Interview:

2019-09-04 Interview mit Ashton Nyte (The Awakening)

Band anzeigen
Nachdem Ende letzten Jahres nach langen Jahren der Sendepause das neue The Awakening-Album „Chasm“ erschien und durchweg positiv aufgenommen wurde, ist Sänger, Songwriter und Multi-Instrumentalist Ashton Nyte, der trotz langer Pause mit The Awakening dank seiner regen Tätigkeit im Rahmen seiner Solo- sowie diverser Kollaborationsprojekte alles andere als auf der faulen Haut gelegen hat, nun zusammen mit Wayne Hussey auf Akustik-Tour in Europa unterwegs. Beim Gastspiel der „Salad Daze“-Tour in Köln nahm er sich trotz Jetlag (die Tour hatte erst am Vortag begonnen) und gewisser Unwägbarkeiten im Programmablauf vor Ort die Zeit, ein bisschen mit uns zu plauschen und uns Rede und Antwort zu stehen.Interview

„Chasm“ als Album klingt an vielen Stellen im Gesamtklang und was den Gesang angeht etwas weniger düster als frühere THE AWAKENING-Songs. Wie kam es dazu?

 

Die Songs auf „Chasm“ sind über einen ziemlich langen Zeitraum hinweg entstanden – das letzte THE AWAKENING-Album kam ja 2009 raus. Vorher habe ich normalerweise fast jedes Jahr ein Album rausgebracht. Ende 2008 bin ich in die USA gezogen, weil ich meine Frau dort kennengelernt hatte – es war Liebe auf den ersten Blick und so bin ich eben dort gelandet – und seitdem war ich in so viele verschiedene Projekte involviert: meine Solo-Sachen und eine ganze Menge Gemeinschaftsprojekte. Ich glaube, wenn man mit so vielen verschiedenen Sounds experimentiert und verschiedenen Leuten zusammenarbeitet, versucht man einfach auch, herauszufinden, in welche Richtungen man das, was man macht, weiterentwickeln kann. Und ich denke, das hat sich einfach irgendwie auf „Chasm“ bemerkbar gemacht. Die Songs sind wirklich über einen langen Zeitraum hinweg entstanden- einige davon habe ich schon vor 10 Jahren geschrieben. Aber ich schreibe auch die ganze Zeit, also hatte ich so an die 30, 40 Songs, aus denen ich auswählen konnte. Was du bezüglich des Gesangs meinst, hat sich glaube ich automatisch ergeben, als ich versucht habe, mit verschiedenen Stilen und Sounds zu experimentieren und dadurch, dass ich in letzter Zeit viel mit anderen Leuten zusammengearbeitet habe, habe ich mich natürlich auch einfach mehr auf den Gesang konzentriert – hauptsächlich habe ich dabei ja auf den Platten anderer Leute gesungen, und das hatte natürlich zur Folge, dass ich gezwungen war, mich in erster Linie auf meine Stimme zu konzentrieren. Sonst lässt man sich ja doch schnell ablenken und verzettelt sich mit der Produktion, dem Einspielen der Instrumente und so weiter, und dann mischt man dazwischen noch schnell den Gesang ab. Ich denke das hat sich schon bemerkbar gemacht diesmal. Sorry, das war jetzt wirklich eine lange Antwort—bei der nächsten versuche, ich mich kürzer zu fassen! [Er lacht]

 

Brauchst du nicht, wir freuen uns über ausführliche Antworten! Gab es denn bestimmte Musiker oder Bands, die du besonders interessant fandest und von denen du entsprechend sagen würdest, dass sie dich besonders inspiriert haben?

 

Also im Großen und Ganzen war die Idee wirklich, verschiedene Sounds du Stilelemente in das Album hineinzubringen, gerade deshalb, weil ich so verdammt lange gebraucht habe, um ein neues THE AWAKENING-Album aufzunehmen. Ich wollten nicht, dass es einfach in eine Schublade gesteckt wird, daher habe ich versucht, die Essenz dessen einzufangen, was mich interessiert hat und auch weiterhin interessiert, ohne dabei jetzt eine bestimmte Band nennen zu können. Natürlich wird man immer mit irgendjemandem verglichen, gerade, wenn man wie ich eine Baritonstimme hat – früher oder später werden da dann meistens Type O Negative oder Peter Murphy oder wer auch immer genannt. Ich versuche aber nicht vorsätzlich, so zu klingen, wie sie – ich höre mich halt leider nun mal einfach an, wie ich mich anhöre, ich kann ja auch nichts dafür.

 

„Back To Wonderland“ hat etwas Dystopisches an sich, sowohl was den Text als auch was das neue Video angeht. Was hattest du dabei vor Augen und wie bist du darauf gekommen, für das Video Ausschnitte von Metropolis zu verwenden?

 

„Back To Wondeland“ handelt davon, wie wir es lieber vorziehen, uns zu amüsieren, als uns mit den schlimmen Dingen zu befassen, die in der Welt passieren, und je mehr Zeit vergeht, desto mehr wird das zum Problem, weil die Leute sich immer vorsätzlicher von der Realität abschotten, aus so vielen verschiedenen Gründen. In „Back To Wonderland“ geht es im Wesentlichen um diese Tendenz, sich lieber an diesen fantastischen, wunderbaren Ort zurückzuziehen als sich mit existierenden Problemen auseinanderzusetzen. Ich hatte dabei eine ganze Reihe politischer und sozialer Probleme im Sinn, als ich den Text geschrieben habe, aber ich wollte es nicht zu offensichtlich machen, weil ich generell nicht gerne auf so über die Maßen offensichtliche Art texte. Deshalb dachte ich, Metropolis für das Video zu verwenden, wäre eine ganz gute Möglichkeit, das zu vermitteln, worum es in dem Lied geht, ohne es textlich mit der Brechstange rüberbringen zu müssen.

 

Du hast bei der Veröffentlichung von „Shore“ mal erwähnt, dass das Lied sehr persönlich ist und du es schon vor langer Zeit geschrieben hast, es also schon eine ganze Weile herumlag und gewissermaßen in der Warteschleife hing, bevor es jetzt auf „Chasm“ veröffentlich wurde. Was war der Grund dafür?

 

Sehr gute Frage! „Shore“ sollte eigentlich auf „Tales Of Absolution & Obsoletion“ erscheinen, also dem letzten Album vor „Chasm“. Dafür habe ich es damals eigentlich geschrieben, aber… Ehrlich gesagt, war es irgendwie etwas seltsam. Sowohl „Shore“ als auch „About You“ handeln von dem Verlust einer Person, der mir nahestand und… Das war etwas, über das ich schon vorher geschrieben hatte, auf meinen Solo-Alben, und ich hatte irgendwie das Gefühl, dass ich ein bisschen Abstand brauchte. Tatsächlich war es meine Frau, die mich dazu ermutigt hat, den Song jetzt doch zu veröffentlichen und inzwischen ich bin froh, dass sie das getan hat.

 

Wie kam es eigentlich zu der Idee mit der Akustik-Tour? Hast du sowas vorher schon mal gemacht?

 

Ja, ich habe Wayne tatsächlich bei einer Akustik-Tour in Südafrika kennengelernt. Ich habe da schon in den USA gewohnt, aber Wayne sollte dort ein paar Shows spielen und man fragte mich, ob ich vielleicht Lust hätte, als Support-Act aufzutreten. Das war fantastisch. Wir haben eine Handvoll Shows zusammen gespielt und bei der letzten hat er mich auf die Bühne geholt, um mit ihm zusammen „Butterfly On A Wheel“ zu singen. Er ist wirklich ein sehr netter Kerl. Unsere Freundschaft blieb bestehen und wir waren mit „The Awakening“ Support bei der The Mission- Europa-Tour 2016, und als Wayne dann ankündigte, dass er diese Akustik-Tour spielen würde, sagte ich sofort „Hey, ich liebe solche Akustik-Shows!“ und daraufhin hat er netterweise angeboten, dass ich doch mitkommen könnte, wenn ich wollte.

 

Würdest du sagen, dass dein Umzug in die USA durch die andere Umgebung und neue Einflüsse auch ein Stück weit deine Musik verändert hat, deinen Stil oder die Art und Weise, wie du Songs schreibst?

 

Ich glaube es ist unmöglich, die eigene Umgebung komplett von der Musik – oder jeder anderen Form von Kunst –, die man schafft, zu trennen, ich denke, das muss einen einfach irgendwie beeinflussen. Aber ich schreibe jetzt nicht explizit über speziell amerikanische Themen, so wie ich vorher ja auch nicht über speziell südafrikanische Themen geschrieben habe, als ich noch dort gelebt habe. Aber irgendetwas davon macht sich natürlich sicherlich bemerkbar, wie bei den meisten Erfahrungen, die man macht. Ich denke, ich ziehe meine Inspiration aus interessanter Kunst – aus Filmen, aus Büchern und so weiter – und offensichtlich natürlich hauptsächlich aus persönlicher Erfahrung. Letzten Endes ist es ja meistens persönlich Erlebtes, das den Stoff bildet, aus dem Kunst geschaffen wird.

 

Du bist in Südafrika aufgewachsen und hast zum Teil noch die Apartheid-Ära mitbekommen. Es gibt nicht gar zu viele international agierende Musiker aus diesem Teil der Welt, zumindest innerhalb des Gothic-Bereichs. Wie sieht die dortige Szene aus und wie war es, als du angefangen hast, diese Art von Musik zu machen?

 

Um ganz ehrlich zu sein, gab es damals keine nennenswerte Szene bevor wir anfingen. Ich meine, natürlich gab es schon eine Art Szene – es gibt ja immer eine Gothic-Szene, irgendwo versteckt hinter der nächsten Ecke. Aber ich glaube, wir hatten einfach ein wunderbares Timing, es schien gerade ein wachsendes Interesse an der dunkleren Seite des musikalischen Spektrums zu geben und das hat sich dann gegenseitig verstärkt: wir haben viel Unterstützung erfahren und dann auch wirklich massives Interesse – wir wurden quasi eine Mainstream-Band, obwohl wir diese dunkle Musik gemacht haben. Wir haben auf Festivals als Headliner gespielt und bekamen auf einmal das volle Programm mit Lichtshow und so weiter, dass normalerweise eher Pop-Bands bekommen. Es ist großartig, ich habe so ein Glück, dass ich eine derart treue Fanbase dort habe, obwohl ich kaum noch dorthin zurückkomme.

 

Wirst du denn in näherer Zukunft noch einmal dort spielen?

 

Ich bin eingeladen worden, also vielleicht schon. Schauen wir mal, wie sich die Sache entwickelt.

 

Immerhin hast du sogar ein Album auf Afrikaans aufgenommen. Wie hat sich das ergeben – wolltest du etwas machen, dass mit deinen Wurzeln zu tun hat und hast deswegen die Sprache gewechselt oder wie kam das?

 

Ja, das war einerseits ganz einfach und gleichzeitig auch irgendwie lächerlich, dass es gedauert hat, bis ich nach Amerika gezogen bin, bis ich ein Album auf Afrikaans gemacht habe – was die Amerikaner ja nicht verstehen. Ich saß einfach irgendwann auf der Couch und habe Gitarre gespielt und angefangen, dazu auf Afrikaans zu singen. Und dann habe ich festgestellt, dass es gar nicht so schlecht klang.

 

Vielleicht lag es auch gerade daran, DASS du weggezogen warst? Oft schätzt man Dinge ja mehr, wenn sie nicht mehr selbstverständlich sind.

 

Absolut! Das Album heißt ja auch „Moederland“, also „Mutterland“, und da spielte definitiv eine gewisse Sehnsucht eine Rolle, nach Dingen, von denen mir nicht klar war, dass ich sie vermissen würde, bevor ich sie zurückgelassen hatte. Es hat auch so ein bisschen mit dem Geist des Landes zu tun – auf Afrikaans zu singen, hat ihm eine spezielle Verbindung zu diesem Land gegeben.

 

Du hast ja schon angesprochen, dass du mit vielen verschiedenen Künstlern zusammenarbeitest. Wie koordinierst du eine solche Vielzahl von Projekten? Wird einem das nicht manchmal zu viel?

 

Koffein. Viel Koffein. Egal ob Grüntee oder Chai Latte oder Espresso – das ist es, was mich am Laufen hält! [Er muss lachen.] Aber ganz ehrlich: so abgedroschen sich das jetzt anhört, aber ich lebe, um Musik zu machen und es ist ein Geschenk, dass ich diese Gelegenheiten bekomme. Ich kann zusammen mit Leuten wie Wayne auftreten, Backing Vocals für Robin Zander von Cheap Trick machen – es ist irgendwie surreal. Auch Beauty In Chaos sind eine großartige Sache, da sind wir jetzt gerade am dritten Album dran. Das ist sehr inspirierend. Michael [Michael Ciravolo, Anm. d. Verf.]  ist ein guter Freund, es macht großen Spaß mit ihm zu arbeiten. Er schreibt die Musik und dann ergänzen wir alle unsere Stimmen und Texte.

 

Wie läuft das denn für gewöhnlich – kommen andere Künstler auf dich zu oder gehst du auf sie zu oder lauft ihr euch einfach zufällig über den Weg und es ergibt sich irgendwie?

 

Michael wurde ich vorgestellt. Er hatte tatsächlich die Songs gehört, die ich mit Mark Gemini Thwaite für die MGT-Alben aufgenommen hatte und ihm gefiel meine Stimme, also fragte er, ob ich Lust hätte, bei einem seiner Songs zu singen. Er schrieb „Storm“, das dann zufällig auch die erste Single des Albums wurde. Wir sind gute Freunde geworden und jetzt sind wir schon bei Album Nummer drei.

 

Gibt es denn auch Pläne, für ein neues MGT-Album?

 

Zumindest im Moment nicht. Ich glaube im Moment ist zu viel los. Ich würde mich gerne wieder mehr auf meine eigenen Sachen konzentrieren und natürlich mit Beauty In Chaos weitermachen—ich glaube, das ist erst mal genug zu tun.

 

Du arbeitest sowohl als The Awakening als auch als Ashton Nyte. Wovon hängt es ab, ob ein Song ein Ashton Nyte-Song oder ein The Awakening-Song oder vielleicht auch etwas komplett anderes wird?

 

Ohje, ja, manchmal verschwimmt das ziemlich. Anfangs war beides sehr unterschiedlich. Ich habe angefangen, Solo-Alben aufzunehmen, als The Awakening als Marke fest umrissen waren – ich hasse es, von einer Band als einer Marke zu sprechen, aber du weißt was ich meine. Die Band war sehr klar definiert in ihrem Sound, ihrer Stimmung und ihrer ganzen Ästhetik, mit sehr ausgeprägtem Gothic Rock-Feeling, ich sang sehr tief und so weiter. Ich wollte aber gerne auch etwas anderes machen, ohne die Fans zu verstören, also habe ich mit den Solo-Alben angefangen und dann bei jedem Solo-Album eigentlich etwas komplett anderes gemacht. Das gibt mir die Freiheit, zu machen, was ich möchte. Und das verwirrt die Leute dann entweder oder es mach sie glücklich, aber das stört mich nicht – ich kann ein The Awakening-Album machen und dann wechseln und wieder ein Solo-Album machen. Im Laufe der Zeit sind die Grenzen dann immer mehr verwischt und durchlässiger worden. „Other Ghosts“ on „Chasm“ war beinahe ein Ashton Nyte-Song, und „Gave Up The Ghost“ auch. Der Kreis schließt sich. Heute Abend mische ich auch beides – ich singe zwar hauptsächlich The Awakening-Songs, aber ein paar Solo-Sachen sind auch dabei.  Ich meine, wenn es eh nur ich und meine Gitarre sind, dann bin es eben ich da auf der Bühne.

 

Du hast in der Vergangenheit auch schon Charity-Veranstaltungen mitorganisiert und Vorträge an Universitäten gehalten. Machst du so etwas noch oder bleibt dafür keine Zeit mehr?

 

Da bleibt im Moment leider nicht so viel Zeit dafür. Ich würde eigentlich gerne mehr davon machen—ich finde, man kann sich nicht darüber beschweren, wie die Dinge sind, wenn man nicht versucht, etwas zu unternehmen, um sie zu ändern und so klischeehaft das jetzt klingt, aber letztendlich fängt Veränderung ja doch immer bei jedem einzelnen an. Verständnis, Toleranz, Mitgefühl und natürlich Liebe sind so wichtig, und es ist wichtig darüber zu sprechen. Ich mache das natürlich auch durch meine Musik, aber ich hatte das Gefühl, es auch auf direkterem Wege und in einem anderen Kontext tun zu müssen. Es war eine großartige Erfahrung, und wie schon gesagt: alles, das wir erleben, beeinflusst, wer wir sind und was wir tun, also floss auch diese Erfahrung hinterher irgendwie wieder in meine Musik ein. Momentan wirkt es also eher auf diese Art nach, aber das finde ich auch ganz spannend.

 

Du bist im Rahmen deiner Arbeit ja inzwischen auch ganz gut rumgekommen. Hast du den Eindruck, dass das Publikum in unterschiedlichen Ländern auf verschiedene Weise auf deine Musik reagiert, abhängig davon, ob du jetzt zum Beispiel in Deutschland, den USA oder Südafrika bist?

 

Oh ja, ich glaube, das ist kulturell bedingt. Ich denke, die Leute reagieren unterschiedlich, abhängig von ihrer Erziehung und ihren jeweiligen Erfahrungen oder Idealen und Werten. Manchmal wissen sie gar nicht, wie sie reagieren sollen, manchmal reagieren sie auch ziemlich seltsam – es ist eigentlich immer etwas Neues und damit auch eine neue Erfahrung. So lange sie nicht unverblümt feindselig sind, ist das für mich ok.  

 

Zu guter Letzt: kannst du eine Cartoon-Version von dir zeichnen? Oder auch von Wayne oder irgendetwas anderem, falls dir das lieber sein sollte?

 

Oh Gott, ich kann´s versuchen. Es ist so dunkel hier drin, ich kann nicht wirklich sehen, was ich da überhaupt tue… Ich zeichne sowas sonst für meine Kids auf´s Whiteboard. Ich unterschreib´s einfach, ok? Das geht auch ohne Licht!

 

Vielen Dank für das Interview, Ashton!



Ashton Nyte