REVIEW: Aurora (YES)
„Aurora“ ist nun das 24. Studioalbum der Prog-Rock-Dinosaurier YES. Es gibt kaum eine Band in diesem Genre, die sich so oft neu definiert hat. Das sich ständig drehende Personalkarusell kann man zum einen dafür als Ursache ausmachen, es ist aber auch immer ein Streben der Protagonisten nach Veränderung im Wandel der Zeit an sich. Das nun vorliegende Werk zeigt uns das deutlicher denn je.
Der Begriff Aurora steht zum einen für die Morgenröte, den Aufbruch zum Tag und des Lichts, zum anderen ist es eine Bezeichnung für das Polarlicht, das gerade in der Mythologie einen großen Stellenwert einnimmt. Es geht hier um Spiritualität, Selbstfindung, mystische Traumwege und den Platz der Menschlichkeit in unserer modernen Welt.
Der Einstieg mit dem Titelsong weist bereits den Weg. Eingebettet in einen sinfonischen Rahmen eröffnet er die Reise wie ein wärmender Sonnenaufgang. Steve Howe (Gitarre) fungiert hierbei als Seele in dieser Atmosphäre, mit welcher Leichtigkeit sich jedoch Jon Davison (Gesang) darin bewegt, ist das eigentlich beeindruckende. Auch der Rest des Kollektivs hat soviel Raum, wie er braucht. Sehr deutlich spürt man das insbesondere bei Geoff Downes (Keyboard), der in „Countermovement“ regelrecht über sich hinauswächst. Jene Nummer kann man getrost zum Höhepunkt der Scheibe erheben. Als epischer Longtrack von knapp vierzehn Minuten findet man nahezu retrospektivisch alle musikalischen Spielformen, die YES zu dem gemacht hat, was sie heute sind. Solch ein vielschichtiger Song wurde schon viele Jahre nicht mehr auf eine YES-Platte gepresst und gehört mit zum Stärksten, was diesem verspielten Quintett bisher eingefallen ist.
„Ariadne“ hingegen kommt opulent, gewaltig wie ein Roland-Emmerich-Film aus den Boxen. Pure Dramaturgie bildgewaltig erzeugt vom Czech National Symphony Orchestra, gepaart mit der kreativen Energie der Band erzählt uns die Geschichte von Theseus und Ariadne aus der griechischen Mythologie.
Danach folgt erneut ein Themenwechsel. Mit „All Hands On Deck“ geht’s rockig zur Sache. Eine klassische Hardrocknummer, bei der Steve auch mal auf das Verzerrer-Pedal tritt und Geoff die Hammond orgeln lässt, herrlich oldschoolig.
Sogar beim Instrumentalstück „Outside The Box“ verschmelzen die einzelnen interagierenden Musiker zu einer Einheit, selbst Jon Davison, der keinen Text hat, fügt sich nahtlos mit seiner Stimme wie ein weiteres Instrument melodieverliebt in den Klangteppich.
Wohin geht die Reise nun?
Steve Howe bildet mit seinen 79 Lenzen das musikalische Epizentrum. Er hat nahezu alle Epochen dieser Supergroup durchlebt und weiß mit seinem filigranen Gitarrenspiel, die richtigen Klangbilder und Farben zu erzeugen. Geoff Downes und Jon Davison strahlen auf dieser Platte nahezu und verneigen sich zuweilen musikalisch vor ihren Vorgängern, ohne die eigene Identität zu verlieren. Nichtsdestotrotz ist es aber erst die Vereinigung der einzigartigen Musiker zu einem großen Ganzen, die dieses Werk so atmosphärisch gemacht hat. Auch wenn nicht jeder Titel die gleich hohe Qualität hat, so laden doch bisweilen zauberhafte, inspirierende Melodien zum Träumen ein.
Die Reise geht in die Zukunft!
YES sind jedenfalls in der Gegenwart angekommen, haben noch viel zu erzählen und können im Jahre 2026 immer noch großes Kino in Sachen Progressive Rock.
Es wird auch dieses Mal wieder die unverbesserlichen Nostalgiker geben, die dieser Formation die Daseinsberechtigung absprechen, aber so nahe am Genius YES – egal von welcher Epoche wir sprechen – war in den letzten Jahren keines ihrer Alben.
AURORA
| Band: | YES |
| Genre: | Progressive |
| Tracks: | 8 + 2 Bonus |
| Länge: | 55:10 |
| Medium: | CD |
| Label: | Inside Out |
| Vertrieb: | Sony Music |




