FESTIVAL: WACKEN 2026

BY Erik Bosbach




WACKEN OPEN AIR 2026 – Sonne statt Schlamm, Metal statt Alltag

Wacken. Allein dieser Name reicht inzwischen aus, um bei Metalheads auf der ganzen Welt bestimmte Bilder im Kopf entstehen zu lassen: gewaltige Bühnen, donnernde Gitarren, schwarze Shirts, Bierbecher, Bullheads, Schlammstiefel - und irgendwo dazwischen ein kleines schleswig-holsteinisches Dorf, das einmal im Jahr zum Mittelpunkt der internationalen Metalwelt wird. 2026 allerdings musste man die Gummistiefel nicht zwingend aus dem Gepäck holen. Nach dem regelrechten Schlamm-Inferno des Vorjahres zeigte sich das Wacken Open Air diesmal von seiner sommerlichen Seite. Statt knöcheltiefem Matsch gab es Sonne, trockene Wege und zeitweise Temperaturen jenseits der 30-Grad-Marke. 85.000 Besucher waren beim ausverkauften 35. W:O:A dabei. Was 1990 mit einem kleinen Festival begann, ist heute eine internationale Institution und für einige Tage praktisch ein eigener Mikrokosmos.

Ankommen, Zelt werfen, Bier öffnen – und ab ins Wacken-Universum

Angekommen und eingecheckt wurde zunächst auf einem Bauernhof in der Nähe von Wacken. Natürlich auf einem Bauernhof, wo sollte man in Wacken auch sonst landen? Danach ging es auf die angemietete Parzelle bei Bauer Uwes Garten. Wurfzelt hingeworfen, ein Döschen Bier geöffnet und der Alltag ist erstaunlich schnell verschwunden. Auf dem Weg zu den Bühnen geht natürlich vorbei an unzähligen Möglichkeiten, Geld gegen Dinge einzutauschen. Der Acker verwandelt sich für einige Tage in eine kleine Stadt, deren wichtigste Infrastruktur aus Musik, Bier, Essen und der Frage besteht: „Welche Band schauen wir uns als nächstes an?“. Die meisten Festivalbesucher sind bereits 1-2 Tage vor Ort, ich stoße am Mittwoch am frühen Nachmittag hinzu.

Der erste musikalische Pflichttermin führt mich zur Louder Stage. THE GATHERING stehen auf dem Programm, die Niederländer gehören zu den Bands, die mich bereits in meiner Jugend begleitet haben. Mit ANNEKE VAN GIERSBERGEN begann 1994 eine der prägendsten Phasen der Band. Nach den Reunion-Shows zum 30. Geburtstag von „Mandylion“ 2025 wurde die Zusammenarbeit 2026 mit einer ganzen Reihe von Konzerten und Festivalauftritten fortgesetzt. In Wacken stehen unter anderem „Eléanor“, „Fear the Sea“, und „Saturnine“ auf der Setlist.

Rund um THE GATHERING ist auf dem Gelände natürlich längst Bewegung. Bereits vorher standen die schwedischen Rockerinnen von THUNDERMOTHER und THE HARDKISS auf derselben Bühne. Genau diese Mischung ist eine der großen Stärken des Festivals: Man kann morgens bei einem Underground-Act landen, mittags eine alte Metal-Legende erleben und am Abend plötzlich bei einem elektronischen Abriss stehen. Wacken ist musikalisch längst keine Schublade mehr. Eher ein riesiger Werkzeugkasten und jeder sucht sich daraus sein persönliches Lieblingswerkzeug oder entdeckt etwas neues.

Später geht es hinüber zur Hauptbühne. Hier übernimmt ELECTRIC BASSBOY; das elektronische Sideproject von ELECTRIC CALLBOY. Und plötzlich wird aus dem Metal-Festival eine Mischung aus Clubnacht, Metal-Party und komplettem Ausnahmezustand. Viele, vor allem jüngere Besucher, sind begeistert. Und mancher Metaller, der schon ein paar Jahrzehnte Kutte auf dem Buckel hat, schaut kritisch auf das Geschehen. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo zwischen. Ein bisschen Abstand tut gut. Also ab nach hinten, einen Snack organisieren, ein oder zwei Kaltgetränke einwerfen und zwischendurch über das riesige Festivalgelände schlendern.

METAL BATTLE - das Schlachtfeld für die nächste Generation

Während auf den großen Bühnen bereits die etablierten Namen spielen, wird auf der W:E:T Stage und der Headbangers Stage gleichzeitig um die Zukunft des Metal gekämpft. 2026 treten 31 Bands aus fünf Kontinenten gegeneinander an. Aus mehr als 10.000 Bewerbungen wurden die Teilnehmer ausgewählt. Die internationale Nachwuchsveranstaltung existiert bereits seit 2004 und gilt als größter globaler Metal-Bandwettbewerb. Am Abend geht es auf diesen Bühnen mit weiteren Highlights weiter, unter anderem mit KADAVAR. Doch mein persönlicher Weg führt nun zu THE TROOPS OF DOOM auf der Wasteland Stage. Das Wasteland ist Wackens postapokalyptischer Themenbereich. Rostige Kulissen, Endzeitoptik, bizarre Fahrzeuge, Feuer, Motoren und die Wasteland Warriors sorgen dafür, dass man sich eher in einem Mad-Max-Film als auf einem norddeutschen Acker wähnt. Die Band wurde 2020 von JAIRO „TORMENTOR“ GUEDZ gegründet. Der Gitarrist war einst Mitglied der frühen SEPULTURA und wirkte an den legendären Veröffentlichungen „Bestial Devastation“ und „Morbid Visions“ mit. THE TROOPS OF DOOM haben sich musikalisch bewusst dem rohen Death/Thrash Metal der 1980er verschrieben. Und 2026 gibt es dabei sogar eine besonders interessante Verbindung zur deutschen Thrash-Szene: Für die Europatournee übernimmt FRANK „BLACKFIRE“ GOSDZIK (SODOM, KREATOR) die zweite Gitarre. Keine Hochglanzproduktion, keine glattpolierte Festivalware, stattdessen sägen sich die Gitarren durch die Nacht. Hier passt alles zusammen: rostige Endzeitkulisse, aufheulende Verstärker und ein Sound, der klingt, als würde gleich irgendwo hinter der Bühne ein alter Panzer aus dem Gebüsch rollen.

Nun noch rüber zu HÄMATOM: Nicht jeder Ton muss dabei mein persönlicher Geschmack sein, um anzuerkennen, dass eine Band ihr Publikum erreicht. MAMBO KURT spare ich mir heute Abend.

Füße hoch. Der erste Tag ist geschafft. Und während auf dem Holy Ground noch irgendwo die letzten Bässe über das Gelände rollen, ist bereits klar: Das war gerade einmal der Auftakt.

DONNERSTAG - SONNE, SCHWARZMETAL UND „THE FINAL COUNTDOWN“

Ein langer Tag zwischen Liegestuhl, Death Metal, Mittelaltermarkt und Metal-Disco

Eine Dusche und einen Kaffee später ist klar: Der Donnerstag kann kommen und wieder zeigt sich Wacken von seiner sommerlichen Seite. Dank Presseakkreditierung gibt es außerdem einen kleinen Luxus: Ich kann das Infield bereits betreten, bevor die große Masse einströmt. Während sich die Festivalbesucher später wie eine gewaltige menschliche Welle Richtung Bühnen bewegen werden, ist es zu diesem Zeitpunkt noch vergleichsweise ruhig. Und für einen kurzen Moment fühle ich mich wie einst Franz Beckenbauer, der auf einem großen Rasen steht, nachdenklich über das Spielfeld blickt und vermutlich über die großen Fragen des Lebens nachdenkt. Kurz darauf eröffnet SKYLINE den Festivaltag auf den großen Bühnen und präsentieren dabei traditionell eine Mischung aus Rock- und Metal-Klassikern. Heute wird neben der großen Faster auch die Zwillingsbühne Harder Stage bespielt. Auf den großen Bühnen geben sich unter anderem YNGWIE MALMSTEEN und ULI JON ROTH die Ehre. Auf W:E:T und Headbangers Stage wartet an diesem Tag reichlich Material für Freunde der härteren Gangart. Zwischendurch lohnt sich aber immer wieder ein Abstecher zur Wackinger Stage und dem angrenzenden Mittelaltermarkt. Ein paar Schritte vom internationalen Metalzirkus entfernt stehen plötzlich Mittelalterzelte und Handwerker; ein Ort um ein bisschen zu verschnaufen oder z.B. einen Kurs in mittelalterlichem Gruppentanz zu belegen.

Die H-BLOCKX bringen auf der Louder ihre Mischung aus Crossover, Alternative Rock und Hardcore auf die Bühne. Die Münsteraner gehören seit den 1990er-Jahren zu den bekanntesten deutschen Crossover-Bands und haben mit Songs wie „Move“, „Risin’ High“ und „Little Girl“ ihre ganz eigene Nische gefunden. Im Anschluss übernehmen THERAPY?: trocken, irisch und ziemlich gut. Die Musik wirkt eher wie ein trockener irischer Whiskey: wenig Schnickschnack, ordentlich Charakter und im Abgang durchaus kräftig. Songs wie „Screamager“ oder „Nowhere“ zeigen ziemlich gut, warum die Band bis heute funktioniert. Die Headbangers Stage beherbergt nun FIRESPAWN, die sich vor allem mit der Huldigung des verstorbenen L.G. Petrov beschäftigen. 2012 entschieden sich der Sänger Lars-Göran „L.G.“ Petrov (ENTOMBED), der Bassist Alex Friberg aka Alex Impaler (NECROPHOBIC) und der Gitarrist Victor Brandt eine neue Band zu gründen.

Um 20:15 Uhr wird es auf der W:E:T Stage deutlich finsterer: SPECTRAL WOUND aus Montreal betreten die Bühne, die Mucke ist kalt, aggressiv und gleichzeitig erstaunlich atmosphärisch. Im Mittelpunkt steht Sänger Matthew „D. McN.“ Dwyer, der sich während des Auftritts regelrecht in seine Rolle besessen hineinsteigert. Sein Keifen klingt, als würde irgendwo tief unter der Bühne gerade jemand die Tore zur Unterwelt aufstoßen. Cool!

BLOOD RED THRONE servieren nun eine ordentliche Portion Death Metal und wenig Zeit zum Luft holen. Der Sound walzt über das Gelände und sorgt für ordentlich Bewegung vor der Bühne. Bassist Clammy Hackett Gundersen prügelt mit wilder Manier und körperlichem Einsatz auf sein Instrument ein. Gitarrist Ivan „Meathook“ Gujic macht einen auf Dimebag Darrell. Zwischendurch zieht es mich noch einmal zur Harder Stage. Dort stehen EUROPE: „Rock the Night“, „Carrie“ und selbstredend „The Final Countdown“ begeistern die Massen. Um 20:30 Uhr startet auf der Faster Stage ein echtes Highlight für viele alteingesessene Metalheads: SAVATAGE. Die US-Amerikaner aus Florida gehören zu den prägenden Bands des progressiven und melodischen Heavy Metal und haben mit Alben wie „Hall of the Mountain King“, „Gutter Ballet“ und „Streets“ Metalgeschichte geschrieben. Wer danach glaubt, es könne musikalisch nicht noch extremer werden, hat die Rechnung ohne ANAL NATHRAKH gemacht. Die Briten aus Birmingham gehören zu den außergewöhnlichsten Erscheinungen des extremen Metal. Gegründet 1999 von Mick Kenney und V.I.T.R.I.O.L., verbinden ANAL NATHRAKH wilde Elemente aus Black Metal, Death Metal, Grindcore, Industrial der elektronischen Klangwelten. Ihre Songs können innerhalb weniger Sekunden zwischen rasendem Blastbeat, elektronischen Passagen, Industrial-Noise und melodischen Momenten wechseln: Musik wie ein Sandsturm, saugut!

Ein kleiner Regenschauer zieht über das Festivalgelände, aber diesmal ist es kein Weltuntergang und auch keine Schlammschlacht.

Später wird es Zeit für den Headliner des Abends: DEF LEPPARD.

Die britischen Hard-Rock-Legenden gehören seit den frühen 1980er-Jahren gehören sie zu den größten Bands des Genres. Wir steigen allerdings erst in der zweiten Hälfte des Konzerts ein. Und was sofort auffällt, ist der Sound: glasklar und druckvoll und die Stimme von JOE ELLIOTT trägt über das riesige Gelände. Mit „Pour Some Sugar on Me“ und „Hysteria“ stehen natürlich zwei der großen Klassiker im Programm. Ein guter Tag in Wacken und ich bin ehrlicherweise froh auch ein paar härtere Klänge auf den Nebenbühne mitbekommen zu haben, ansonsten wäre mir wahrscheinlich mit den großen Rockgiganten etwas zu wenig derbe Klänge zu hören gewesen. Es zeigt sich, dass letztendlich für jeden etwas dabei ist!

Die COWGIRLS FROM HELL übernehmen und spätestens jetzt wird aus dem Festivalgelände endgültig eine riesige Tanzfläche. Die beiden Damen legen Metal-Klassiker auf, die jeder irgendwie kennt. Hier werden die letzten Energiereserven aus den Beinen geprügelt und bis drei Uhr morgens wird das Tanzbein geschwungen.

 

FREITAG - VON KLOBÜRSTEN, BLACKGAZE UND DEM METAL GOD

Ein Wacken-Tag zwischen Fäkal-Grindcore, Sonnenuntergang, JUDAS PRIEST und dem letzten deutschen Festivalauftritt von SEPULTURA.

GUTALAX aus Tschechien frönen schon mittags dem Fäkalhumor. Die 2009 gegründete Band aus Křemže spielt eine Mischung aus Goregrind, Grindcore und Porngrind, die Texte handeln zumeist von Abgründen des menschlichen Verdauungssystems. Klobürsten werden zu Festivalutensilien, der Sänger Martin „Maty“ Matoušek grunzt und keift sich durch die Songs und irgendwo zwischen Froschgesang und Blastbeats schunekln die Fans in weißen Overalls. GUTALAX sind musikalisch ungefähr das Gegenteil einer beruhigenden Morgenmeditation. Aber genau darin liegt der Spaß. Das Ganze ist so hemmungslos albern und gleichzeitig musikalisch dermaßen brutal, dass man gar nicht anders kann, als zumindest anerkennend den Kopf zu schütteln. Wer es musikalisch etwas klassischer mag, kann beispielsweise auch bei GRAND MAGUS vorbeischauen. Die Schweden stehen für epischen Heavy Metal mit Doom-Einschlag und großen, getragenen Riffs. Auf der Wackinger Stage sorgen tuXedoo und BLAAS OF GLORY für Unterhaltung, während bei MR. HURLEY UND DIE PULVERAFFEN Mittelalter-Rock, Piratenhumor und Festivalstimmung aufeinandertreffen. Auch VREID und DANKO JONES stehen auf dem Tagesprogramm.

Wer Gothic Metal mit dunkler Atmosphäre und einer ordentlichen Portion Melancholie sucht, ist bei PARADISE LOST richtig.

METAL-YOGA - OM statt MOSH

Auf der Welcome to the Jungle Stage kann man mit Moni den Körper wieder auf Festivalbetrieb bringen. Die überdachten Sitzbereiche dort sind ohnehin eine willkommene Möglichkeit, zwischendurch einmal die Beine hochzulegen.

Um 15:30 Uhr zieht es mich zur Louder Stage. MANTAR: Zwei Männer, Schlagzeug, Gitarre, Verstärker. Das Bremer Duo um Hanno Klänhardt und Erinc Sakarya schafft es immer wieder, mit einer geradezu bodenständigen Grobschlächtigkeit alles in Schutt und Asche zu legen.

Im Anschluss geht es auf der Faster Stage mit BLACK LABEL SOCIETY weiter. Im Mittelpunkt steht natürlich ZAKK WYLDE, Gitarrist, Sänger und seit Jahrzehnten eine der auffälligsten Figuren des amerikanischen Heavy Rock. Seine Spielweise ist unverkennbar: schwere Riffs, bluesige Soli und ein Sound, der schon aus wenigen Takten herauszuhören ist. Ich bleibe allerdings nicht zu lange, denn auf der W:E:T Stage wartet bereits der nächste Kontrast.

DEAFHEAVEN - SCHWARZE WOLKEN AUS SAN FRANCISCO

Die Amerikaner gehören zu den bekanntesten Vertretern des Blackgaze, wo sich schwebende Klangflächen treffen. Die Musik ist gleichzeitig aggressiv und verträumt, zerbrechlich und brachial.

SAXON – DIE ALTEN RECKEN SIND WIEDER DA

Auf der Harder Stage stehen inzwischen SAXON, BIFF BYFORD und seine Mannschaft gehören mit ihren Songs wie „Wheels of Steel“, „747 (Strangers in the Night)“ oder „Princess of the Night“ zu den meistgesehenen Bands in Wacken.

Der Abend bricht hinein: das Licht wird wärmer und die Schatten länger.

IN FLAMES – WENN DAS INFIELD SPRINGT

Am Abend konzentriere ich mich vor allem auf die beiden großen Bühnen. Auf der Faster Stage stehen IN FLAMES. Und die Schweden haben ein beeindruckendes Publikum vor der Bühne versammelt. Spätestens bei „Only for the Weak“ wird aus der Menge eine einzige hüpfende Masse und zeitgleich zeigt sich ein orangener Sonnenuntergang über den Boxentürmen.

21:30 Uhr, JUDAS PRIEST! Und damit beginnt die große Gala des englischen Heavy Metal. Über fünf Jahrzehnte Bandgeschichte, mehr als 50 Millionen verkaufte Alben und ein Frontmann, dessen Name längst synonym mit Heavy Metal geworden ist: ROB HALFORD. „Breaking the Law“ knallt über den Platz, „Painkiller“ lässt die Gitarren kreischen und mit „The Serpent and the King“ findet auch Material vom aktuellen Album „Invincible Shield“ seinen Platz. Dazu die obligatorischen Lederklamotten, die Flying-V-Gitarren und der Metalgott samt Motorrad.

EMPEROR - ALS DIE VERGANGENHEIT AUF DIE BÜHNE ZURÜCKKEHRT

Doch während auf der Harder Stage noch JUDAS PRIEST regieren, wartet nebenan bereits das nächste historische Ereignis.

Die Norweger spielen auf der Louder Stage einen „Best of“-Set und zusätzlich ein spezielles EP-Set mit Original-Line-up und es wird für Black Metal-Fans historisch. Denn für den frühen Teil der Show kommen tatsächlich MORTIIS und FAUST dazu. MORTIIS, damals Bassist der frühen EMPEROR-Besetzung und FAUST, der frühe Schlagzeuger der Band. Für das spezielle historische Set wird die frühe Besetzung gewürdigt, während die aktuelle EMPEROR-Besetzung ebenfalls Teil der Show bleibt. Es stehen zwei Drumsets auf der Bühne und dann betritt plötzlich MORTIIS mit seiner markanten Maske das Geschehen. Musikalisch liefern IHSAHN und seine Mitstreiter einen überzeugenden Auftritt.

RUNNING WILD verabschiedeten sich auf dem WACKEN OPEN AIR 2026 mit ihrer offiziell angekündigten letzten Liveshow von der Bühne - nach mehr als vier Jahrzehnten Bandgeschichte. Vor tausenden Fans präsentierte ROLF KASPAREK mit seiner Band ein kraftvolles Set voller Klassiker und sorgte für einen emotionalen Abschied, der von den Zuschauern lautstark gefeiert wurde. Besonders die Mischung aus Piratenhymnen und selten gespielten Songs führt zu einem würdigen Finale. Eine lange Abschluss-Rede mit Pathetik hat ROCK 'N' ROLF nicht parat: „Tschüss, Gute Nacht!“.

Um 1:00 Uhr spielen ALCEST auf der Headbanger Stage. Eigentlich darf man das nicht verpassen, aber gleichzeitig wartet auf der Harder Stage etwas, das es so nicht wieder geben wird: SEPULTURA. Der letzte deutsche Festivalauftritt der brasilianischen Metal-Legende ist natürlich gesetzt. Von den rohen frühen Thrash/ Death Metal-Tagen über „Arise“ über „Chaos A.D.“ bis zu „Roots“ und den neueren Scheiben haben die Brasilianer ihren Sound immer wieder angepasst und damit ihre eigene Geschichte geschrieben. ANDREAS KISSER lässt die Gitarren sprechen und DERRICK GREEN brüllt sich herrlich durch „Refuse/Resist“, „Territory“, „Arise“, „Ratamahatta“ und natürlich: „Roots Bloody Roots“.

 

SAMSTAG - DER LETZTE TAG AUF DEM HOLY GROUND

Dinos, Dampfwalzen und ein letztes großes Feuerwerk!

Der letzte reguläre Festivaltag auf dem Holy Ground ist angebrochen.

Um die Mittagszeit kann man den letzten Festivaltag bereits mit HEAVYSAURUS beginnen. Die Dinos zeigen, dass musikalische Früherziehung nicht zwangsläufig mit Blockflöte beginnen muss.

Alternativ stehen auf der Wackinger Stage die WACKEN FIREFIGHTERS bereit, während auf der Headbangers Stage mit FOCUS. punkige Klänge warten. BLOOD COMMAND eröffnen mit punkigem Hardcore, während Sängerin Nikki Brumen unermüdlich über die Bühne wirbelt. Sie spuckt während des gesamten Auftritts immer auf die Bühne, in die Hände und in den Fotograben - für Security und Fotografen kein Vergnügen, auch wenn das Ganze einen gewissen Unterhaltungswert hat. Vor der Bühne tut das der Stimmung jedoch keinen Abbruch, dort wird ausgelassen gefeiert. Beim Betreten der Bühne legt Basser Snorre Kilvær von direkt einen spektakulären Fehlstart hin und fliegt erstmal ordentlich auf die Fresse. Nikki Brumen hat gehört, dass Kiffen hier in Deutschland deutlich legaler sein soll, und schnorrt sich erstmal einen Joint. Geraucht wird der allerdings am Ende vor allem von Gitarrist Yngve Andersen.

Für mich geht es weiter zu ORBIT CULTURE. Was diese Schweden live veranstalten, könnte man ungefähr als Dampfwalze des modernen Death Metal bezeichnen. Schwere tiefe Gitarren treffen auf wuchtige Drums, aggressive Vocals und diese Mischung aus Melodic Death Metal und modernen Metal-Einflüssen, die ORBIT CULTURE zu einer der interessanteren jüngeren Bands ihres Genres gemacht hat. Ein cooler Auftritt vor voller Hütte.

NEVERMORE – EIN NEUES KAPITEL BEGINNT

Ein echtes Highlight wartet anschließend auf der Faster Stage: Für Fans der amerikanischen Progressive Metal-Institution ist das ein besonderer Moment. NEVERMORE gehörten mit ihrem technisch anspruchsvollen, düsteren und gleichzeitig melodischen Metal zu den eigenständigsten Bands ihrer Generation. Alben wie „Dead Heart in a Dead World“, „Enemies of Reality“ und „This Godless Endeavor“ haben ihren Ruf als außergewöhnliche Progressive-Metal-Band gefestigt. Doch eine zentrale Figur fehlt natürlich: Der charismatische Sänger WARREL DANE starb 2017. Mit JEFF LOOMIS und VAN WILLIAMS stehen zwei zentrale NEVERMORE-Musiker wieder auf der Bühne. Dazu kommen Bassist SEMIR ÖZERKAN, Gitarrist JACK CATTOI und am Mikrofon BERZAN ÖNEN. ÖNEN bringt Präsenz und eine erstaunlich überzeugende Stimme mit. Ein guter Auftritt.

Viel Zeit zum Durchatmen bleibt nicht, LAMB OF GOD übernehmen und damit gibt es eine ordentliche Portion modernen amerikanischen Metal vor einem riesigen Publikum. Sänger RANDY BLYTHE dirigiert die Menge; hier darf und soll Bewegung entstehen.

Wer möchte, kann anschließend zu AIRBOURNE aus Australien wechseln.

Aber als Rheinländer ist die Entscheidung natürlich klar: Wir gehen zur ZELTINGER BAND. Denn wenn JÜRGEN ZELTINGER in Wacken auftritt, muss man als Kölner einfach mal Flagge zeigen. Und der „Assi mit Niveau“ ist inzwischen tatsächlich etwas in die Jahre gekommen. Seine Stimme, die Attitüde und der kölsche Humor sind jedoch noch da. Wahrscheinlich gut, dass der Kollege inzwischen angezogen bleibt und nicht blank zieht. Nach dem eigentlichen Ende des Auftritts macht Jürgen nicht so richtig den Eindruck, als wolle er die Bühne verlassen. Und tatsächlich gibt es noch einen Nachschlag.

Danach geht es zu MUNICIPAL WASTE und Wacken wird zum völlig durchgedrehten Heavy Metal-Comic der 1980er. Die Amerikaner frönen feinem Thrash Metal mit kurzen schnellen Songs und viel Bewegung. Es bietet sich eine herrliche Optik, die irgendwo zwischen Skateboard, Horrorfilm und alter Metal-Kassette hängen geblieben ist. MUNICIPAL WASTE nehmen sich selbst nicht übermäßig ernst, ihre Musik allerdings schon. Auf der Nachbarbühne stehen anschließend LAGWAGON, die kalifornischen Punkrocker bringen eine völlig andere Energie ins Spiel: melodischer Punkrock.

Auf der Harder Stage sammeln sich die Massen für ARCH ENEMY. Die schwedischen Melodic Death Metaller gehören längst zu den ganz großen Namen des Genres und präsentieren die neuen Sängerin Lauren Hart. Gleichzeitig wächst auf der Faster Stage die Menge für POWERWOLF.

Die Saarländer gehören inzwischen zu den erfolgreichsten deutschen Metalbands überhaupt und haben ihre Mischung aus Power Metal, Kirchenoptik, Orgeln, großen Melodien und eingängigen Refrains längst perfektioniert.

Stattdessen zieht es mich allerdings zu DRITTE WAHL: Punkrock mit guten Melodien und einer klaren politischen Haltung. Für mich sind die Rostocker eine angenehme Alternative zum großen Gewitter auf den Hauptbühnen. Danach geht es weiter mit CORROSION OF CONFORMITY. Die Amerikaner stehen für schweren, dreckigen Rock irgendwo zwischen Southern Metal, Doom, Sludge und klassischem amerikanischem Metal.

CASTLE RAT - DIE RAT QUEEN IM WASTELAND

Und wer diese Band zum ersten Mal sieht, könnte zunächst glauben, versehentlich in einem Fantasyfilm gelandet zu sein. Die New Yorker spielen Doom, Psychedelic Rock und Heavy Metal, verbinden das Ganze aber mit einem ausgesprochen theatralischen Bühnenkonzept. Im Mittelpunkt steht Sängerin und Gitarristin RILEY „RAT QUEEN“ PINKERTON mit hochtoupiertem Haar. Hier wird eine kleine Parallelwelt aufgebaut.

Wer nun zur Louder Stage pilgert, bekommt zunächst die Deutschrocker von KÄRBHOLZ. Danach wird es mit THY ART IS MURDER schlagartig brutaler mit etwas Deathcore.

Und vor der Harder Stage sammelt sich eine gewaltige Menschenmenge: SABATON rufen zum Kriegsgesang, Panzerklamauk und allerhand Flammen. Während sich bei SABATON die Menschenmassen erfreuen wird es einige Meter weiter links deutlich düsterer. Die Band um THOMAS GABRIEL WARRIOR ist musikalisch eng mit der Geschichte von HELLHAMMER und CELTIC FROST verbunden. Für Wacken wurde ein exklusives Best-of-Set mit mehreren Live-Premieren angekündigt. Ein feiner Auftritt des Schweizers. Hartgesottenen zieht es noch einmal zurück Richtung Hauptbühne wo ALESTORM die Party startet.

NACH WACKEN IST VOR WACKEN

Kaum ist der letzte Ton von Wacken 2026 verklungen, die letzten Bierbecher sind eingesammelt und die Zelte werden wieder von den Äckern Schleswig-Holsteins getragen, da passiert das Unvermeidliche:

Nach Wacken ist vor Wacken.

Und während man noch versucht, die Festivalerlebnisse der vergangenen Tage im Kopf zu sortieren, werfen die Veranstalter bereits die ersten Namen für W:O:A 2027 in den Ring. Das Festival findet vom 28. bis 31. Juli 2027 mit FIVE FINGER DEATH PUNCH, HELLOWEEN und ELECTRIC CALLBOY statt. Dazu kommen unter anderem DRAGONFORCE, EDGUY, HEAVEN SHALL BURN, AVATAR, DARK TRANQUILLITY, NAPALM DEATH, BELPHEGOR, DETHKLOK, CAVALERA CONSPIRACY, KNOCKED LOOSE, JINJER, CARNIFEX, GAEREA und CRYPTA. CHILDREN OF BODOM sind plötzlich (mit SAMY ELBANNA) wieder auferstanden!

Man kann über das Wetter, die Running Order und natürlich über die amerikanische Biersorte diskutieren. Man kann darüber streiten, ob ELECTRIC CALLandBASSBOY nun Metal sind oder nicht. Aber spätestens wenn die ersten Gitarren aus den Boxen dröhnen, ist man wieder mittendrin und das ist gut so.

See you in Wacken 2027 - Rain or Shine!


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