Konzert:

M´era Luna 2015 - Samstag

Konzert vom 08.08.2015

Kreuz und quer geisterten sie durch die Presse—wer die Bilder der Schlammschlacht beim diesjährigen Wacken Open Air gesehen hat, der weiß, welches Ausmaß an Grauen die Witterungsverhältnisse für den geneigten Festivalbesucher bereithalten können. Und auch wenn es von vielen gerne propagiert wird: nicht immer reicht Alkohol aus, um die Umstände ausreichend zu beschönigen. Ein Festival mit Schönwettergarantie also – wo gibt es denn sowas noch? Es existiert tatsächlich (naja, sagen wir mal: mit zumindest großer Schönwetterwahrscheinlichkeit). Und zwar ausgerechnet da, wo man spontan weniger an strahlenden Sonnenschein und sommerliche Leichtigkeit, sondern eher an Mondenschein und Grabeskälte denken würde: das M´era Luna, alljährlicher Treffpunkt der Schwarzen Szene und mittlerweile zu einem der größten derartig ausgerichteten Festivals angewachsen, erfreut sich tatsächlich überdurchschnittlich häufig eitlen Sonnenscheins. Das mag den einen oder anderen bei der Wahl des Outfits ein wenig in Verlegenheit bringen bzw. erfordert zumindest eine gewisse Leidenswilligkeit von Seiten der Träger (der große Komfort von Latex-Outfits und viktorianischen Kleidern bei Temperaturen jenseits der 25 Grad Celsius darf bezweifelt werden), versüßt den Festivalbesuch im Großen und Ganzen jedoch ganz erheblich. Und so verwundert es denn auch wenig, dass das dunkle Großfamilien-Picknick zum dritten Mal in Folge ausverkauft war. 

 

Offizieller Beginn des Spektakels war zwar erst am Samstagvormittag, das Rahmenprogramm begann jedoch bereits am Freitagabend mit Lesungen, Mittelaltermarkt, Disco und einer Show von PYROHEX im Disco Hangar. Wer diesen Auftakt einigermaßen fit überstanden hatte, konnte sich am nächsten Morgen um 11:30 Uhr an der Main Stage bei ELVELLON einfinden, deren Auftritt das M´era Luna den Startschuss für das Bühnenprogramm darstellte. Manch einem Campingplatzbewohner drohte zuvor ein böses Erwachen, wenn sich beim Blick aus dem Zelt herausstellte, dass sich über Nacht auf dem eigenen Zeltvorplatz ein fremdes Zelt materialisiert hatte – eine erstaunliche Anzahl Besucher schien erst am Freitag Spätabend oder gar erst im Verlaufe des Samstags einzutreffen und sah sich aufgrund der diesmal offensichtlich sehr knapp kalkulierten Fläche gezwungen, bedeutend näher an die Nachbarn heranzurücken, als diesen lieb war. Auf der Mainstage dagegen stand (vielleicht zur Aufheiterung?) mit VERSENGOLD ein Ausflug in humoristische Gefilde inklusive erteilter Absolution für das Publikum bei „Paules Beichtgang“ auf dem Programm-  entsprechendes Engagement der Menge vorausgesetzt. Derart seelisch-moralisch gereinigt ging es weiter zu den ASP-Protegés SPIELBANN, die im Hangar aufspielten, oder, alternativ, mit den befrackten Gentlemen von COPPELIUS  auf der Main Stage, auf deren Setlist neben eigenem Material wie „Schöne Augen“, „Risiko“ und „Habgier“ mit „Charlotte The Harlot“ und „Killers“ auch zwei Iron Maiden-Coversongs standen. Im Anschluss ging es für die Freunde brachialer Klänge weiter mit OST+FRONT, während im Hangar die Horrorpunker THE OTHER die Bühne enterten. LORD OF THE LOST heizten dem Publikum ordentlich ein und untermauerten ihren Anspruch auf die Rock´n´Roll-Krone, in dem sie der guten alten Rockertradition folgten, eine Gitarre auf der Bühne zu zertrümmern. Das arme Instrument konnte einem zwar leid tun, aber spektakulär war´s trotzdem und Songs wie „Black Lolita“, „Die Tomorrow“ und „Sex On Legs“ kamen beim Publikum gut an. Während die Freunde elektronischer gefärbter Klänge im Anschluss zu MELOTRON strömten, führten die DEATHSTARS fort, was LORD OF THE LOST angefangen hatten und entfesselten gitarrenlastig  die Dunkelheit mit Krachern wie „All The Devil´s Toys“ und „Blitzkrieg“.

 

Wen es danach nach etwas Abwechslung gelüstete, der zog zur traditionellen M´era Luna-Modenschau, um sich modisch inspirieren zu lassen und vielleicht auch das eine oder andere später in der Gothic Fashion Town oder an den diversen anderen Ständen zu erstehen und der eigenen Garderobe einzuverleiben. Wer dagegen musikalische Entspannung suchte, fand diese bei den etwas ruhigeren Tönen von L´ ÂME IMMORTELLE.  Schade war, dass das Duo von technischen Problemen geplagt wurde – Sängerin Sonja Kraushofer hatte gleich mit zwei defekten Mikrofonen zu kämpfen, so dass der Gesang stellenweise vor der Bühne unhörbar war, worüber ihr der Frust verständlicherweise anzusehen war. Die Kombo ließ sich jedoch nicht unterkriegen, nutzte die durch die Technik-Justierung entstehende kurze Pause als Aufhänger zur Ansage von „Es Tut Mir Leid“ und begeisterte mit Songs wie „Tiefster Winter“, „Bitterkeit“ und „Phönix“ dennoch ihr Publikum. Im Anschluss stand ein Ausflug ins Mittelalter an, denn die Spielleute von SALTATIO MORTIS baten auf der Main Stage zum Tanz. Zwar scheinen die Herren bedauerlicherweise  von einem sinkenden geistigen Niveau ihrer Zuhörerschaft auszugehen (anders ist die schwindende Subtilität der Texte des neueren Materials wohl kaum zu erklären), die Bühne rockten sie aber gewohnt energetisch und sympathisch. Los ging´s mit „Früher War Alles Besser“, „Idol“ und „Sündenfall“, bevor mit dem eher punkig-dahingeknüppelten und vage an Die Toten Hosen erinnernden  „Willkommen in der Weihnachtszeit“ ein Song vom neuen Album „Zirkus Zeitgeist“ vorgestellt wurde. Passenderweise wurde das Lied im Doppel mit dem in eine tendenziell ähnliche Kerbe hauenden „Wachstum Über Alles“ vorgestellt, bevor man mit „Eulenspiegel“  und „Satans Fall“ in angestammte mythologische-historische Gefilde zurückkehrte und mit „Koma“ einen angestammten Live-Hit präsentierte. Mit „Wo Sind Die Clowns befand sich noch ein weiterer neuer Song im Set, bevor der der absolute Klassiker „Prometheus“ (leider ohne Feuer, aber trotzdem immer wieder gut), „Uns Gehört Die Welt“ und – natürlich—der „Spielmannsschwur“ den Reigen beendeten. Das Publikum skandierte eifrig mit. Freunde modernerer Klänge, denen ein Dudelsack vielleicht eher an den Nerven zerrt, kamen dafür bei BLUTENGEL auf ihre Kosten, und danach nahte schon der erste große Headliner des Abends: ROB ZOMBIE. Mit Hut und Fransenlederjacke erklomm der Meister die Bühne und gab vor Monster-Bühnendekoration mit „Teenage Nosferatu Pussy“ direkt Vollgas. Dass Rock´n´Roll fit hält, demonstrierte er mit einer leichtfüßigen Tanzeinlage zum James Brown-Cover „Get Up (I Feel Like Being) A Sex Machine“ mehr als deutlich. Ein ausgedehntes Schlagzeugsolo zierte die Mitte des Sets, bevor mit „More Human Than Human“ und „Pussy Liquor“ weitergerockt wurde. Auf die Frage, ob schon einmal jemand Sex mit einem Außerirdischen gehabt habe, folgte „Mars Needs Women“ und das RAMONES-Cover „Blitzkrieg Bop“ brachte das Publikum zum Mitgrölen, bevor das reguläre Set mit einer Verneigung vor ALICE COOPER in Form von „School´s Out“ schloss. Das von vielen sehnlich erwartete „Dragula“ gab´s dann noch als Zugabe und wer sich danach ran hielt, schaffte es noch fast rechtzeitig zum Beginn des Konzerts von PHILLIP BOA AND THE VOODOOCLUB in den Hangar.

 

Zwar näherte sich der erste Festivaltag nun zunehmend dem Ende, ein Höhepunkt stand jedoch noch bevor: der Auftritt von ASP, welcher, untermalt von Pyrotechnik, den Samstagabend beschließen sollte. Los ging es mit „Wechselbalg“, „Kokon“ und dem Zauberlehrling „Krabat“, bevor mit dem Klassiker „Und Wir Tanzten (Ungeschickte Liebesbriefe)“ ein erstes Highlight anstand. Auch „Ich Bin Ein Wahrer Satan“ durfte natürlich nicht fehlen, gefolgt von „Lykanthropie (Es Tobt Ein Krieg in Mir“). Sänger Alexander Frank Spreng glänzte zudem mit Selbstironie, als er sich beim Publikum, den Veranstaltern und dem Schicksal für die Headliner-Position bedankte: „Manche fragen sich vielleicht: `Wie machen die das? Sehen nicht besonders gut aus und sind schon etwas älter…´“. Es wurde ein neuer Song, „Astoria“, kredenzt und obendrein ein Gastauftritt von Nic und Seb von SPIELBANN bei „Werben“. Bei einem Festival wie dem M´era Luna ist natürlich das „Schwarze Blut“ unumgänglich und zum krönenden Finale kam noch der Lieblingssong vieler ASP-Konzertgänger: „Ich Will Brennen“, aus vielen Kehlen mitgeschmettert. Etwas überraschender fiel dagegen die Zugabe aus, wie auch der Sänger selbst zugab: einen ganz besonderen Moment wolle man kreieren, und das tat man mit einer Akustikversion von „Schwarzer Schmetterling“. Mit dieser stimmungsvollen Note schließlich wurde das Publikum nach einem gelungenen Tag  in die Nacht entlassen.



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