Interview

20.12.2009 Frei.Wild
 
Die Südtiroler Deutsch-Rocker FREI.WILD sind gerade mächtig im Kommen: die Alben laufen gut, die Tourneen kommen quasi Schlag auf Schlag und auch bei der Promotion sind die Jungs derzeit dick im Geschäft. Da wäre eigentlich alles gut, wenn es nicht immer wieder „politisch korrekte“ Menschen gäbe, die die Band pausenlos in die rechte Ecke zu stellen versuchen. Philipp Burger und seine Mitstreiter haben davon verständlicher Weise die Schnauze voll.
„Hart Am Wind“ ist ne Mischung aus neuem Album und Best Of, warum habt Ihr einen Teil Eures Backkatalogs neu eingespielt und vollkommen neu arrangiert?

Weil die ersten drei Alben im Proberaum eingespielt wurden und einfach nichts mit einer amtlichen Aufnahme zu tun haben. Da wir jedoch einige Songs nach wie vor gut finden, dachten wir uns, dass auch diese die Chance auf eine gute Produktion kriegen sollten. Die anfängliche Idee eines Best Of- Albums legten wir jedoch kurze Zeit später zur Seite und spielten sechs komplett neue Songs ein, welche auch auf dem Album Platz finden sollten ein. Nun ist es ein Mischung aus allem, und wie wir finden das bisher beste Album von uns.

Seht Ihr Euch selbst als die legitimen ONKELZ-Nachfolger? Stilistisch sind deutliche Parallelen nicht zu leugnen und ein großer deutscher Merchandiser macht auch massiv Werbung mit und für Euch in dieser Richtung?

Es ehrt uns natürlich, dass wir mit den Onkelz in Verbindung gebracht werden, da wir seit eh und je riesen Onkelz-Fans waren und sind. Stephan Weidner und Co haben in der deutschen Musikwelt einfach Großartiges geschaffen, an das wir mit Sicherheit nie rankommen werden, das ist aber auch nicht unser Ziel. Wir sehen uns als eigenständige Band, welche ihr eigenes Süppchen kocht und zusieht wie sie weiterkommt. Aber trotzdem ziehen wir nach wie vor den Hut vor den Onkelz.

Bereits mehrmals musstet Ihr Euch erklären und darlegen, dass Ihr kein rechtsideologisches Gedankengut transportiert. Wie sehr geht es auf die Eier, wenn man weiß, dass manch einer Texte wie „Das Land Der Vollidioten“ einfach nicht verstehen will und nur darauf wartet, richtig losschießen zu können?

Es geht uns wahnsinnig auf die Eier, endlich drückt es mal einer so aus wie es ist.

In diesem Zusammenhang muss thematisiert werden, dass Ihr vor etwas mehr als einem Jahr bei einer Veranstaltung einer Südtiroler Partei spielen wolltet- Der Gig kam dann nicht zustande aber ein Nachspiel gab es dennoch. Was ist denn davor gefallen, das hat ja doch ganz schöne Wellen geschlagen?

Aufgrund der Komplexität zu dieser Frage, verweise ich auf unsere Einlassungen, welche man auf auch auf unserer HP nachlesen kann:
Härterem Deutschrock obliegt für gewöhnlich sehr leicht das Vorurteil, politisch zu sein. Einschlägig, rechtsextrem politisch. FREI.WILD machen zweifelsohne härteren Deutschrock. Doch sie sind weder politisch noch deutsch. FREI.WILD stammen aus Brixen und besitzen damit italienische Staatsbürgerschaft. FREI.WILD sind Südtiroler und als solche auch von der außergewöhnlichen Geschichte dieser Region geprägt. Mehr, als sich das ein typisch Deutscher vielleicht auf Anhieb vorstellen kann.

Von je her ist Südtirol eine Region gewesen, in der Bodenständigkeit und handwerkliche Tätigkeiten das Überleben sicherten. Für große politische Eskapaden war unter diesen Lebensbedingungen kaum ein Nährboden. Dafür aber für Zusammenhalt und Heimatverbundenheit.

„Wir sind als einzig deutsprachiger Teil Italiens von je her eine Sprachminderheit, und als solche fühlt man sich nicht als überlegene, rechte Herrenrasse“, bringt die Band ihre Situation selbst auf den Punkt.

Die gefürstete Grafschaft Tirol, zu der im frühen Mittelalter auch das heutige Südtirol gehörte, wird auch als Wiege der Demokratie in Europa bezeichnet. Aus ländlichem Zusammenhalt entwuchsen dort erste Systeme demokratischer Abstimmung. Ein Phänomen, auf das man in der Region bis heute zurecht stolz ist. Wider den Willen der Bevölkerung wurde die tirolerische Grafschaft im Jahr 1919 entzweigerissen. Somit wurde der Süden Tirols (heute Süd-Tirol) vom Mutterland Österreich abgetrennt und kam zu Italien. Eine einschneidende Trennung, die sowohl was das Zusammenleben als auch die Lebensbedingungen an solche betraf, tiefgreifend beeinflusste. Inmitten einer zerklüfteten Berglandschaft, die das Überleben oftmals nicht einfach machte, musste ein Volk, das sich wider jeglicher politischer Entscheidungen immer noch als eins fühlte, fortan getrennt für sein Überleben sorgen: getrennt voneinander und dabei auch fernab der Staaten, zu denen sie gehörten: durch die geographische Lage war sowohl Tirol von Österreich etwas im Abseits als auch Südtirol nie wirklich an Italien angegliedert. Auch wenn sie es regierungspolitisch längst nicht mehr sind, stehen sich die beiden Regionen bis heute näher als sie es möglicherweise den beiden unterschiedlichen Staaten, denen sie angehören, sind.

Die Menschen dort werden damit von einer Geschichte geprägt, die aufs Wesentliche trimmt und lehrt, wie wichtig grundlegende Werte wie Zusammenhalt, Standhaftigkeit und Liebe zur Heimat sind. Drei Werte, die für deutsches Geschichtsverständnis unweigerlich „rechts“ klingen und hinter denen rasch eine übersteigerte Heimatverbundenheit mit rechtsextremen Tendenzen befürchtet wird, haben in der Tradition und Kultur der Gruppe aus Brixen ergo eine ganz andere Bedeutung. Sie sind ein Stück Kultur. Und ein Stück Stärke, das diesen Menschen oftmals das Überleben möglich machte.

Auch die Partei der Freiheitlichen, die in Italien selbst eher rechts agiert, ist von ihrer Zielsetzung her dort von der Mutterpartei getrennt agierend. Sie macht Politik, die auf die besondere Südtirol-Situation gemünzt ist. Dass einige der Bandmitglieder ihr vor etlichen Jahren angehörten, hat daher kommunale Gründe. „Da ging es um Dinge wie Straßenbeleuchtung oder den Bau eines neuen Spielplatzes“, so die Gruppe. „Wir hatten einfach ganz schnöde lokalpolitische Anliegen, für die wir uns einsetzen wollten.“

Ist es für eine deutschsprachige Band, die nicht aus Deutschland kommt, eigentlich besonders schwer hier Fuß zu fassen? Welche Wichtigkeit hat der deutsche Markt für Euch, Ihr spielt ja hier ziemlich oft?

Was heißt schwer? Es ist jedenfalls viel kostspieliger und zeitaufwändiger für uns als Südtiroler. Man bedenke, dass wir allein schon zwei Stunden brauchen, um nach Deutschland zu kommen, und dann folgen meistens auch wieder drei bis sieben Stunden Autofahrt, ein Alptraum eigentlich, den sich keiner freiwillig antun würde, wenn er nicht wirklich Bock auf die ganze Kiste hätte. Es ist aber auch so, dass sich die Strapazen angesichts der geilen Konzerte bisher immer gelohnt haben. Jedenfalls sehen wir den deutschen Musikmarkt als den Wichtigsten für uns an.

Da stellt sich die Frage, was Ihr beruflich so macht? Bandaktivitäten und Job unter einen Hut zu bekommen, stelle ich mir ziemlich schwer vor.

Das ist auch ein nicht tragbarer Zustand zurzeit. Deshalb werden wir auch Ende dieses Jahres mit den eigentlichen Jobs etwas zurückstecken und uns mehr auf die Musik konzentrieren, mal schauen, wie sich das alles entwickelt. FREI.WILD kostet einfach sehr viel Zeit und von dem her müssen wir diesen Schritt einfach wagen.

2009 ist fast durch, was nehmen sich FREI.WILD für 2010 vor, wohin führt der Weg?

Ein neues Album, aber diesmal mit ausschließlich neuen Songs ist für Ende nächsten Jahres geplant, also geht’s Januar und Februar ins Studio. Die Buchungen für Festivals und Tour sind auch fast abgeschlossen und ansonsten werden wir sehen, was die Zukunft bringt. Am besten man denkt nicht zu weit vorneweg und blickt auf die nächsten Vorhaben. (lk)

 
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Reviews
 
Hart Am Wind
(am 01.11.2009 von lk)
Mitten Ins Herz
(am 21.04.2006 von lk)
 
Interviews
 
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Tourdaten
 
30.07.2010Borne, Bornstokk Festival
20.08.2010Dinkelsbühl, Summer Breeze Festival
28.08.2010Alsfeld, Ehrlich & Laut
 
Weitere Infos
 
 
Internet
 
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