REVIEW: Toward The Storm (ILIENSES TREE)
BY Meisenkaiser
Wenn eine Band aus dem sardischen Cagliari stammt und sich ILIENSES TREE nennt, steckt da deutlich mehr dahinter als nur ein cooler Name. Die Truppe gießt echte Geschichte in düsteren Doom/Death Metal. Die Ilienser (oder Iolaer) waren nämlich nicht einfach nur irgendein antikes Volk – sie waren die ultimativen Underdogs der sardischen Historie. Während der Bronze- und Eisenzeit bildeten sie eine der drei großen Säulen der Inselkultur. Doch als die Punier und später die Römer anrückten, haben die Ilienser nicht klein beigegeben. Sie haben sich ins unwegsame Gennargentu-Gebirge verpisst und von dort aus über Jahrhunderte einen gnadenlosen Guerillakrieg gegen jede Form von Fremdherrschaft geführt. Der Name leitet sich legendär von Iolaos ab – dem Neffen und Sidekick von Herakles. Wir reden hier also von einer hochprozentigen Mischung aus antiker Mythologie und knallhartem, indigenem Überlebenskampf. Sagt Wiki. So oder so ähnlich.
Genug der Historie. Auch heute ist Sardinien mehr als nur Ichnusa-Bier, teure Küstenstreifen wie die Costa Smeralda oder harter Pecorino. Da sind nämlich auch ILIENSES TREE mit ihrem neuen Album „Toward the Storm“, dem Nachfolger des 19er-Werks „Till Autumn Comes“. Nach einem kurzen, fast industriell anmutenden Intro vergräbt sich der Sound direkt in den dunklen und beklemmenden Ecken des Genres. Schleppend-schwere Riffs treffen auf melancholische Melodien und jede Menge Emotionen, getragen von der Aggro-Stimme eines gewissen Herrn Meloni (der vielleicht auch einfach nur sauer wegen seines Nachnamens ist?). Getrieben von purer Sorge liefern die Italiener eine intensive und zutiefst menschliche Form des Doom/Death ab. Stille, Langsamkeit und klangliche Wucht sind hier keine Lückenbüßer, sondern Programm. In dieser Slow-Motion-Gewalt transportiert die Band Themen wie Entfremdung, Schmerz, Identitätsverlust und inneren Widerstand. Der titelgebende „Storm“ steht dabei nicht für die Flucht, sondern für die bewusste Entscheidung, sich den eigenen Dämonen zu stellen.
Herausgekommen ist ein trostloses, hochemotionales Album, das Leiden in eine Stimme verwandelt. ILIENSES TREE liefern keinen weichgespülten Metal. Die vier acht- bis zehnminütigen Stücke kommen ohne Ausfall aus, erinnern angenehm an die gute alte Peaceville-Ära (Anspieltipp: „Wandering“!!!) und machen deutlich, dass wir uns soundtechnisch gerade in einer verdammt guten Meuse-Phase befinden. Das hier ist der Sound einer Kultur, die sich nie kampflos unterworfen hat – passt zu Sardinien, passt zu Doom. Wenn du also Bock auf Doom/Death hast, der nach altem Stein, Blut und Bergnebel schmeckt, dann zieh dir diesen sardischen Brocken rein. Und um mal weniger pathetisch zu sein: Wenn du die alten Paradise Lost mochtest, wirst du das hier lieben. Denn diese dichte Atmosphäre und die puren Emotionen wünscht man den Engländern schon seit einer gefühlten Ewigkeit. Da muss man gar nicht bis in die Bronzezeit zurückgehen.
TOWARD THE STORM
| Band: | ILIENSES TREE |
| Genre: | Doom Metal |
| Tracks: | 5 |
| Länge: | 38:50 |
| Medium: | CD |
| Label: | Meuse Music Records |
| Vertrieb: |




