REVIEW: Deuterium (Blindead 23)

TIPP

BY Erik Bosbach


Die Polen bewegen sich fast eine Stunde lang zwischen Schwere und Aufbruch, zwischen den Wurzeln ihrer Vergangenheit und dem Drang, neue Räume zu erschließen: das Album gleicht einer Brücke aus Stein, die zwei Ufer miteinander verbindet.

BLINDEAD 23 veröffentlichen ihr Debüt, sind dabei keineswegs eine Neugründung ohne Geschichte. Vielmehr handelt es sich um die Weiterentwicklung der Ursprungs-Formation BLINDEAD, wobei die vertraute Mischung aus Doom, Sludge und Death Metal erhalten bleibt, jedoch in ein deutlich progressiveres und weitläufigeres Klangbild eingebettet wird. Maßgeblich dafür verantwortlich ist die hochkarätige Besetzung um Mateusz „Havoc“ Śmierzchalski (ehemals BEHEMOTH und BLINDEAD), Sänger Patryk Zwoliński sowie Verstärkung durch Schlagzeuger Paweł Jaroszewicz (ehemals VADER und DECAPITATED) und Gitarrist Roger Öjersson (KAMCHATKA, ehemals KATATONIA, TIAMAT und PAIN OF SALVATION). Die Peaceville-Tradition (ANATHEMA, KATATONIA) schimmert immer wieder hörbar durch.

Öjerssons Gitarrenklänge öffnen dabei neue melodische Horizonte, während die klaren Gesangslinien wie Sonnenstrahlen durch eine dichte Gewitterfront brechen. Dadurch entfernt sich die Band hörbar vom früheren BLINDEAD-Sound, der oft tief im zähen Doom verwurzelt war. Auf “Deuterium” dominieren stattdessen progressive Strukturen, während Sludge und Post Metal eher als atmosphärische Farben denn als tragendes Fundament eingesetzt werden.

Bereits die Eröffnung mit “Immersion I” und “Immersion II” macht deutlich: Genregrenzen spielen hier nur noch eine Nebenrolle. Death Metal, Sludge und Prog verschmelzen zu einem weitläufigen Klangraum, in dem besonders die hymnischen Clean-Vocals überraschend präsent sind. Statt moderner Post Metal-Kälte erinnert manches eher an melodische Progressive-Salven; dazu gesellen sich Gitarrenlinien, die nicht nur begleiten, sondern ganze Landschaften zeichnen. Mit “Wither” zieht die Band anschließend das Tempo heraus. Es folgt das elfminütige “Worst Laid Plans”. Hier zeigt sich die gesamte Bandbreite von BLINDEAD 23: schwere Doom-Riffs, eruptive Death Metal-Ausbrüche, progressive Dramaturgie und der ständige Wechsel zwischen Growls und klarem Gesang. Immer wieder scheint der Song in dunkle Abgründe hinabzusteigen, nur um kurz darauf wieder an die Oberfläche zu treiben. Der Titeltrack “Deuterium” bündelt viele dieser Elemente in kompakterer Form, “Towards The Dark” mischt melancholische Schwere und in die Lüfte erhebende Melodik. Die saubere Produktion stammt von David Castillo (OPETH, CARCASS, KATATONIA) im Studio Gröndahl in Stockholm.

Mit “Deuterium” gelingt BLINDEAD 23 ein bemerkenswerter Balanceakt. Das Album steht wie ein Leuchtturm im Sturm: fest verankert in den dunklen Traditionen, zugleich aber mit dem Blick konsequent nach vorne gerichtet. Starkes Album!






DEUTERIUM

Band: Blindead 23
Genre: Progressive
Tracks: 7
Länge: 53:52
Medium: CD
Label: Peaveville
Vertrieb: Tonpool