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06.04.2009 My Dying Bride
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Es ist mal wieder Zeit für ein neues Album der Doom-Könige von MY DYING BRIDE. Vor allem scheint mir das Timing perfekt, wenn ich aus dem Fenster blicke und mir trostloses Spätwinterschmuddelwetter die Sicht ebensosehr trübt wie die Stimmung. \"For Lies I Sire\", das mittlerweile zehnte Album, ist da der perfekte Soundtrack. Aaron Stainthorpe, Sänger der Band aus Yorkshire, sieht das ähnlich. \"Eine Veröffentlichung im Winter kommt uns immer entgegen, wobei es jetzt ja schon März ist. Vielleicht sollten wir unsere Alben lieber kurz vor Weihnachten rausbringen. Obwohl... das soll jetzt nicht heißen, dass wir gerade die perfekte Band fürs Weihnachtsgeschäft wären...\" Nuja, auch Weihnachtslieder tendieren zum Pathos (vergessen wri mal den kommerziellen Kram aus der Einkaufszentrumbeschallung), und etwa \"Es ist ein Ros\' entsprungen\" ist mindestens genauso Moll wie MY DYING BRIDE. Auch das Cover, das größtenteils in weiß gehalten ist (leider lag mir das komplette Artwork noch nicht vor), macht einen zutiefst winterlichen Eindruck. Von Kälte will Aaron aber gar nicht wirklich reden, sondern er überrascht mit einer sehr eigenen Interpretation. \"Es strahlt etwas Warmes, Heimeliges aus, wie unser Sound ganz allgemein. Keine Gemütlichkeit, das nicht, aber das Album kann dir Wärme schenken, wenn es draußen kalt und siffig ist. Und natürlich ist es keine Platte, die du auf eine Party mitnimmst - ich kann mir niemanden vorstellen, der eine unserer Scheiben auf eine Feier mitnimmt um sie dort zu hören, haha!\" In das Lachen muss ich mit einstimmen - denn genau dasselbe hatte ich nur wenige Stunden vorher in die Rezension geschrieben. \"Unsere Musik taugt nicht zum Spaß haben - eher dazu, sich hinzulegen, zu entspannen, mit Kopfhörern auf, und dann entschwebt man... für Gruppenerfahrung ist das wohl eher ungeeignet.\" Entschweben muss Aaron ja sicher auch, wenn er seine düsteren Texte schreibt. Da er momentan sehr gut aufgelegt scheint, ist er also kein grunddeprimierter Mensch, allein seine Lyrik legt es nahe, dass man jederzeit mit seinem Suizid rechnen müsste, wenn er nicht dazu ZU fatalistisch wäre. Aber die Sache liegt etwas anders, von Depressionen als Krankheit ist hier nicht die Rede. Aaron benutzt nicht das Wort \"depressive\", sondern \"depressed\", also niedergeschlagen. Er erklärt auch bereitwillig, wie seine von Tristesse geschwängerten Texte entstehen. \"Generell warte ich einfach, bis der Moment richtig ist. Ich kann mich ja nicht dazu bringen, in die richtige Stimmung zu kommen. Gerade jetzt könnte ich mir nicht etwa einen Stift schnappen und etwas zu Papier bringen, weil ich mich momentan sehr gut fühle. Das ist sehr wichtig, denn dieser Moment, der MY DYING BRIDE ausmacht, kann nicht erzwungen werden. Also warte ich, dass es mir, wie jedem anderen Menschen, einmal nicht gut geht - etwa wenn Sachen nicht so laufen, wie sie sollen, wenn ich niedergeschlagen bin. Nur dann kann ich texten, denn dann bin ich am kreativsten - wenn ich deprimiert oder gar angepisst bin. Man ist fast ein anderer Mensch, wenn man deprimiert ist, ein dunkler Charakter, der aus einem herauskommt. Ich kann also nicht jeden Tag schreiben, manchmal habe ich eine richtige Blockade, weil ich ja nicht jeden Tag Frust schiebe. Das kann schwierig werden, denn wenn wir ein Album aufnehmen wollen, macht mich das glücklich - aber dann kann ich keine Texte dafür schreiben!\" Und dann läuft es ja wiederum suboptimal - dann kann er ja wieder deprimiert werden. \"Ja, haha, wenn dann die Deadline immer näher rückt, die ganze Band verlässt sich auf mich, das Label erwartet Ergebnisse, die Fans wollen neue Songs, und ich bekomme nichts zu Stande - das kann einen schon runterziehen! Dann hänge ich durch, oh je... und dann klappt es doch wieder. Wie gesagt, ich bin dann sehr kreativ. Deprimiert und traurig ist für mich etwas anderes als müde und lethargisch und ohne Energie zu sein. Wenn sich die Schatten über mir zusammenziehen, dann kann ich schreiben oder Artwork erstellen. Ich nehme die düsteren Gedanken, gebe ihnen Form und vertreibe sie, indem ich ihnen ein Leben irgendwo anders schenke, auf Leinwand oder Papier. So befreie ich meinen Geist von den bösen Gedanken und bin gleichzeitig kreativ. Ein Exorzismus für den Geist, eine befreiende Katharsis, noch dazu mit einem Ergebnis.\" Kathartisch wird es auf \"For Lies I Sire\" auch einmal: Ein Stück, das völlig aus der Reihe fällt, ist das ruppige \"A Chapter In Loathing\", das mit seinem Grindcoremomenten neben krächzigem Gesang den spröden Charme norwegischen Black Metals versprüht - oder an ganz, ganz frühe MDB gemahnt. Die Geschichte hinter dem Stück ist Aaron das Erzählen wert. \"Eine Band, die ich schon immer vergöttert habe, ist BATHORY. Quorthon ist der Godfather of Black Metal. Meinetwegen streitet über dieses Statement, bis ihr umfallt, für mich ist \"Under The Sign Of The Black Mark\" eine der besten Alben, die ich je gehört habe. Diese Musik ist in immer in meinem Hinterkopf, in der dunkelsten Tiefe meines Herzens, ebenso wie der Wunsch, einmal einen Song wie \"A Chapter In Loathing\" zu schreiben. Wenn man die Vergangenheit von MY DYING BRIDE ansieht, dann hat es dort immer Verbindungen zum Death Metal gegeben und Überschneidungen mit Black Metal. In style, not in lifestyle. Wir müssen niemandem beweisen, wo wir herkommen, dazu gibt es uns lange genug. Aber ich kam eines Tages in den Proberaum und sagte zu den Jungs \'Ich habe heute einen BATHORY-Tag! Ich will einen Song schreiben, der diese Stimmung und Energie transportiert.\' Und da wir mit drei neuen Bandmitgliedern, Lena (Abé, b), Dan (Mullins, d) und Katie (Stone, key+violin), also den \'Kids\', wie wir sie nennen, jede Menge frischer Energie im Proberaum haben, lief es wie geschmiert, denn als wir mit dem Song angefangen hatten, waren alle Feuer und Flamme, da war eine Elektrizität in der Luft, unglaublich. Der Song hätte 10 Minuten lang werden können, bis jeder müde geworden wäre. Es ist so großartig, Wut und Frustration rauslassen zu können, von Zeit zu Zeit. Ist der Song auf der Platte unpassend? Neuere Fans mag er stören, die wollen von uns Melancholie, nicht Hass und Wut, aber es ist ein 100%-iger MY DYING BRIDE Song, das ist der Grund, warum er auf dem Album steht.\" Die Sorge ist unberechtigt, das Stück zeigt eine weitere Facette des Sounds der Band und ist als vorletztes Stück ohnehin weit hinten platziert, sorgt so also für keinen Bruch - allemal besser, als den Wutbatzen als Bonustrack verschimmeln zu lassen. Ob Frustration oder Niedergeschlagenheit - interessant ist auch, dass Aaron auf der Homepage der Band in seinem Profil sagt, dass er es hasse, auf der Bühne zu stehen. Vielleicht bin ich da voreingenommen, aber die Frage drängt sich schon auf, warum er dann überhaupt als Sänger in einer Band angefangen hat, wo er mit dieser Situation doch immer wieder konfrontiert werden wird. \"Ich wusste ja anfangs nicht, wie schwierig das sein würde! Es ist nun mal nervenaufreibend, vor mehreren hundert Leuten zu stehen, und zu singen und zu shouten.Langsam gewöhne ich mich aber daran, es ist nicht mehr ganz so schlimm wie vor zwanzig Jahren... Aber je mehr ich von meiner Persönlichkeit, von meinem Leben in die Texte stecke, umso schwerer wird es, die Songs auf der Bühne wiederzugeben, diese Situationen immer wieder zu durchleben. Oder der Erzähler des Songs zu werden, darum ist mein Bühnengehabe für manche auch befremdlich. Ich höre auf, der normale Aaron Stainforth zu sein und werde zur Person des Songs, wie ein Schauspieler... John Wayne war ja auch kein Cowboy, er war ein Schauspieler, der Cowboys gespielt hat. Ich bin auf der Bühne ein Schauspieler, der all diese Personen aus meinen Liedern verkörpert - und die überwältigende Mehrheit dieser Personen haben Hundstage, denen geht es richtig, richtig dreckig... das muss ich dann umsetzen, Sturzbäche von Tränen vor tausend Leuten. Ich öffne mein Herz und zeige meine zerbrechlichsten Seiten. Ich würde es lieber nicht tun, aber wir sind nun einmal eine Band, die anderen spielen gerne live - und darum toleriere ich es auch, weil man manchmal auch durch schlimme Zeiten hindurch muss. Na gut, wir spielen ja auch nur an die 15 Shows pro Jahr, was für eine Rockband ohnehin fast nichts ist. Die kann ich noch tolerieren...\" Außer er muss doch mal auf ordentliche Tourneen mit der Band, weil die neue Platte so gut läuft. Die erscheint übrigens auch noch in einer sogenannten „Guitar Edition“, zu der mir der gute Aaron nicht viel sagen kann („Ich bin ja kein Gitarrist, also hat es mich nicht so sehr interessiert“). Laut Labelinfo – und ja, sie sind nach wie vor auf Peaceville, nach all den Jahren – liegt der CD ein Plektrum bei und wohl auch Tabulaturen. „Aah, ja, stimmt, da haben die mal angefragt, wegen Tabs... hatte ich ganz vergessen! Und hey, die Platte kommt auch auf Vinyl raus, wie jede andere unserer Scheiben bisher, ist das nicht toll?So richtig schwer und als Doppelalbum mit Faltcover, da bin ich voll gespannt darauf“ Und jetzt redet sich der Fan fremder und der eigenen Musik richtig gehend in Rage „Ich hasse ja diese Runterladerei, schon immer! Ich liebe es, Alben zu kaufen, sie auszupacken. Ich will ein Textblatt und Bandfotos, alles liebevoll aufgemacht, das ist doch Teil der Musik. Das in der Hand zu halten, wo jemand Herzblut reingesteckt hat, um ein Kunstwerk zu schaffen, für mich ist das essenziell. Runterladen, naja, wem\'s gefällt, aber es gibt nichts taktiles, nichts was man in der Hand hat. Keine Bilder, keine Begleitkommentare oder Dankeslisten. Keine Trivialinformationen - du weißt nicht, wer die Gastmusiker sind oder wann und wo das Album aufgenommen oder abgemischt wurde. Legales Runterladen ist also nichts für mich - und illegales ist für die Bands ein Tritt gegen die Kauleiste. Wir lassen uns so viel Zeit mit neuen Alben, weil wir alles richtig machen wollen - ein Braten ist auch erst dann fertig, wenn die Schwarte knusprig ist.Wir machen das Artwork, endlose Stunden lang, damit es ein Gefühl transportiert. Die Texte müssen dabei sein, sie sind Teil der Stücke und der Atmosphäre, professionelle Bandfotos... das ganze Paket, das du kaufst, wurde zigmal von mir und Andrew und auch anderen innerhalb und außerhalb der Band überprüft und verbessert, bis es richtig war und das Album bereichert und abrundet. Wenn du nur Songs runterlädst, bescheißt du dich selbst, weil du einen Teil der Atmosphäre nicht bekommst - und MY DYING BRIDE leben nun mal von Atmosphäre - und zweitens stichst du uns einen Dolch in den Rücken, was nicht besonders nett ist.\" Was man hingegen doch im Internet für lau bekommt, sind Videos, die dank entsprechender Plattformen wieder richtig im Aufwind sind, nachdem sie jahrelang mangels Fernsehpräsenz ein Nischendasein führen mussten. \"Ja, wir drehen gerade ein Video für \"Bring Me Victory\". Nicht weil das Stück so mitreißend ist, der Song hat einfach genau die richtige Länge, Überlängen hätten wir editieren müssen, das galt es zu vermeiden. Wir haben bislang für jedes album versucht, ein Video zu drehen. Nicht nur zu Promotionszwecken, um ein Album zu verkaufen, sondern weil es ein weiterer Weg ist, sich auszudrücken - auch wenn wir hier zugeben müssen weniger Kontrolle über das Endergebnis zu haben. Wir können die Produzenten dann immer nur anflehen, \'Bitte gebt euch Mühe, die Fans wollen etwas Tolles und am Ende steht unser Name drauf, unser seit 20 Jahren aufgebauter Ruf, da darf es nichts halbherzig zusammengeschustertes sein.\' - und manchmal hören sie sogar auf uns... Ansonsten machen wir alles selbst, vor allem Andrew und ich - wir hatten ja nie einen Manager, müssen uns um Konzerte, Buchungen, Promotion und all das selbst kümmern.\" Dann spart man sich einen Mittelsmann, der für ein paar Telefonate die Hälfte der Bandverdienste einsackt... \"Aber dafür sind wir auch immer Untergrund geblieben, weil uns die Kontakte eines Businessmenschen fehlen. Andrew sagt, wir seien die größte Underground-Band der Welt, haha, und irgendwie trifft das zu. In 20 Jahren waren wir niemals irgendwo der große Headliner, waren noch nie auf der Titelseite eines großen Magazins. Wir waren immer etwas am Rande der Szene, und das passt mir auch ganz gut. Wir könnten ein großes Trara darum machen, dass die Geige wieder fester Bestandteil bei uns ist, aber wir wollen uns nicht darüber definieren. Ebenso könnten wir Katie auf jedem Bandfoto ganz nach vorne stellen, die Geige in der Hand. Mit unseren zwei attraktiven, wohlgeformten Frauen im Vordergrund in engen T-Shirts kämen wir vielleicht wirklich mal auf ein Magazincover - aber wir sind ja nicht EVANESCENCE oder eine von diesen Bands, die über Optik Platten verkaufen. Wir wechseln immer durch auf den Fotos, wenn also mal Lena vorne mittig steht, dann ist das Zufall - das haben dann nicht wir ausgesucht, sondern ein Redakteur...\"
Also, es gibt was für Augen, Ohren und Hände bei MY DYING BRIDE. \"For Lies I Sire\" ist als CD oder 2LP sicherlich jeden Cent wert - und man muss keine Angst haben, dass das Geld in den Taschen eines Managers verschwindet.
(mono)
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