REVIEW: J-Tull Dot Com: Another Cast Of The Net (Jethro Tull)

BY Michael Berghammer


2011 hat Steven Wilson angefangen, die Alben von JETHRO TULL neu abzumischen. „Aqualung“ war das erste Werk, das zum 40. Jubiläum ein neues Soundgewand bekam. Es war der Grundstein für eine Revisionsserie, der zunächst weitere dreizehn Alben folgen sollten, die in Zusammenarbeit mit Steve Wilson restauriert wurden. Nun erscheint auch das 20. Werk der Briten mit dem Titel „J-Tull Dot Com“ als Neuauflage. Dieses Mal hat man für das Remix mit Bruce Soord (The Pineapple Thief) zusammengearbeitet. Obendrein wurden abseits dessen dem Album noch sechs bisher unveröffentlichte Tracks spendiert, sowie drei Live-Nummern (nur auf CD) von der Tournee aus dem Jahr 2000. Ferner wurde der Titel mit dem Passus „Another Cast Of The Net“ erweitert, um den umfassenden Charakter dieser Edition zu symbolisieren, die weit über ein simples Remaster hinausgeht.

Als ich mir das Werk damals zulegte, war ich zunächst ein wenig skeptisch ob des „seltsamen“ Titels, da ich eigentlich die Folk-Ausrichtung der Band immer sehr geschätzt hatte und befürchtete, dass dies nun komplett ad acta gelegt worden sei. Zumal die vorhergehenden Veröffentlichungen, wie „Crest Of A Knave“, „Rock Island“ und „Catfish Rising“ sehr Hard Rock geprägt waren. Zugegebenermaßen war „Roots To Branches“ wieder in Richtung Folk-Rock unterwegs, jedoch ging dieses Output an mir vorbei. Eine nicht unwesentliche Rolle bei der Entstehung von „J-Tull Dot Com“ sollen darüber hinaus die bis dato noch anhaltenden Kehlkopfprobleme von Ian Anderson gewesen sein, die er sich bei der Liveaufführung der gesanglich anspruchsvollen Stücke aus dem Album „Under Wraps“ zugezogen hatte. Um dies zu kompensieren, kam die Flöte deutlich häufiger und präsenter zum Einsatz.

„Hot Mango Flush“ und das wunderbare „El Niño“, bei dem statt der Querflöte eine Bambusflöte zu hören ist, sind die ausgefallensten Stücke, die durch den variantenreichen Einsatz der Flöte – mal indisch, mal karibisch angehaucht – eine exotische Wirkung erhalten, was diesen Tracks de facto gut zu Gesicht steht. Aber auch manch rockige Tracks, wie „AWOL“, werden vom Flötenspiel dominiert.

Apropos Rock: Für den Martin Lancelot Barre, seit dem ersten Album mit seiner prägenden Gitarre als tragende Säule immer stand, war dies leider das letzte Studioalbum, das er mit JETHRO TULL aufgenommen hat. (Das Christmas Album nehme ich hier raus, da die Stücke dort nur neu eingespielt wurden.) „Hunt by Numbers“ ist einer der herausstechenden Rocksongs, bei dem Martin mit seiner Gitarre so einzigartig zu glänzen weiß. Das Liebeslied „Bends Like a Willow“ war seinerzeit die einzige Singleveröffentlichung, jedoch nicht im üblichen Sinne, sondern lediglich als limitierte Promo. Wer weiß, was aus dem Stücke noch hätte werden können, da es all das verkörpert, was den tullschen Kosmos ausmacht, inklusive eines hinreißenden Refrains.

Die sechs neuen Nummern („Aborted Soliloquy“, „It All Trickles Down“, „Recollection No 5“, „Pipes (Close To You)“, „Sad Suit, Stigmata“) sind weit mehr als ein Kaufanreiz. Während „Aborted Soliloquy“ mehr wie ein Intro wirkt, entfaltet sich in „It All Trickles Down“ das für JETHRO TULL so typisch harmonische Zusammenspiel der Instrumente. Einem düsteren Einstieg folgt das Licht mit dem Blasinstrument des Barden; gegen Ende tauchen dann Streicher auf und im Ausklang begleitet uns ein Klavier fast sanft hinaus.„Recollection No 5“ ist ein Instrumentaltitel, bei dem wiederum die Flöte die erste Geige spielt, die Hammondorgel fungiert hierbei teils als Spielgefährte, teils als Battle-Gegner, wie wir es von DEEP PURPLE kennen, wenn sich Ritchie mit John duellierte. Das von Bogdan Zarkowski großartig gestaltete Cover zeigt vorne die ägyptische Gottheit „Chnum“, die dann auf der Rückseite nochmals mit Querflöte auftaucht.

Der Sound ist atmosphärisch und überaus organisch, die Stimme und Flöte von Ian Anderson tänzeln über allem. Das Gitarrenbrett von Martin füllt den Background, ist aber deutlich dezenter als gewöhnlich. „J-Tull Dot Com: Another Cast Of The Net“ ist eine spannende Mischung aus Folk und Rock mit einem weltmusikalischen Übergewicht, die sich jedoch immer wieder der Tugenden besinnt, die JETHRO TULL definieren.





J-TULL DOT COM: ANOTHER CAST OF THE NET

Band: Jethro Tull
Genre: Rock
Tracks: 25
Länge: 98:57
Medium: Digital
Label: ‎ InsideOutMusic
Vertrieb: Sony Music