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15.12.2009 Gamma Ray
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Die neuen Songs wirken authentisch und persönlich, ganz und gar Gamma Ray wie wir es lieben. Wie viele persönliche Erfahrungen stecken denn in den Geschichten und Personen auf dem neuen Album? Daniel: In meinen Songs, der eine heißt „Wanna Bees“ und da sagt eigentlich der Titel schon, worum es geht. Es geht um die Möchtegerns, die mir so im Laufe der Jahre über den Weg gelaufen sind und es sind erstaunlich viele. Da gibt es z.B. einen Typ, ich weiß nicht mehr, ob es ein Ami oder so war, es war in Mexico City und der Typ hat den Vogel abgeschossen. Die Show war beendet und es war eine anstrengende Show für mich, ich war durch den Wind einfach, ich habe so arg geschwitzt, es war so heiß, ich hatte Kopfweh danach, weil auch kein Sauerstoff da war, es war im Hard Rock Cafe Mexico City und der Sound war fürchterlich unterirdisch, es war ein Kampf, die Show. Das ist auch alles nicht so schlimm, das hat man schon öfter erlebt. Dann komme ich runter von der Bühne, wir gehen hoch in unseren Backstage und ich habe dann die Angewohnheit, wenn es anstrengend war, setze ich mich erst mal hin, mein Kapuzenkappo über den Kopf, Handtuch drauf und bin erst mal einfach nur still und schau so ein bisschen zum Entspannen ins Leere. So fünf Minuten, nachdem wir von der Bühne runter waren, geht die Tür auf. Da kommt so ein großer, dicker Typ rein mit einem Mädel und kommt direkt auf mich zu, er beugt sich runter zu mir und post so, er macht immer eine Faust und schreit mich – nicht im aggressiven Sinn – aber schreit mich an „Hell yeah, this was awesome“. Und dann hat er noch gesagt „Bye the way, I am a drummer too“. Ich habe mir nur gedacht, was läuft jetzt hier für ein Film ab? Ich habe aber einfach keine Energie gehabt, irgendetwas zu sagen und habe mich nur gefragt „Welcher Vollidiot hat den jetzt rein gelassen?“. Na ja, okay, ich habe dann einfach durch ihn hindurch geguckt, bin aufgestanden und weggegangen. Das ging nicht, ich hatte einfach keine Energie noch was zu sagen. Auf der einen Seite fand ich es irgendwie so überzogen, dass es schon wieder gut war, auf der anderen Seite, habe ich einfach eine Wut gehabt, aber wahrscheinlich nicht so sehr auf ihn, sondern mehr auf die Tatsache, dass der so kurz nach der Show auf mich zugehen kann. Ich halte mich jetzt nicht für irgendwas besonders, aber in dem Moment musste ich einfach meine Ruhe haben, weil es anstrengend war. Am Ende lacht man drüber und irgendwann habe ich dann gedacht, da muss ich jetzt mal einen Song schreiben. Da hatte ich auch zuerst den Text und habe ganz viel zusammen geschrieben, was mir so in meiner Wut und in meinem Zynismus an Phrasen eingefallen ist. Und dann ist langsam der Song entstanden und es ist ein bisschen anders, mit Humor und so. Dafür sind wir ja auch bekannt, dass wir einen guten Humor haben. Und der andere Song „Rise“, da geht es halt so um den Fakt, der zu beobachten ist im Zuge der Finanzkrise. Das einfach Anstand, Moral und Sitten verloren gehen. Jeder schaut nur noch auf seinen Vorteil, seinen Profit. Die Großen bauen Bockmist und der kleine Mann zahlt die Zeche, wie immer. Das ist keine neue Weltrevolution, diese Gedanken, aber irgendwie im Zuge dieser Finanzkrise hat man es mal wieder ganz deutlich gesehen. Die Banker und Manager haben es verbockt und die kriegen den Zucker in den Arsch geblasen und der kleine Mann muss es bezahlen. Das ist so ein bisschen auch meine Wut darüber, die hat sich auf diese Art dann geäußert. Über Frustthemen und mal was Negatives lässt sich ehrlich gesagt leichter schreiben, als über Friede, Freude, Eierkuchen. Wenn alles toll ist, ist das zwar was Schönes, dann geht es einem gut, aber das bietet halt nicht so viel Stoff, um darüber zu schreiben. Das passt halt auch nicht zum Metal. Henjo: Das sind immer die besseren Worte. Du versuchst ja auch einen Text zu schreiben und denkst, das Wort muss gut klingen, es muss zur Musik passen. Und die besten Worte sind eigentlich immer so die negativeren. Also Hell ist ein geiles Wort und die Reime passen dann auch immer. Es fallen einem immer sehr viele Worte ein, die nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen sind. Meinst Du, dass ist spezifisch für den Heavy Metal? In der Volksmusik ist es genau anders herum. Henjo: Das kann natürlich sein, dass es unterschwellig mit rein geht. Das man dieses Friede, Freude, Eierkuchenspiel, das man über den Schlager und die Volksmusik so mitbekommt, am Ende gar nicht will. Jetzt mal abgesehen davon, was dahinter steckt, sondern allgemein. Es wirkt einfach nicht echt. Letztendlich ist Musik ja auch das Verarbeiten der Gefühle. Fröhliche Gefühle sind auch eine menschliche Geschichte, aber warum sind in den Nachrichten immer negative Meldungen. Wann werden die positiven Dinge in der Welt aufgezählt? Keine Ahnung warum es so ist, aber man prangert ganz gerne doch mal was an, vielleicht weil es auch mehr bringt, als Leuten was Schönes zu erzählen. Was Schönes zu empfinden ist immer ganz individuell. Du kannst das tollste Erlebnis haben und jemanden davon erzählen und er kann es gar nicht nachvollziehen. Das kannst nur du selbst. Es wird überall lieber gemotzt, es ist halt so. Es ist ja auch nicht so schlimm, es ist das Gute, dass wir als Musiker das gut verarbeiten können. Daniel: Das ist ein Weg, deine Emotionen zu zeigen und da ist der Heavy Metal einfach irgendwo auch aggressive Musik, es ist laut, es ist schnell, manchmal monoton, manchmal melodisch, auf diese Art kannst du Frust ablassen. Früher war es auch so, ich nenne jetzt mal die Zeit in der ich aufgewachsen bin, also die des NWoBHM, da war es eine Revolution gegen unsere Mittelstandslangeweile. Ich komme aus einer Mittelstandsfamilie, ich musste nie Scheiße fressen, um das Schlagwort mal zu benutzen, aber irgendwie wollte man aus diesem Biederen, Staubigen mal raus. Dann hat man sich die Haare wachsen lassen, Motorradlederjacke an, obwohl ich noch keines hatte und mit dem Mofa rumgeknattert bin, aber egal, Lederjacke, Adidas und Stretchjeans, gertenschlank, kein Gramm Fett auf den Rippen und Heavy Metal gehört, Iron Maiden, Priest, Saxon, damit hat es bei mir angefangen. Das ist ein Ausdruck. Wenn man den Schlager und die Volksmusik anschaut, es ist ja auch erfolgreich. Die haben ganz, ganz viele Anhänger. Und die drücken ihre Gefühle auch aus, wobei ich immer ein bisschen den Eindruck habe, das das ganz schön aufgesetzt ist und teilweise auch ein bisschen verlogen. Ich bin nicht so in der Volksmusikszene drin, um das genau beurteilen zu können, aber wenn man sich das mal so anschaut, mit dem Florian Silberrücken, die ARD Dinger, die da immer kommen, das sieht alles sehr gekünstelt und aufgesetzt fröhlich und heiter aus. Lasst uns froh und lustig sein. Das kann ich denen nicht ganz abkaufen. Aber die Leute mögen es und diese Musik verkauft auch. Es ist ja auch eine kleine Flucht aus der Realität. Daniel: Ja, sagen wir mal so, das muss ich jetzt doch sagen. Im Herbst war ich Bergsteigen in den Dolomiten, in Seis am Schlern und nebendran ist Kastelruth, da gibt es ja eine bekannte Band. Wenn du immer dieses Panorama hast und diese Bergheimat, bei denen ist die Welt noch weiter in Ordnung als hier, sage ich mal. Wenn du aus so einem Umfeld kommst, die wohnen da in einer wunderschönen Bergwelt, die haben natürlich auch ihre Probleme, das ist klar, aber die haben da ihre Existenzen, dann stellen sie sich auf ihre Bergweide und spielen halt. Die verkaufen heile Welt und ich glaube, bei dieser Band mit diesem Hintergrund, das nehme ich denen auch ein ganzes Stück weit ab, aber so generell, dieses aufgesetzte, dieses fröhliche Zahnpastagrinsen, das kann ich nicht nachvollziehen. Henjo: Und das betrifft genauso auch die Szene, in der wir uns bewegen, denn ich kaufe ganz vielen Bands in unserem Bereich das genauso wenig ab. Die machen nicht Friede, Freude, Eierkuchen, sondern die machen es halt genau anders herum, die machen auf Böse und sind es nicht wirklich. Das ist nicht authentisch und irgendwie fällt das auch auf. Es gibt viele Leute, die finden das trotzdem gut. Es ist nicht nur die eine Seite, man will jetzt nicht sagen, Volksmusik ist alles Scheiße, das passiert überall. Daniel: Da habe ich mal was Schönes erlebt, das hat mir das gezeigt, dieses Unechte, auch in der Metalszene. Also nicht in der professionellen Szene, ich habe früher mal ein einer Coverband gespielt. Wir haben damals ziemlich hart gespielt, Yngwie Malmsteen, Ende der Achtziger, AC/DC, Ozzy Osbourne, das war für damals schon hart. Da gab es wenig Bands, die so hart gespielt haben wie wir, die anderen haben alle Top 40 gespielt. Und da waren da Kids, die haben sich dann bei Anthrax immer rumgeschupst, sind hingeflogen und damals durfte man noch Gläser mitnehmen, die haben sie dann einfach hingeschmissen und dann sind sie rumgeflogen und kamen an „Ey Alter, schau mal meinen Ellenbogen“ und sie waren ganz stolz, wenn der geblutet hat und wollten dann immer Sodom hören. Dann haben wir in einem Saal gespielt in Trockau bei Beyreuth, an einem Freitag und ich bin am Sonntag dorthin, da hat er immer eine Tanzband, so eine richtige Tanzband, Cha Cha Cha und so. Und ich war da, aus irgendeinem Grund haben wir den besucht, den Promoter, und wir waren in dem Saal und da habe ich die gleichen Gesichter in dem Saal gesehen, mit der Freundin schön im feinen Zwirn am Tanzen. Es waren genau die Nasen, die sich rumgeschupst haben, alles aufgesetzt und Fake. Man muss schon ein wenig kritisch sein, man muss nicht alles glauben, was man sieht. Ja, aber um mal auf die erste Frage zurück zu kommen, also „To The Metal“ ist klar, wir als alte Vollblutmetaller, wir lieben diese Musik als Band und es ist unser zehntes Album und da kann man mal einfach so ein Prosit auf Heavy Metal schreiben. Denn Heavy Metal, um ehrlich zu sein, gibt einem auch ein Stück weit Identität, das ist die Musik die wir fühlen, die wir leben, die wir gerne hören, die wir spielen können. Ich bin der Meinung, dass das zu meiner Person super gut passt, zu meinem Wesen und zu allem. Ich kann jetzt nur von mir reden, aber bei den anderen dreien ist es letztendlich genauso, denn wenn man sieht, mit welcher Energie die Band spielt, dann ist das unser Ding einfach und da kann man mal drauf anstoßen. Henjo: Was beim Metal auch noch ganz wichtig ist oder wie ich das einschätze ist, das es ein Freidenkertum ist. Metal wurde schon immer gemieden von den großen Medien. Das heißt alles, was dich jetzt auch betrifft, ist privat aus Fans entstanden. Bis heute ist das nicht anders. Auch wenn die ganze Sache sehr kommerziell aussieht und letztendlich spielen bei Rock Am Ring doch Metallica und niemand anderes und im Fernsehen bekommst du auch keine anderen Bands zusehen, vielleicht noch mal Iron Maiden und was ganz groß ist. Aber die öffentlich Rechtlichen und die Privaten sperren sich total dagegen. Das finde ich auch gut so, deswegen bleibt diese Musik immer Underground und wird auch so gefühlt. Das lässt einen auf einer unkommerziellen Ebene. Ich möchte AC/DC früher zum Beispiel gar nicht, obwohl es so eine geile Band ist, weil alle AC/DC geschrieen haben, das hat es mir schon vergrault. Von daher finde ich das schon sehr interessant, obwohl diese riesige Medienlandschaft, die es mittlerweile im Metal gibt, sich das ganze trotzdem noch den Underground Status erhält, auch wenn mal Wacken im Fernsehen gezeigt wird. Das sehe ich total positiv, da die Menschen das auch annehmen und die Metaller eigentlich ein friedliches, gutes Volk sind, gewaltlos. Na ja, aber einige Metaller sagen auch gerne mal „verraten und verkauft“, sie haben starre Strukturen und auch Schubladendenken ist anzutreffen. Henjo: Das ist ja ihre eigene Schuld. Da haben wir das genommen wir unsere eigenen Vorbilder, Deep Purple oder Queen, die jetzt nicht unbedingt Heavy Metal sind, aber es ist halt die Band, wo man sagen kann, die konnten alles machen was sie wollten, sie waren frei von allen Klischees. Und das versuchen wir uns so weit es geht auch zu erhalten. Daniel: Aber sie hat recht was sie sagt, weil der Heavy Metal Fan als solcher, der kann schon auch mal ganz schön engstirnig und so in diesem Kastenbausystem mit dem Schubladendenken sein – nicht alle, man darf natürlich nicht alle über einen Kamm scheren, es gibt viele Leute die sind open minded und frei – aber es gibt auch viele, die reagieren da ganz extrem. Schau Dir den Typen an, der den Dimebag erschossen hat. Der hat es jetzt aus einem anderen Grund gemacht, weil die Band nicht mehr zusammen war. Ich glaube das war der Grund. Weil die Pantera aufgelöst haben. Aber das ist letztendlich das Gleiche und da gibt es schon zum Teil solche Typen, die gibt es zum Glück nicht so oft, das ist schon ein extremer Ausrutscher, aber viele, das siehst du auch an Mails die man manchmal bekommt, ach ja genau, ein gutes Beispiel kann ich Dir geben: Da kommt ein Typ daher nach dem Land Of The Free II Album, so ein junger Typ mit Ketten und allem, ein Fan irgendwie aber er sagt „Ey, ich hab da mal eine Frage. Das Wort „beautiful“ (in dem Song „To Mother Earth“ kommt im Chorus eine Zeile „She was so beautiful“, damit ist Mother Earth gemeint) „und das geht nicht, das könnt ihr nicht bringen, das nicht euer Ernst“. Habe ich gesagt „Doch, schon“. Also der war nicht böse oder aggressiv, aber er hat gesagt, das geht überhaupt nicht und der Song gefalle ihm nicht. Da denke ich mir dann, oh man ey… Henjo: Ja, aber das sind dann auch nicht die richtigen Leute. Das ist im ganzen Leben immer so. Auffallen tun wenige mit negativen Dingen und die Masse fällt nicht auf und ist ja nicht scheiße. Das heißt, du hast vielleicht auf einem Festival 20.000 Leute und dann hast du davon vielleicht 100, die sind scheiße. Das sind die Leute die auffällig werden und das sind auch nicht die wahren Metaller. Die müssen nicht auffallen, die sind zufrieden mit sich selbst und was sie tun und hören. Die Negativen fallen immer auf und deswegen würde ich trotzdem noch unterstreichen, dass der Musikbereich ganz weit gefächert ist. Daniel: Ich glaube, dieses Schubladendenken ist auch ein menschliches Problem und da muss man sich von frei machen. Ich nehme mich da nicht aus, ich will nicht mit dem Finger auf andere zeigen, in mir steckt das natürlich auch drin wie in jedem. Aber ich versuch dann immer zu sagen, hej komm, jetzt brems dich mal. Jetzt versuchst du es mal offen zu sehen. Henjo: Ja, das glaube ich auch, das hat nichts mit Metal zu tun. Um noch mal auf das zurück zu kommen, worüber wir eingangs sprachen. Viele spielen natürlich Theater. Das ist auch okay, wir kennen das von den Amis, Showbiz is all. Viele Bands sehen das auch als Rollenspiel. Und dann ist es auch okay, wenn sie ein gutes Ding machen. Das muss jeder für sich selber ausmachen, ob er damit zufrieden ist, dass er in seinem sonstigen Leben ganz anders ist und die Leute was anhimmeln, was er gar nicht ist. Das muss er für sich selber ausmachen, ob er damit klar kommt oder irgendwann daran zerbricht, was ja auch vorkommt. Deswegen ist es am schönsten, so wie wir es machen, dass zu machen, was wir wollen. Wir können zu allem stehen und zu allem was sagen, weil wir keine Angst haben müssen. Ihr seid seit Jahren im Business und habt viele Menschen im Musikbereich kennen gelernt. Was ist für Euch Dekadenz? Und wie viele können sich das heute noch erlauben? Daniel: Um auf die zweite Frage schon mal einzugehen. Für mich hat Dekadenz auch immer was mit Geld zu tun gehabt. Das ist das erste was mir in den Sinn kommt. Jemand der einfach reich ist, der hat die Möglichkeit so zu sein, er ist es nicht automatisch, aber er kann es. Dekadenz war für mich immer, wenn du dir die Zigarre mit einem hunderter Schein anzündest. Dekadenz fängt schon an, wenn du Essen wegwirfst. Das ist eine andere Schiene, weil Essen schmeißen nicht nur reiche Menschen weg, sondern alle. Ich habe mir dann irgendwann auch mal gedacht, man hat so ein Stück Brot gekauft, es klingt jetzt echt blöd, aber das muss ich sagen, das ist etwas, da muss sich jeder an die Nase greifen, ich bin irgendwann dazu übergegangen, nur noch ein viertel Brot zu kaufen. Dann weiß ich, es bleibt frisch. Aber einen ganzen Leib Brot, bis ich den aufkonsumiert habe, ab der Hälfte wird der hart und damit ich kein Brot mehr wegschmeißen muss, bin ich dazu übergangen, nur noch ein viertel Brot zu kaufen. Du bringst es ja auch nicht immer zum Tiergarten. Ich will jetzt nicht damit sagen, wie toll ich bin, aber das ist Dekadenz im Kleinen. Da könnte jeder an sich arbeiten und das für sich ändern. Jeder Mensch ist irgendwo dekadent. Glaubst du, gerade Künstler haben den Hang zur Dekadenz? Henjo: Würde ich nicht sagen, nein. Es ist ein rein menschliches Problem, das zieht sich durch alle Strukturen. Dekadenz ist für mich auch ein bisschen Prahlerei, also nicht das Brot wegwerfen, aber sich die Zigarre mit einem Hunderter anzuzünden. Da sucht jemand nach irgendetwas, der muss das haben, Aufmerksamkeit, Bestätigung oder so. Dekadenz ist ja auch mit dem Porsche zum Penny Markt zu fahren, der nur 50 Meter weiter ist. Man neigt ja gerne dazu, das neue Album als eines der besten der Karriere zu küren. Was denkt ihr, ist das besondere an eurem neuen Album? Henjo: Ich würde mal sagen, die Tatsache, dass das neueste Album das beste Album ist, kann man auch zweischichtig sehen. Einmal natürlich kommerziell, es gibt bestimmt Leute, die das immer sagen, weil es das Album ist, was jetzt verkauft werden soll. Auf der anderen Seite ist es aber ehrlich gesehen deswegen das beste Album, weil man einfach total darin verstrickt ist und wenn man da nicht dran glauben würde, dann würde man das gar nicht machen. Warum sollten wir ein Album aufnehmen, wo wir selber das Gefühl haben, das ist schlecht? Dann würden wir sagen, dann warten wir noch ein bisschen, bis wir so gute Songs haben, dass wir wieder daran glauben, dass es das beste Album ist. Als Musiker, das weiß ich von mir selbst, versuchst du dich natürlich immer zu verbessern. Du merkst, es ist da und da nicht so gut aufgegangen, das machst du beim nächsten Mal besser. Man will es besser machen und man hat oftmals auch das Gefühl, das man es besser macht. Dann hört man mal wieder alte Sachen und denkt, ach, das hast du damals eigentlich schon genauso gut gemacht. Ich glaube, das braucht man einfach um gut und creativ arbeiten zu können. Wenn du dir gleich irgendwie sagst, ach, das geht jetzt bergab, dann kannst du auch nicht mehr daran arbeiten. Ich weiß noch, die ersten Gedanken haben wir uns auf der letzten Tour zum Album gemacht. Ich kann mich daran erinnern, dass wir zusammen gesessen haben und überlegten, wie es werden soll. Das war in Mexiko und ein total schönes Bandgespräch. Da haben wir gedacht, lass uns kein Konzept zusammenfassen, lass uns ein Ding machen. Wir versuchen bei dem nächsten Album auf den Punkt zu kommen. Nicht unbedingt diese ellenlangen Songs. Es gibt welche, aber es ist nicht das, was wir jetzt gerade wollen. Wir möchten Songs, die Spaß bringen und schnell auf das kommen, was sie aussagen sollen. 10 Songs die einfach alle Bock bringen. Achtet ihr beim Songwriting und bei den Aufnahmen eigentlich darauf, ob die Songs auch live spielbar sind? Oder seit ihr da relativ schmerzfrei, da es ja eh unzählige technische Mittel heutzutage gibt? Henjo: Absolut, das ist nämlich genau der nächste Punkt. Wir proben und spielen immer mehr. Daniel: Seit „No World Order“ haben wir angefangen die Songs vorher zu Proben. Ich weiß noch, wie ich 1997 in die Band gekommen bin, das war vor der „Somewhere Out In Space“ Produktion, da waren halt viele Songs schon einfach fast fertig. Zwischen der „Land Of The Free“ und der „Somewhere Out In Space“ lagen 2 Jahre und es war einfach schon viel da, es gab einen Zeitplan und es ging nur noch ins Studio, aufnehmen. Ich habe die Zusage an einem Freitag von Kai und Dirk bekommen und dann hieß es, kannst du am Montag ins Studio nach Hamburg kommen, dann fangen wir an. Ich habe mit Dirk noch ein bisschen geprobt und jetzt auf diesem Album haben wir jeden Song durch die Mangel genommen und geprobt. Wir haben im Januar angefangen und haben erst einmal 4-5 Monate nur geprobt, Songs wieder liegen gelassen und an anderen Songs weiter gearbeitet, die Songs wieder aufgegriffen usw. Das hört man meiner Meinung nach auch, dass die Songs geprobt sind. Das war sehr gut. Henjo: Was jetzt die Frage des live Spielens angeht, was wir zu viert machen, wenn das nicht rockt und Spaß bringt und gut im Raum klingt, dann ist wesentlich mehr die Frage, rockt das oder nicht. Daniel: Wenn zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug und ein Sänger einen Song spielen, merkst du, allein mit dieser Besetzung ob der Song gut ist oder nicht, das spürst du schon beim Spielen. Wird das ein live Song, wird es ein guter LP Song oder ist er einfach zu schwach. Wir sind vor ein paar Produktionen dazu übergegangen und es wird immer mehr. Es wird nur der Song aufgenommen, bei dem das Arrangement passt. Dafür lassen wir uns immer mehr Zeit von Album zu Album. Wenn jeder in der Band den Song spielt, dann kommen auch immer wieder neue Ideen hinzu. Ich denke, es ist hinlänglich bekannt, dass das Geld nicht mehr mit Alben sondern mit Konzerten verdient wird. Wie seht ihr die Gewichtung bei Gamma Ray? Daniel: Na ja, sagen wir mal so, mal generell gesprochen, die Verkaufszahlen gehen von Album zu Album runter. Das ist einfach der Fakt. Wir sind noch in der glücklichen Lage, dass wir genug Alben in der ganzen Welt verkaufen und touren können. Wir verdienen schon noch Geld mit den Songs, die wir geschrieben haben, aber es wird weniger. Ich sage mal, es ist so 50:50. Es hält sich in etwa die Waage, es war nicht immer so, früher hat man mehr durch verkaufte CD´s verdient. Die Live-Shows sind schon eine gute Einnahmequelle für jede Band. Ihr geht im Februar zusammen mit Freedom Call auf Tour. Wie seht ihr die Erfolgsaussichten der Tour, immerhin sind sehr viele Bands ab Januar wieder unterwegs und das Geld der Fans ist knapp… Henjo: Ja, verdammte Piese, ich habe eigentlich gedacht, da ist doch gar nicht so viel los. Ich gucke ja auch die ganzen Gazetten durch und es war ursprünglich mal ganz anders geplant, aber ich habe gesehen, Saxon touren, okay, das machen sie das ganze Jahr. Ich hatte eher das Gefühl, dass es eine ganz gute Zeit ist. Das einzige für mich ist, im Winter touren ist immer schrecklich, aber die Touren sind immer im Winter, da im Sommer die Festivals sind, das ist leider so. Das hat aber nur was mit der Kälte und dem scheiß Wetter zu tun, was für Musiker, die im Bus reisen, immer kacke ist, da du immer krank wirst und eine Zeit hast, wo du dich schlecht fühlst. Aber das war ja nicht die Frage, ich schaue einfach was kommt. Daniel: Ich glaube erfolgreich ist immer eine Betrachtungsweise. Erfolgreich kann sein, wenn man einfach mehr Leute hat als beim letzten Mal und da kann ich einfach nur sagen, da hoffe ich drauf. Wenn jetzt einfach überall nur ein paar mehr kommen, dann sehe ich das für mich als Erfolg, als kleiner Schritt, aber dann war das erfolgreich. Wir haben eine neue Plattenfirma und wir haben das Gefühl, dass die Bock auf uns haben und die haben bis jetzt einen hammer Job gemacht, ohne ihnen Honig ums Maul schmieren zu wollen, aber ich habe ein gutes Gefühl, auch im Hinblick auf die Tour, auf unser Produkt, auf die CD, die dann raus kommt. Die Voraussetzungen sind da, dass es erfolgreich wird. (tennessee) |
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