FESTIVAL: Haunting The Castle VI

BY Meisenkaiser




Doom-Messe im Château de l'Avouerie zu Anthisnes: Was als Geburtstagsparty gestartet ist, hat sich zum Mekka für Fans des langsam-intensiven Metals etabliert:  “Haunting The Castle VI“.

AETURNA zünden das Feuer pünktlich im Chateau D’Avourie im belgischen Anthisnes an, direkt um die Ecke von Lüttich. Wer die Location noch nicht gecheckt hat, kommt aus dem Staunen nicht raus: Die mittelalterliche Burg ist der absolute Wahnsinn! Im Saal startet die Doom-Messe, während Holztreppen, massive Portale und edle Kronleuchter und samtene Vorhänge dafür sorgen, dass sich die Crowd wie edle Burgherren und Burgfräulein fühlt. Die belgischen Getränke in den noblen Biergläsern sind für deutsche Pilstrinker zwar gewöhnungsbedürftig, aber die Craft-Beer-Ultras feiern es hart. Im Untergeschoss mutiert so mancher Doom-Fan beim Anblick der Auswahl zum kleinen Kind im Bonbonladen.

Zur Musik: Die niederländischen Opener servieren dann eher traditionellen Doom Death. Nach dem Verlust ihres Sängers William steht jetzt Matt an der Front – ein Brite, der seine dunkel-melancholischen Hymnen zwar etwas eigenwillig-ungelenk, aber verdammt gekonnt rausschmettert. Das Castle ist schon gut gefüllt, typisch für dieses Fest: Hier wird keine Band missachtet. Für die HTC-Veteranen fühlt sich der Gig sowieso wie „Nach Hause kommen“ an. Also: Seid gegrüßt, HTC!

Setlist AETURNA (Reihenfolge so oder so ähnlich)

Intro

The Last Funeral

A Mirror Darkly

Stonebound

Altars of Ash

Wreathed in Tears

From Eternity I Call

Danach entern LYING FIGURES die Bühne. Die Franzosen aus Nancy reiten etwas überraschend nur als Trio ein, überzeugen aber auf ganzer Linie. Sie haben Songs von ihrer neuen Scheibe „Inheritance“ im Gepäck – jetzt nicht total revolutionär, aber so intensiv und melancholisch, wie es sich für eine ordentliche Grabesstimmung gehört.

Setlist LYING FIGURES 

Addicted to Negativity

Euphoria & Misery

Nightmare

Monologue of a Sick Brain

The Mirror

Remembrance

Self Hatred


Mit FADING BLISS um Veranstalter Denis betritt die erste Truppe mit klaren Vocals und einer holden Maid am Mikro das Parkett – in diesem Line-up fast schon ein Alleinstellungsmerkmal. Diesen Gothic Doom muss man natürlich mögen. Keine Sorge, die belgische Formation driftet nicht in Richtung Trällerelsen-Metal Marke Nightwish ab, aber für das auf Doom-Death getrimmte Ohr sind die klaren Vox trotzdem eine Challenge. Sei es wie es sei: Der Sound ist fett und die Meute feiert das bunte Treiben. Auch wenn am Ende keiner vor Begeisterung auf die Knie fällt, lassen sich die Fans bereitwillig auf eine Reise über Ozeane, Gebirge und Ruinen bis ins tiefe Leid entführen. Souverän abgeliefert.

Setlist FADING BLISS

Ocean

Mountain

Chants de Ruines

Need to Suffer

On Our Knees

Dass der Stahl-Peter noch lebt beweisen OCTOBER RUST, die zum Abschluss des ersten Tages in die Schlacht ziehen. Die Belgier haben sich voll und ganz dem Erbe von Type O Negative verschrieben. Ihr Barde an der Front, stilecht mit Perücke und Zylinder, beschwört den Geist vom Steel-Pete höchstselbst. Auch wenn die ganz harten Die-Hard-Recken vielleicht die Nase rümpfen, liefern die Jungs aus Gent – der Stadt der drei Türme – eine verdammt ehrenvolle Hommage ab. Mal ehrlich: Das Original war damals auf dem Dynamo zwar Legende, aber oft genug auch schlechter drauf als diese Truppe hier. Als sie dann stilecht den „grünen Hit“ „Black No. 1“ raushauen, ist die Messe gelesen. Ein perfektes Aufwärmprogramm für das, was am Samstag noch über die Burg hereinbrechen soll.

Setlist OCTOBER RUST

Everything Dies

In Praise of Bacchus

Summer Breeze

My Girlfriend’s Girlfriend

The Glorious Liberation of... 

Wolf Moon

Red Water

Anesthesia

Christian Woman

Black No. 1

Der nächste Morgen graut (entgegen der 17 Grad am Tag zuvor) und die norddeutsche Doom-Armee ASCIAN entert die Zinnen. Optisch gehen sie als die „Turtles des Doom-Metal“ durch – mit schwarzen Augenbinden und Sänger S., der die Kapuze tief ins Gesicht gezogen hat. Aber von wegen Blindflug: Der Kerl brüllt alles in Grund und Boden oder zieht die Meute mit seinen abwechslungsreichen, klaren Vocals in den Bann. Im schicken schwarzen Zwirn präsentieren sie Songs von „Sing to Me, Sweet Void“ und „Elysion“. „Cold Sun“ knallt richtig gut rein, das Bier ist ooch kalt – so lässt es sich standesgemäß in den Tag starten. Nix mit „Augen zu und durch“!

Entgegen ihres Namens reiten GÉVAUDAN nicht aus Frankreich ein, sondern entpuppen sich als „Hippies“ aus Großbritannien. Wer hier einen actionreichen Pakt der Wölfe erwartet hat, wird eines Besseren belehrt: Es gibt Epic Doom mit glasklarem Gesang. Für den klassischen Funeral-Death-Jünger ist das mit den Synths und dem eigenwilligen Gesang vielleicht eine zu große Herausforderung, aber die Engländer sind die extremste Band des Festes – zumindest was die ungewöhnliche Setlist angeht. Sie zocken ihre neue CD „U-M-B-R-A“ am Stück. Das bedeutet: Mit „Umbra“ nur ein einziger Song, aber der geht über 43 Minuten! Wer auf epischen Stoff steht, muss vor diesem Auftritt einfach den Helm ziehen.

Für einen polnischen Kälteschock sorgen DEATH HAS SPOKEN verspielen im Vorfeld zwar ein paar Sympathiepunkte durch einen fragwürdigen Bxxxxx-Pulli, lassen musikalisch aber rein gar nichts anbrennen. Ihr solider Death Doom kommt mit Gitarren um die Ecke, die so unterschwellig kalt klingen, dass sie fast schon Black-Metal-Vibes versprühen. Doch die Truppe kann auch anders: Stilwechsel bis hin zu jazzigen Einlagen sorgen für Abwechslung. Manchmal wird es leise, manchmal etwas wirr, aber am Ende passt das alles perfekt in das düstere Gesamtbild der Burg.

Setlist DEATH HAS SPOKEN

Within the Hill

Murmurs

Through Shaded Way

Beyond the Pale Horizo

Upon the Verge

Closure

Kerzenschein und Kerkerstille: LONE WANDERER! Ein bisschen dauert es schon, bis der einsame Wanderer namens Bruno seinen ganzen Klimbim auf der Bühne sortiert hat. Sogar echte Kerzen lässt er anzünden, um die finsteren Mauern zu illuminieren. Weil ihm die Chose aber immer noch zu hell ist, fordert er erfolgreich, das Licht im kompletten Saal zu löschen. Nicht nur die an Dunkelheit gewöhnten ASCIAN-Recken finden trotz der Schwärze ihr Bier – auch LONE WANDERER liefern eine absolut bemerkenswerte Show ab, die ihrer neuen Scheibe „Exequiae“ mehr als gerecht wird. „Existence Nullified“ – joo freili!

Setlist LONE WANDERER

Existence Nullified

To Rest Eternally

Epistemology of the Passed

OLD NIGHT bringen dann eine ordentliche Brise Mittelmeer-Melancholie aus Rijeka direkt an den Rand der belgischen Ardennen. Die Kroaten entpuppen sich als die „Candlemass des Abends“. Sie haben sich voll dem Epic Doom verschrieben und transportieren diesen enorm lässig und mit verdammt viel Verve in den Rittersaal.

Setlist OLD NIGHT

Homebound

Chasing Yesterdays

Mother of all Sorrows

Entwined

Daughter of Summer Dawning

Stormbirds

Die georgische Offenbarung sind ENNUI. Sie hauen genau am Festival-Tag ihre neue Scheibe „Qroba“ raus und verticken schon vor dem Gig fleißig Shirts und CDs am Merch-Stand. Was sie dann aber auf die Bühne zaubern, ist jenseits jeder Erwartung – fast schon zu gut, um es auszuhalten. Ob Kracher vom neuen Album wie „Becoming Void“ oder Klassiker wie „The Descendant of Lifeless Rebirth“ – das ist ganz große Kunst aus Trauer und Melancholie. Es stimmt hundertprozentig, aber was Sergi an seiner Klampfe veranstaltet, toppt an diesem Abend einfach alles. Solange es solche Bands gibt, geht die Welt nicht unter. Entgegen der Interpretation des Titels ihres großartigen „When Our Light Dies Forever“.

Ähnlich krass liefern die Mallorquiner HELEVORN ab. Nur in eine ganz andere Richtung. Sie als die „HIM des Dooms“ zwischen ENNUI und MOURNFUL CONGREGATION zu parken, ist eine absolute Meisterleistung der Orga. Die Spanier laden Gastsängerin Ines auf die Zinnen, appellieren an das Mitgefühl für die Opfer von Kriegen wie in Gaza und tauchen den Saal mit Übersongs wie „A Sail To Sanity“ oder „When Nothing Shudders" quasi in pinkes Licht. Selbst die härtesten Funeral Doomer tanzen da mit. Über das neue Album „Espectres“ frohlocken Sie zurück bis „Compassion Forlorn“. Hach, machen HELEVORN stets einen Spaß. Mitsingen, tanzen, klatschen, fröhlich sein – auch das kann Doom. Mal.


Was macht blaues Licht? Es leuchtet Blau. Aber eigentlich ist alles jetzt dunkelschwarz. Düstere Glocken läuten den eine gute Stunde langen, australischen Lavaaufguss ein. MOURNFUL CONGREGATION blasen die eben noch herrschende Fröhlichkeit in einer Millisekunde weg. Die Musik quält sich aus den Boxen wie klebriges Marmaid aus dem Glas. Ob die Hymnen nun „Mother-Water“ oder „Whispering Spiritscapes“ heißen, ist völlig egal – die Band aus Übersee zerlegt hier einfach alles, auch all die Fröhlichkeit ihrer Begleitung Kathy. Die Band aus Brisbane schüttet ihre Songs in den Saal wie kochendes Pech, das nur der Sage nach von Burgherren zu Verteidigung genutzt wurde. Es ist schlechtweg unglaublich und nicht zu begreifen, welche Intenstität die Band ausstrahlt, zu hart für manchen. Aber irre gut.

Das Urteil der Tafelrunde: Wenn sich der Nebel im Château de l'Avouerie d'Anthisnes lichtet, bleibt vor allem eines hängen: Was für eine absolut friedliche und angenehme Atmosphäre unter all den holden Maiden, Recken und Spielleuten herrscht. Der Ort ist einmalig, die Auswahl an Gerstensaft und Speis und Trank einfach prima. Wer nicht mehr fest im Sattel sitzt, nutzt den stabilen Service mit dem Shuttle, der einen sicher von und nach Lüttich direkt zum Gemach kutschiert. Man merkt an jeder Ecke: Hier feiert eine eingeschworene Gemeinde. Während anderswo auf der Welt bittere Kriege toben, beweist dieses Fest, welche Macht die Musik hat. Hier liegen sich Doomer aus aller Herren Länder in den Armen – egal ob sie aus Australien, Polen, Deutschland, Georgien, den Niederlanden, Großbritannien, Frankreich oder Spanien angereist sind. Ein wahres Bündnis der Verdammnis, das zeigt, wie Gemeinschaft wirklich funktioniert. Danke, HAUNTING THE CASTLE, bis 2027.