für Deutschland ;-)), das ist EINVIGI für Finnland. Was hältst du von solchen Vergleichen?

Haha, das stand in einem Review unseres ersten Albums, das direkt eine 10/10 abräumte. Damals hatte ich von Harakiri For The Sky wahrscheinlich noch nicht mal gehört! Heutzutage gehört HFTS zu meinen absoluten Lieblingsbands, und ihr Songwriter Matthias ist ein Genie, was Melodien und Rhythmen angeht. Ich habe meine Fender Jazzmaster inzwischen sogar gegen dieselbe Gitarrenmarke eingetauscht, die auch Matthias spielt. Wenn also jemand von der FGN-Gitarrenwerkstatt das hier liest: Ihr könnt mir gerne ein Endorsement anbieten, hahaha! Alcest und Agalloch sind auf den frühen Alben auf jeden Fall klar rauszuhören – das sind absolut nachvollziehbare Vergleiche.

U2, Muse und Coldplay – Bands, bei denen Metalheads meistens die Nase rühren. Für dich sind sie aber wichtige Einflüsse und Vorbilder. Wie passt das zusammen?

Als ich jünger war, habe ich fast nur Metal gehört, aber eben auch Coldplay, Muse und Radiohead. In deren Musik steckt so viel Epik und Melancholie, und sie sind weit mehr als nur ihre Radio-Singles. Außerdem nutzen sie haufenweise Tremolo-Picking auf der Gitarre – genau dieselbe Technik, die man auch im Black Metal abfeiert.

Wer das abstreitet, hat einfach einen beschränkten musikalischen Horizont. Echte Rebellion bedeutet für mich, genau die Musik zu machen und zu hören, auf die man Bock hat. Wenn irgendein puristischer Szenewächter ankommt und dich einen Weichei nennt, weil du nicht nur Mayhem hörst: Wayne interessiert's? Das ist mein Leben. Übrigens habe ich vor Einvigi Folk- und Country-Musik gespielt, also macht daraus, was ihr wollt!

Ihr arbeitet mit Einheit Produktionen zusammen. „Monokroma“ kam regulär über das Label, „Latent“ releast ihr jetzt in Eigenregie, wobei Einheit euch bei Promo und Vertrieb unterstützt. Wie kam es dazu?

Unsere Zusammenarbeit lief über zwei Alben super, aber danach gab es einfach keinen großen Redebedarf für eine Verlängerung – wir waren beide happy mit dem bisherigen Output.

Da ich von Beruf Kulturproduzent bin und Erfahrung mit Releases habe, dachte ich mir diesmal: Machen wir alles komplett selbst, um die volle Kontrolle zu behalten. Ich designe die Cover, mache Social Media, schneide die Videos und kümmere mich um Presse und Pre-Orders über meine eigenen Kontakte. Der Workload als Indie-Künstler ist heutzutage absurd hoch, man arbeitet sich bis zur Erschöpfung auf – ohne Bezahlung. Aber das ist eine bewusste Entscheidung. Die Welt schuldet uns nichts, man muss sich das holen, was man will.

Mit Einheit-Boss Olaf verstehen wir uns nach wie vor super, und er unterstützt uns jetzt mega fair bei der Promo in Deutschland. Von Finnland aus können wir da drüben schließlich wenig reißen, haha!

Was sind eure Pläne für die Zukunft? Kommt ihr nach Deutschland?

Wir tun gerade absolut alles dafür, um so schnell wie möglich wieder nach Deutschland und Mitteleuropa zu kommen, um live zu spielen! Wir haben keinen Booking-Agenten, daher ist es ein steiniger Weg, sich alles selbst aufzubauen. Unsere Clubshow in Cottbus und der Gig auf dem Ghost of Dinmin-Festival waren absolute Killer-Erfahrungen. Wir wollen im nächsten Jahr unbedingt wieder rüber. Booking-Agenten, hört gut zu! ;) In Finnland spielen wir jetzt erst mal eine Release-Tour, die in unserer Heimatstadt Turku zusammen mit Vermilia startet.

Zum Schluss: Nach einem Baltikum-Urlaub ist festzustellen, Estland ist ein bisschen wir Finnland in klein. Also: Original-Lonkero, Lakritz-Eis und das Klischee, dass Finnen eisern schweigen, bis sie hackedicht sind und direkt in den Metal-Karaoke-Modus springen... Was sagst du dazu?

Haha! Ob Estland ein kleineres Finnland ist? Manchmal ist es da fast noch geiler. Ich war dieses Jahr schon dreimal da und im November steht Trip Nummer vier an. Lonkero trinke ich selbst zwar nicht, aber Craft-Beer – vor allem NEIPAs und IPAs – ist die absolute Religion für 75% unserer Band. Estland hat geile Brauereien und faire Preise, ganz im Gegensatz zu Finnland, wo alles so teuer ist wie in Norwegen, aber die Löhne fünfmal niedriger sind. Politik beiseite: Da muss sich einiges ändern, gerade was die Arbeitslosenzahlen angeht.

Salmiakki (Salmiak-Lakritz) ist hingegen ein Geschenk Gottes, das passt zu allem – in Eis oder Schnaps, fantastisch! Und die Sache mit den Finnen? Genial passend: Unser Bassist J.K. hat mir erst heute geschrieben, dass er in der perfekten Kneipe sitzt, ein Bier am Tag trinkt, keine Musik läuft, ihn niemand volllabert und er einfach seine Ruhe hat, hahaha. So sind wir eben. Und wenn der Pegel stimmt, geht's ab zum Karaoke. Mein aktueller Dauerbrenner ist übrigens HIMs „Join Me in Death“. Cheers!