FESTIVAL: South of Heaven 2026
BY Erik Bosbach

SOUTH OF HEAVEN 2026 - Samstagsausflug mit Thrash-Legenden
Nur eine Stunde und fünfzehn Minuten von der heimischen Eifel entfernt liegt Maastricht. Nah genug also, um spontan einen Festivaltag einzuschieben. Gesagt, getan: Tagesticket gebucht und ab zum SOUTH OF HEAVEN FESTIVAL, das am vergangenen Wochenende in seine zweite Runde ging.
Einen kleinen Wermutstropfen gibt es allerdings. Ein eigenes Festival-Camping sucht man hier vergeblich. Damit geht zwangsläufig ein Teil jenes besonderen Flairs verloren, das ein Festivalwochenende sonst ausmacht. Zwischen Bühnen, Bierständen und Campingstühlen verschwimmen normalerweise die Grenzen zwischen Konzert und Festival.
Bereits der Freitag stand ganz im Zeichen von Spaß, Party und guter Laune. Mit Bands wie ALESTORM, GLORYHAMMER und WIND ROSE setzten die Veranstalter bewusst auf publikumsfreundliche Stimmungsmacher. Zugegeben: Musik, die mich persönlich nicht unbedingt hinter dem heimischen Ofen hervorlockt. Doch die besagten Kombos wissen wie man ein Festivalpublikum in Bewegung versetzt und die ersten Bierbecher des Wochenendes in die Höhe treibt.
Der Samstag (6.6.26) präsentierte sich dann deutlich hochkarätiger, immerhin stehen mit SEPULTURA und MEGADETH gleich zwei absolute Schwergewichte der Metal-Geschichte auf dem Programm. Besonders bemerkenswert: Beide Bands befinden sich aktuell auf Abschiedstour. Allein dieser Umstand macht ihre Auftritte zu etwas Besonderem. Mittags angekommen, legen HELLRIPPER auf der großen der beiden Bühnen bereits los und fauchen ihre rabenschwarzen Klänge über das Festivalgelände. Hinter dem Namen verbirgt sich kein ganzes Rudel schottischer Teufelsanbeter, sondern das Ein-Mann-Projekt von James McBain aus Schottland. Musikalisch bewegt sich HELLRIPPER irgendwo zwischen Black Metal, Speed Metal und einer ordentlichen Portion Motörhead-Attitüde: dreckig, schnell und mit reichlich Lederjacken-Kompatibilität.
Eigentlich der perfekte Soundtrack für das erste Bier des Tages. Eigentlich! Denn schon in der ersten Festivalstunde präsentiert das SOUTH OF HEAVEN zwei „kleine Pannen“. Da wäre zunächst das groß angekündigte Cashless-System. Bargeldlos sollte alles laufen: Modern, bequem, zukunftsweisend. Die Realität sah allerdings eher nach einem nostalgischen Ausflug in die Neunziger aus. Die armen Mitarbeiter hinter den Zapfhähnen und an den Bezahlterminals mussten teilweise mehrfach auf ihre Displays hämmern, um überhaupt eine Verbindung herzustellen. Die Schlangen wurden länger und länger, der Durst größer und die Geduld der Besucher kürzer und kürzer. Nach einiger Zeit wurde aus dem „Cashless-Festival“ kurzerhand ein „Cash-only-Festival“. Weil es logischerweise am Wechselgeld mangelte, entstanden kreative Sonderangebote, wie z.B. „drei große Bier für 20 Euro“. Veranstalter und Personal hatten an diesem Nachmittag sichtbar genug zu schwitzen, weshalb wir die Sache an dieser Stelle auch mit einem wohlwollenden „Schwamm drüber“ abhaken.
Panne Nummer zwei wartete bereits am Merchandise-Stand. Wer sich das offizielle Festivalshirt sicherte, durfte beim genaueren Hinsehen feststellen, dass dort nicht etwa 2026, sondern 2027 aufgedruckt wurde, Zurück in die Zukunft. Vielleicht zückt der eine oder andere Käufer noch einen Edding und verwandelt die Sieben kurzerhand in eine Sechs. Doch genug von technischen Stolpersteinen: Schließlich geht es beim SOUTH OF HEAVEN vor allem um Musik und davon gibt es reichlich. Die Stimmung auf dem Gelände ist durchweg entspannt. Die Besucher zeigen sich angenehm locker und verbreiten jene typisch niederländische Gelassenheit, die selbst dunkle Wolken am Himmel kaum erschüttern kann.
Im kleineren der beiden Veranstaltungsbereiche, einem Zirkuszelt, übernehmen HAYWIRE das Kommando. Die Female-Fronted-Hardcore-Band aus Nordrhein-Westfalen gibt ordentlich Gas. Besonders sympathisch: Auf Instagram beschreibt sich die Truppe mit dem Motto „1 % Technique, 99 % violence“. Während draußen immer wieder Regen auf das Festivalgelände niedergeht, füllt sich das Zelt zusehends. Die Violett Dancers frönen ihrer Lieblingsbeschäftigung.
Anschließend ruft die Hauptbühne. Dort stehen DISMEMBER bereit. Die schwedischen Death Metal-Veteranen gehören zu den wichtigsten Vertretern des Stockholm-Sounds, jenes unverwechselbaren Kettensägen-Gitarrenklangs, der Anfang der Neunziger den europäischen Death Metal entscheidend mitprägte. Mit Klassikern wie dem Album „Like An Ever Flowing Stream“ hat sich die Band längst einen festen Platz in der Genre-Geschichte gesichert. Auch live liefern die Schweden souverän ab. Der Sound ist druckvoll, die Gitarren sägen sich durch die Luft wie rostige Motorsägen und dennoch bleibt jedes Instrument klar hörbar: „Skin Her Alive“, „Dreaming in Red“, „Override of the Overture“… Zwischen grauen Wolken, Bierbechern und Death Metal wirkt Maastricht an diesem Nachmittag genau wie der richtige Ort.
Mit fortschreitendem Nachmittag wird es vor der Hauptbühne merklich voller: Kein Wunder, denn mit ANTHRAX steht auf den Brettern. Die New Yorker gehören gemeinsam mit METALLICA, SLAYER und MEGADETH zu den legendären „Big Four“ des amerikanischen Thrash Metal. Bereits mit dem Opener „Among The Living“ machen SCOTT IAN und Co. klar, dass hier keine Altherrenveranstaltung geplant ist. Die markanten Gitarrenriffs peitschen über das Gelände, die ersten Fäuste schießen in die Höhe und vor der Bühne verdichtet sich die Menschenmenge spürbar. Mit Klassikern wie „Antisocial“ und „Indians“ liefern ANTHRAX genau jene Songs, die man von ihnen hören möchte. Besonders bei „Indians“ verwandelt sich der Bereich vor der Bühne endgültig in ein wogendes Meer aus fliegenden Haaren.
Positiv hervorzuheben ist außerdem, dass beim SOUTH OF HEAVEN nicht nur alte Kuttenträger willkommen sind. Erfreulicherweise denken die Veranstalter auch an den Metal-Nachwuchs. Kinder bis einschließlich elf Jahre erhalten freien Eintritt, müssen allerdings von einer erwachsenen Begleitperson begleitet werden. Zwischen Bierständen, Kutten und Moshpits waren deshalb immer wieder auch Familien anzutreffen.
Dann folgt eines der persönlichen Highlights des Tages: SEPULTURA. Die Brasilianer haben den weiten Weg nach Maastricht auf sich genommen und befinden sich weiterhin auf ihrer mittlerweile ausgedehnten Abschiedstour. Mit Alben wie „Arise“, „Chaos A.D.“ und „Roots“ schrieben die Brasilianer Metal-Geschichte und brachten Tribal-Rhythmen sowie brasilianische Einflüsse in eine bis dahin überwiegend von Europa und Nordamerika dominierte Szene ein. Natürlich schwingt bei dieser Abschiedstour immer auch die Frage mit, ob es das tatsächlich gewesen sein wird. Die Zukunft wird zeigen, ob am Ende wirklich Schluss ist oder ob doch noch eine Reunion mit den CAVALERA-Brüdern Realität wird. Eine gewisse Ironie steckt jedenfalls darin, dass MAX und IGGOR CAVALERA am folgenden Festivaltag selbst in Maastricht auftreten und das komplette Album „Chaos A.D.“ spielen werden. An diesem Abend gehört die Bühne jedoch ganz KISSER, GREEN und ihren Mitstreitern. Und die machen genau das, was man von SEPULTURA erwartet: Sie heizen dem Publikum gehörig ein! Bei „Territory“ wird vor der Bühne kräftig mitgebrüllt und „Refuse/Resist“ entwickelt ordentlich Wucht, während „Inner Self“ eindrucksvoll daran erinnert, wie viele zeitlose Klassiker sich im Repertoire der Brasilianer angesammelt haben. Die Band präsentiert sich spielfreudig, druckvoll und bestens aufgelegt: von Altersmüdigkeit keine Spur. Mit „Ratamahatta“ und dem unvermeidlichen „Roots Bloody Roots“ zündet SEPULTURA noch einmal zwei echte Festivalgranaten.
Nach SEPULTURA steht schließlich der zweite große Abschiedskandidat des Tages auf dem Programm: MEGADETH. Bandchef DAVE MUSTAINE hat bereits mehrfach angedeutet, dass die Zukunft der Band überschaubarer geworden ist und neue Studioalben sind derzeit nicht geplant; hinzu kommen die gesundheitlichen Herausforderungen, mit denen der Frontmann in den vergangenen Jahren zu kämpfen hatte. Umso mehr genießen die Fans jede Gelegenheit, MEGADETH noch einmal live zu erleben. Um 21 Uhr betreten die Musiker die Bühne. Ein kräftiger Regenschauer hat das Festivalgelände zuvor noch einmal ordentlich durchgespült. Mit „Tipping Point“ und dem Klassiker „Hangar 18“ legen MEGADETH direkt los. Anfangs zieht einem allerdings vor allem die Rhythmusfraktion gehörig die Hosen aus. Bass und Schlagzeug walzen mit einer solchen Wucht über das Gelände, dass das Bronchialsekret so praktischerweise gelöst werden kann. Nach ein, zwei Songs findet die Tontechnik jedoch die richtige Balance und der Sound wird deutlich transparenter. Die Band präsentiert sich gut aufgelegt und spielt sich souverän durch einen Querschnitt ihrer jahrzehntelangen Karriere. Mit „This Was My Life“, „Skin O’ My Teeth“, „Take No Prisoners“, „Sweating Bullets“, „Trust“ und „She-Wolf“ reiht sich ein Klassiker an den nächsten. Spätestens bei „Countdown To Extinction“ und dem überragenden „Tornado Of Souls“ dürfte bei vielen Fans das Thrash Metal-Herz hörbar schneller schlagen. Gegründet wurde die Band 1983 von DAVE MUSTAINE. Eine kleine Einschränkung bleibt dennoch: MUSTAINE war nie als Ausnahmesänger bekannt. Teilweise klingt der Gesang brüchig, und auch die Ansagen zwischen den Songs sind nicht immer zu verstehen und klingen wie ein asthmatisches Kind. Doch ehrlich gesagt spielt das in diesem Moment kaum eine Rolle. Niemand ist hier, um eine perfekte Gesangsleistung zu bewerten. Die Menschen sind gekommen, um MEGADETH zu erleben und gemeinsam diese Songs zu feiern. Als gegen Ende „Peace Sells“ erklingt, wird lautstark mitgesungen. Die anschließende Zugabe mit „Symphony Of Destruction“ und „Holy Wars… The Punishment Due“ sorgt schließlich für einen würdigen Abschluss eines langen Festivaltages. Noch einmal fliegen die Fäuste in die Luft, noch einmal werden die letzten Energiereserven mobilisiert, bevor sich die Menschen mit dem Fahrrad langsam auf den Heimweg, zum örtlichen Campingplatz oder zum Hotel machen.
Während über Maastricht die Dunkelheit hereinbricht und die letzten Töne verhallen, bleibt vor allem ein Eindruck zurück: Unterm Strich hinterlässt das SOUTH OF HEAVEN 2026 trotz kleiner Startschwierigkeiten einen ausgesprochen positiven Eindruck. Die Mischung aus entspanntem niederländischem Flair, einer starken Bandauswahl und kurzen Wegen macht das Festival gerade für Besucher aus dem Westen Deutschlands äußerst attraktiv.
Wer nach dem starken Samstag noch nicht genug hatte, durfte sich am Sonntag auf einige starke Truppen bei besserem Wetter freuen. Auf den Bühnen standen RECTAL SMEGMA, FLOTSAM AND JETSAM, DEATH TO ALL, SEPTICFLESH, CORROSION OF CONFORMITY, CAVALERA und BLACK LABEL SOCIETY.
Copyright Fotos: South of Heaven/ muziekgieterij Maastricht
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