FESTIVAL: TOLLROCK FESTIVAL 2026
BY Erik Bosbach

Wenn ein ganzes Dorf Rock und Metal feiert - Zwei Tage Ausnahmezustand in der Eifel
Bereits am Donnerstag wächst auf dem Campingareal eine kleine Zeltstadt heran: Pavillons werden miteinander verbunden, Kühlschränke angeschlossen und Grills angeheizt. Manche Gruppen bauen sich regelrechte Festungen aus Zelten, Planen und Wellblech. Andere reisen mit Traktoren an, stellen Pools auf oder überraschen ihre Nachbarn mit umgebauten Bussen und lässiger Zapfanlage. Am Donnerstag-Abend wird bereits auf einer Campingplatz-Bühne gerockt.
Ein Festival für die ganze Region
Natürlich reisen Fans aus dem gesamten Rheinland, aus der Eifel und aus der Städteregion Aachen/ Düren an. Gleichzeitig ist das Festival tief mit der Ortschaft Schmidt verbunden. Zahlreiche Besucher kommen direkt aus dem Ort oder den umliegenden Gemeinden. Jugendliche stehen selbstverständlich in den ersten Reihen vor der Bühne, Familien drehen gemeinsam ihre Runde über das Gelände und viele Nachbarn nutzen die Gelegenheit, sich das Spektakel direkt vor der Haustür anzusehen. Wo andere Orte über laute Gitarren klagen würden, scheint man sich in Schmidt längst daran gewöhnt zu haben, dass einmal im Jahr ordentlich Rabatz gemacht wird. Gerade diese Mischung macht den besonderen Charme aus. Zwischen langjährigen Metalfans mit jahrzehntealten Kutten, jungen Rockfans, Familien und neugierigen Dorfbewohnern entstehen Begegnungen.
Ehrenamt statt Eventindustrie
Täglich kommen rund 4.000 Besucher zum Tollrock, die Bude is ausverkauft. Hinter dem Festival steht kein internationaler Veranstalter, sondern der gemeinnützige TOLLROCK e. V.. Unzählige ehrenamtliche Helfer investieren jedes Jahr einen erheblichen Teil ihrer Freizeit, damit aus einer Wiese oberhalb des Rursees wieder ein Festivalgelände wird. Diese Leidenschaft und Authentizität spürt man an vielen Stellen.
Freitag: Rockiger Auftakt mit BLACK REMAINS - Angesichts der hohen Temperaturen gilt: reichlich trinken!
Gegen 14 Uhr beginnt schließlich das musikalische Programm. Dorthin, wo's Getränke gibt, zieht es auch die erste Band des Freitags: Das Hardrock-Trio BLACK REMAINS beginnt zwar auf der Bühne, doch schon bald sprintet Sänger und Gitarrist Christian einmal durchs Publikum zur Bar - um auf glattem Tresen kernige Riffs zu servieren. Bassist Janek braucht ein bisschen länger, er hüpft den kompletten Weg auf einem Bein - sein anderes muss geschont werden, neben seinem Verstärker stehen Krücken. Bei so viel Einsatz sei ihm eine rasche Genesung sehr gewünscht! Zwar sind am frühen Nachmittag die Reihen zwischen Bar und Bühne noch etwas licht. Doch wer da ist, spürt die Begeisterung des Festival-Openers aus Grevenbroich, der im Jahr zuvor zurecht den Tollrock-Band-Contest gewonnen hatte. Musikalisch setzt die Band auf geradlinigen, modernen Rock mit eingängigen Melodien und einer gehörigen Portion Live-Energie. Genau die richtige Mischung, um das Publikum langsam auf Betriebstemperatur zu bringen und den Grundstein für ein abwechslungsreiches Festivalwochenende zu legen.
Danach wird's mit BRUNHILDE bunt und schrill. Was nicht allein am neon-grellen Outfit der vier Franken liegt. Sondern auch am lebendigen Mix aus Reibeisenröhre, modernen Metalriffs und punkiger Attitüde der Kapelle um Frontfrau Caro Loy. Der Funken springt schnell über, das Feld vor der Bühne füllt sich deutlich, die Tollrocker geraten in Bewegung. Und erstmals fällt auf: Im Publikum stehen mehrere Generationen nebeneinander. Während die einen auf Papas Schulter getragen werden - zum Glück meist mit Micky-Maus-Gehörschutz, wippen die Älteren im Takt mit - und ein paar Halbstarke wissen noch nicht so recht, wie sehr sie abgehen können oder sich noch zurückhalten müssen. Aber schnell wird ihnen klar: Hier darf gehüpft, getanzt, im Kreis gelaufen werden, ganz ohne die jugendliche Sorge, sich vielleicht vor anderen zum Kasper zu machen.
Mit DIE HAPPY folgt anschließend eine Band, die Generationen deutscher Rockfans begleitet hat. Sängerin Marta Jandová hat bei Songs wie „Supersonic Speed“, „Big Boy“ oder „Goodbye“ eine enorme Intensität. DIE HAPPY kommen ohne Glitzer daher - aber dafür mit vielen guten Songs aus ihrer mehr als 30-jährigen Bandgeschichte. Der örtliche Sportverein zapft dazu kühlen Gerstensaft.
Dann folgt ein Stil- aber seltsamerweise kein Stimmungswechsel. Vor der Bühne verdichteten sich die Reihen merklich. Der frühe Freitagabend gehört schließlich einer Band, deren Name seit mehr als drei Jahrzehnten eng mit emotionalem Alternative Metal verbunden ist. Als sich LIFE OF AGONY Anfang der 1990er-Jahre in Brooklyn gründeten, klang ihre Musik völlig anders als vieles, was damals die Metalwelt dominierte. Während vielerorts Thrash Metal die Szene bestimmten, setzte die Band auf schwere Grooves, melancholische Melodien und Texte. Bereits das Debüt „River Runs Red“ gilt heute als Meilenstein des Alternative Metal und beeinflusste zahlreiche Bands der folgenden Generationen. Auf dem Tollrock wurde schnell deutlich, dass auch im Sommer 2026 die Songs von damals noch immer funktionieren - auch bei sengender Hitze und vor einem gutgelaunten Publikum.
ACCEPT - Deutscher Heavy Metal in Reinform
Mit ACCEPT gastierte schließlich eine der bedeutendsten deutschen Heavy Metal-Bands überhaupt in der Eifel. Kaum eine Formation hat den klassischen Heavy Metal derart geprägt wie die Solinger. Seit den späten 1970er-Jahren zählen ACCEPT zu den internationalen Aushängeschildern der deutschen Metalszene. Spätestens mit Alben wie „Restless and Wild“, „Balls To The Wall“ oder „Metal Heart“ schrieben sie Musikgeschichte. Songs wie „Fast As A Shark“ gelten bis heute als Wegbereiter des Speed Metal und beeinflussten später Bands wie METALLICA, MEGADETH, TESTAMENT oder EXODUS. Dass ACCEPT auch im Jahr 2026 noch auf großen Festivalbühnen bestehen, liegt nicht allein an ihrer Vergangenheit. Seit Sänger Mark Tornillo 2009 zur Band stieß, veröffentlichte die Gruppe mit Alben wie „Blood of the Nations“, „Blind Rage“, „The Rise of Chaos“, „Too Mean To Die“ und zuletzt „Humanoid“ eine beeindruckende Metal-Alben. Gitarrist Wolf Hoffmann bleibt dabei das Herzstück der Band. Die Kombo wirkt heute Abend top eingespielt, routiniert und dennoch voller Spielfreude. Besonders beeindruckend ist dabei immer wieder, wie mühelos die Klassiker neben den neueren Songs bestehen können. Zwischen Tradition und Moderne entsteht ein Konzert, das mehrere Generationen von Metalfans gleichermaßen begeistert. Jugendliche feierten gemeinsam mit Fans, die ACCEPT bereits in den Achtzigern live erlebt hatten. Auch UDO rockte vor einigen Jahren hier in Schmidt. Zu ACCEPT zeigt sich auch eine ziemliche große Produktion: Flammen, Nebel und Konfetti peitschen Richtung sternenklarem Himmel. Lange Streamer-Luftschlangen schießen übers Publikum und lassen den Festivalveranstaltern kurz aufschrecken, da sich diese an der Hochspannungsleitung verfangen. Haare föhnen ohne Föhn, Physik zum Anfassen? Nein, alles gut!
Weiter geht’s mit RAGETRACK, eine Rage against the Machine Tribute-Band. Am späten Abend nach ein paar Kaltgetränken ist das schier nicht endende starke Song-Material perfekt um das Tanzbein zu schwingen. Take the power back! Die vier Jungs aus Gummersbach klingen quasi wie das Original und Sänger Hannes Adleff hat die wahrscheinlich längsten Dreadlocks der Welt.
Und so endet der Abend mit vielen glücklichen Gesichter, brennenden Nacken und dem ein oder anderen blauen Fleck an Schultern und Waden. Ab 2 Uhr schließt das Bühnengelände, doch es finden sich noch ein paar Eifler auf dem Campingplatz um den Abend ausklingen zu lassen.
Samstag - Die Eifel wacht auf, der Metal schläft nie
Aus den Pavillons dröhnten AC/DC, FEINE SAHNE und VOLBEAT, während sich die Duschschlange bildet und Kaffee gekocht wird.
Der TOLLROCKERZ-Bandcontest startet mittags: LIGHT THE BLIND aus Köln, KLEINKUNSTKOMMANDO aus der Eifel und CYANT aus Aachen treten gegeneinander an. Gerade die Vielfalt macht den Reiz des Wettbewerbs aus. Metalcore trifft auf deutschsprachigen Rock und moderner Metal. Am Ende durfte sich CYANT über den Sieg des TOLLROCKERZ-Bandcontests 2026 freuen.
FUGGER tritt entfernt der Bühne als handgemachter Solo-Künstler auf, der mit seiner Akustikgitarre die Umbaupausen auf der Hauptbühne in der Lounge-Area überbrückte. Hier kann man es sich mit einem Wein der „Landfrauen“ gemütlich machen oder sich beim Meet and Greet anstellen.
VELVET RUSH starten auf der Bühne, die Band gehört zu jener Generation junger Rockformationen, die sich hörbar an den großen Klassikern orientieren, ohne dabei zu altbacken zu wirken. Bluesrock, Classic Rock und moderner Hard Rock verschmelzen zu einem Sound. Frontfrau Sandra Lian fegt im knappen Einteiler über die Bretter (die die Welt bedeuten).
ITCHY - Spielfreude, die ansteckt!
Das Wort Spielfreue nutzte ich bereits mehrfach. Die Bands scheinen sich hier beim Tollrock sehr wohl zu fühlen, auch ITCHY betonen wie sehr sie das Festival schätzen und wie überrascht sie von dem bewegungsfreudigen Publikum und der Stimmung sind. Seit ihrer Gründung Anfang der 2000er-Jahre haben sich die Schwaben den Ruf einer starken Liveband erspielt. Ihr melodischer Punkrock lebt von Energie, Tempo und eingängigen Refrains. Sänger und Gitarrist Sibbi, E-Basser Panzer und Drummer Max scherzen miteinander und beziehen das Publikum in die Show ein, der Sound ist extrem Bass-lastig. Es wird mitgesungen, geklatscht und gesprungen: vor der Bühne entwickelt sich eine ausgelassene Atmosphäre. Während die Jungs einen Track im Publikum zocken, sitzt ein Kind aus dem Publikum auf Sibbi Hafners Schulter. Dass gerade kleinere Festivals oft die besondere Nähe zwischen Bands und Fans ermöglichen, wurde in diesen Momenten deutlich spürbar. An das Publikum gerichtet fragt der Sänger schmunzelnd, wie es sich eigentlich anfühle, dort zu leben, wo andere Urlaub machten. „Es ist wirklich wunderschön hier im Harz“ (TseTseTse).
THUNDERMOTHER - Vier Frauen, ein Verstärker und jede Menge Rock’n’Roll
Die Schwedinnen gehören zu den stärksten Hard-Rock-Liveacts Europas. Ihr Sound ist tief in den Siebzigern verwurzelt und erinnert unweigerlich an AC/DC und ROSE TATTOO. Filippa Nässil Riffs verzichten auf überflüssigen Ballast und setzen stattdessen auf genau jene Mischung aus Groove und Eingängigkeit, die klassischen Hard Rock seit Jahrzehnten auszeichnet. Leider ist die Gitarre heut kaum zu hören, ob diese lediglich über die Monitorboxen läuft? Die Band wirkt auf der Bühne derart unverkrampft, jeder Song scheint mit einem Grinsen gespielt zu werden. Die Bassistin Majsan Lindberg überzeugt mit Posing a`la Angus Young/ Chuck Berry.
Ein Running-Gag ist an diesem Wochenende übrigens eine olle Locken-Perücke, die bei quasi jedem Auftritt aus dem Publikum auf die Bühne geworfen wird. So trägt auch Sängerin Linnéa Vikström die Atze-Frisur für einen Moment.
H-BLOCKX - Ein Stück deutscher Rockgeschichte
Es gibt Bands, bei denen bereits der Name genügt, um Erinnerungen hervorzurufen: "It's a loffer poffer ding dong, bigger than King Kong's". Als Anfang der 1990er-Jahre Crossover-Bands wie RAGE AGAINST THE MACHINE, FAITH NO MORE oder RED HOT CHILI PEPPERS oder auch BODYCOUNT und CLAWFINGER neue Maßstäbe setzten, gehörten auch die Münsteraner zu den wichtigsten deutschen Vertretern dieser Bewegung. Mit ihrem Debütalbum „Time To Move“ gelang ihnen 1994 ein Paukenschlag und Songs wie „Move“, „Risin’ High“ sind Gassenhauer.
Sänger Henning Wehland entert zu „Countdown to Insanity“ die Bühne, die Truppe ist berufsjugendlich wie eine USA-Hardcoretruppe gekleidet. Vor der Bühne springen die Festivalgäste und viele Leute singen die Texte mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre seit den Neunzigern kein einziger Tag vergangen.
Den Abschluss des Festivals übernehmen FROM ZERO und huldigen LINKIN PARK mit Songs wie „In The End“, „Numb“, „Faint“ oder „One Step Closer“.
Der Blick geht voran- Das TOLLROCK macht Lust auf 2027
Während auf der Bühne noch die letzten Gitarrenriffs des Festivalwochenendes erklangen, richtete sich der Blick vieler Besucher bereits auf das kommende Jahr. Das Organisationsteam überraschte die Fans nämlich mit einer ungewöhnlich frühen Ankündigung: Bereits während des Festivals wurde ein Großteil des Line-ups für das TOLLROCK 2027 veröffentlicht.
Allen voran werden die britischen Heavy-Metal-Legenden SAXON den Weg in die Eifel antreten. Seit der New Wave of British Heavy Metal zählen sie zu den prägendsten Bands des Genres und haben mit Klassikern wie „Princess of the Night“, „Wheels of Steel“ oder „Denim and Leather“ Musikgeschichte geschrieben. Mit PARADISE LOST wurde zudem eine Band angekündigt, die seit Anfang der 1990er-Jahre zu den wichtigsten Vertretern des Gothic- und Doom Metal zählt. Aber auch darüber hinaus verspricht das bisherige Programm jede Menge Abwechslung. Mit LANSDOWNE und SCHMUTZKI sind außerdem Punkrock-Klänge am Start.
Das Festival lebt von seiner Bodenständigkeit ohne durchinszenierte Eventmaschinerie, Festivals wie das Tollrock sind wichtig und lassen Heavy Metal, Hard Rock und Punk immer wieder aufleben.
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