Interview

28.07.2008 Filter
 
Richard Patrick klärt auf über das Irak-Krieg-Konzept seines neuen Albums "Anthems For The Damned" und das neu gefundene politische Engagement der nach wie vor brandheissen Industrialrocker FILTER.
Ich muss zugeben, ich war anfangs hin- und hergerissen. Immerhin waren Filter mal eine Band, die ich supergeil fand, die genau die Musik machte, die ich hören wollte. "Hey Man, Nice Shot" kam wie ein Urknall in den Gehörgang, diese langgezogenen Schreie, diese lange verhaltene Aggression, die dann ausbricht und doch immer noch kontrolliert und kanalisiert klingt, was habe ich mir in Indie-Discos den Popo abgezappelt dazu. Dass es noch geiler ging, zeigte dann einer der Übersongs überhaupt, ein Song, der ewig in meiner Top-50-Liste bleiben wird: "(Can You) Trip Like I Do", die Kooperation von FILTER mit THE CRYSTAL METHOD auf dem ebenso grandiosen "Spawn"-Soundtrack, da passte der Text auch noch wie die Faust aufs Auge, angestaute Wut, dieses Ringen um Fassung, der Ausbruch, die Riffs dazu, der Songaufbau. Ebenso war "Title Of Record", das extrem nachlässig betitelte, aber extrem eingängige Zweitwerk der Industrial-Rocker FILTER ein Werk für die Ewigkeit.

Dann tat sich jedoch eine Weile nichts mehr und die dritte Scheibe "The Amalgamut" konnte nicht gegen ihren Platin-Vorgänger anstinken, ich selbst habe sie mir nicht mal mehr gekauft, damals 2002. Das tut der Platte Unrecht, sie ist etwas fahrig, aber beileibe nicht schlecht. Danach war erst mal Schicht im Schacht für FILTER, Richard Patrick schloss sich dem halbwegs erfolgreichen, aber auch etwas unspektakulären All-Star-Projekt ARMY OF ANYONE an, der Rest verließ das sinkende Schiff.

AOA war meines Erachtens eher dem traditionellem Rocksong verbunden als der emotionallen Achterbahn FILTER. Richard Patrick verbucht dieses Projekt jedoch als willkommene Abwechslung und gesteht, dass FILTER ohnehin schon immer nur ein Ein-Mann-Projekt gewesen sei.

"Ich habe es wirklich genossen, einmal in einem richtigen Bandumfeld zu arbeiten. Es hat mir viel gebracht, mit Robert, Dean und Ray in AOA zusammen zu spielen. Diese Jungs sind musikalisch superfit und es war tatsächlich 100% Kooperation. FILTER ist in erster Linie einmal ich selbst, das ist aber auch etwas ganz besonderes. Außerdem hatte ich mir ja auch großartige Leute eingeladen, mit denen ich die Songs geschrieben habe, John 5 (MARILYN MANSON), Wes Borland (LIMP BIZKIT) und Josh Freese (A PERFECT CIRCLE, SUICIDAL TENDEMCIES, GUNS 'N ROSES uvm.) . Auch die Tourband wird umwerfend, mit Mitch Marlow, John spiker und Mika Fineo."

Die Musik, die es nun auf "Anthems" zu hören gibt, ist entsprechend auch wieder FILTER, wie man sie kennt und wie viele sie lieben, ich inklusive. Das Album lebt von seinen großartigen Stimmungen und überzeugt durch Authentizität und mitreissende Momente. Patrick freut sich:

"Danke für das Kompliment. Das sollte aber niemanden groß überraschen. Es ist ein FILTER-Album mit dem speziellen FILTER-Sound. Ich habe schon immer 90% der Musik und Texte selbst geschrieben, auf "Short Bus", auf "Title Of Record", auf "The Amalgamut" und eben jetzt wieder auf "Anthems For The Damned"."

"Anthems For The Damned" erscheint jetzt nach 6 Jahren Pause seit der letzten Scheibe. Die erste Single und gleichzeitig der Album-Opener "Soldiers Of Misfortune" ist dabei aber so eingängig und quasi radiotauglich, könnte fast schon eine GENESIS-Nummer sein. Das ist per se nicht schlecht, aber will man das von FILTER? Zu allem Überfluss kommt noch, dass es sich quasi um ein Konzeptalbum handelt, in Gedenken der amerikanischen Jungs, die ihren Militärdienst im Irak ableisten. Ist das gut? Hier gilt es, nachzuhaken, damit die Botschaften nicht falsch ankommen. Eines der Leitmotive ist die Sinnlosigkeit, die Soldaten in den neuen Kriegen oft empfinden, stupider Alltag und Warten auf Aktionen, Langeweile und gleichzeitig aber Todesangst, weil sich in jeder Routinekontrolle ein Selbstmordattentäter in die Luft jagen kann. Oder eben Wochen lang nichts. Die Widersprüchlichkeit findet sich auch in den Songs:

"Ich habe versucht, die Sinnlosigkeit dieser Situation einzufangen und wiederzugeben. Die Niedergeschlagenheit und Leere in den Texten steht dabei im Kontrast zum Optimistmus der Akkordfolge."

Diese und ähnliche Erklärungen zu den Songs erhält man auf www.officialfilter.com. Im Booklet der CD finden sich zwei Namen, Sergeant Justin Eyerly und Sergeant Frank Cavanagh. Letzterer stand schon mal in einem FILTER-Booklet, in "Short Bus" und "Title Of Record" als Bassist. Nun eben als Soldat, was zeigt, wie persönlich die Verbindung Patricks zum Irakkrieg ist. Justin Eyerly hingegen war kein Ex-Mitglied, sondern ein großer Fan der Band, der in Briefkontakt mit Patrick stand, wie der erklärt.

"Zunächst mal muss ich klar stellen, dass der Krieg schrecklich ist und aus lauter falschen Gründen geführt wird. Sgt. Justin Eyerly war ein riesiger Fan von uns und er hat sich bei der Armee verpflichtet, damit er sein College bezahlen kann. Er wurde in den Irak geschickt und fiel nach 10 Tagen in diesem Land. Frank Cavanagh ist tatsächlich unser alter Basser. Ich ging zu ARMY OF ANYONE, er ging zeitgleich zur Army."

Ironisch, wie das klingt, aber so ist es nicht gemeint, steht doch im Booklet der Wunsch "come home safe!". FILTER haben aber nicht nur diese personelle Verbindung, nein, sie haben auch mehrere Shows zur Unterhaltung der Truppen gespielt. Ich muss da immer an HENRY ROLLINS denken, der auf einer seiner Spoken Words CDs ("Shock And Awe", 2005) mal etwas sagt wie "Mein Manager hatte da diesen Gig in Kabul aufgetan und meinte 'du sollst dort auftreten und die Truppen etwas aufheitern' und ich sagte 'die Truppen aufheitern? Das kann kein Mensch!'". Es scheint mir eine ganz andere Art von Show zu sein, für Soldaten in Krisengebieten zu spielen, anstatt für übersättigte Mittelklassekids auf Sommerfestivals.

"Wir fanden es richtig toll, für unsere Truppen in Kuwait zu spielen, ebenso wie hier zu Hause. Für sie auf die Bühne zu gehen ist das mindeste, was ich tun kann. Sie riskieren ihr Leben, jeden einzelnen Tag, und wenn ich ihnen auch nur eine Stunde Vergnügen bereiten kann, das sie von ihrem Stress ablenkt, dann ist mir das ein Vergnügen."

Ich denke also, man darf nicht nur in Schwarz und Weiß sehen. Wer für die Soldaten spielt, muss noch nicht den Krieg gutheißen, sondern kann auch nur Respekt vor den Menschen haben. In meinen Augen ist "Anthems For The Damned" ein patriotisches Album. Damit ist aber nicht der Nationalstolz gemeint, der an Staat und Flagge hängt. Patriotismus ist hier eher der Stolz, ein Mitglied einer freien und demokratischen Gesellschaft zu sein, diese Werte hochzuhalten, und sich verbunden zu fühlen mit denen, die für den Erhalt dieser Werte kämpfen.

"Das trifft den Nagel auf den Kopf. Sehr gut ausgedrückt, ja."

gibt mir Patrick recht. Um aber mal Staatsfeind Nummer 1, JELLO BIAFRA (hört euch mal seine Spoken Words Alben an!), zu zitieren. 'Ich bin auch ein Patriot, ich unterstütze unsere Soldaten - ich sage: 'Holt sie endlich heim!''. Ist dieser Standpunkt zu radikal und eindimensional? Patrick gibt sich einsilbig, aber deutlich:

"Manche Kriege müssen geführt werden. Der Krieg im Irak gehört nicht dazu."

Damit ist das Thema wirklich durch. Um wieder mehr zur Musik zurückzukommen: FILTER geben sich momentan auch sehr demokratisch. Nicht im Bandgefüge, aber bei der Videoproduktion. Auf www.officialfilter.com ist ein Videocontest ausgeschrieben, wo Fans gebeten werden, ihre eigenen Videos zu drehen und an die Band zu schicken. Wie ist man zufrieden mit dem Ergebnis bislang?

"Was wir bisher bekommen haben, war großartig. Ich liebe es zu sehen, wie die Fans meine Songs interpretieren. Mehr davon bitte, auch von eueren Lesern!"

Zum Abschluss noch einmal zur Webseite: dort prangt gut sichtbar ein Werbebanner von Obama Barack. In Verbindung mit der Irak-Thematik macht das FILTER zu einer kritischen und politisch engagierten Band. Diese Einstellung ist mir neu - oder waren FILTER schon immer politisch, nur ist es mir nie wirklich aufgefallen? Patrick schließt das Interview kryptisch:

"Ich hatte schon immer meine eigenen Ansichten. Ich bin viel erwachsener geworden und ich schreibe über das, was ich weiß und was ich sehe. Und ich bin nicht glücklich damit, wie die Dinge momentan laufen..."

Und wie man weiß, ist Wut und Zorn ein guter Motor für großartige Musik. Hoffen wir aber doch mal, dass zumindest für die Band die Dinge gut laufen, wenn schon die Politik nicht erfreulich ist."Anthems For The Damned" ist sicher keine Revolution, aber ein verdammt gutes Album ist es allemal. Mit FILTER ist also weiterhin zu rechnen! (mono)

 
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Reviews
 
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