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02.04.2008 Keith Caputo
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Zwei Herzen schlagen, ach in seiner Brust: Deswegen drängt der Albumtitel auch die erste Frage auf: Was ist momentan "Hometown" für den gebürtigen New Yorker und Wahlholländer, wo lebt er gerade?
"Ich bin beides, die eine Hälfte des Jahres bin ich in New York, die andere in Amsterdam, wo meine Band zuhause ist." Ungewöhnlich für einen Amerikaner, dass es ihn nach Europa verschlägt. Was fasziniert dich so an Amsterdam? "Die Drogen und die Prostituierten, Alter! Harhar!" lacht Keith schelmisch ins Telefon, ergänzt dann aber etwas überlegter: "Es ist eine sehr freie, liberale Stadt. Natürlich war das erste auch nicht ganz unwahr, ich wohne in einem Viertel direkt neben dem Rotlichtbezirk, viel Gelichter und Außenseiter, interessante Lebensgeschichte. Fast schon wieder wie New York City, vielleicht eine Utopie von New York City." Wenn man dann wieder bedenkt, dass New York City ursprünglich einmal New Amsterdam hieß, schließt sich der Kreis. Wer in zwei Städten lebt, findet sicher auch jede Menge Inspirationen für Texte. "Eigentlich nicht, es kommt nicht auf deine Umgebung an. Es ist doch egal, WO du dein Leben lebst, viel wichtiger ist doch, WIE du es lebst. Der Ort macht kaum einen Unterschied in Bezug auf das, was du wirklich bist. Er ist nur ein Extra, ein bisschen Würze, quasi der Senf auf deinem Hotdog. Wie gut der Hotdog ist, liegt am Brötchen, am Würstchen, an dem Fleisch, aus dem es gemacht ist, all das ist wirklich essenziell. Der Senf ist nur noch etwas Geschmack obendrauf, wenn du mir folgen kannst... Amsterdam ist für einen Kunstverrückten wie mich eine tolle Stadt, mit ihren Museen, den Straßen und Grachten und natürlich ist sie auch ein Stück weit Einfluss für mich. Wenn ich einen Geblasen haben möchte, ist das kein Problem, wenn ich einen Joint will, gehe ich mir einen kaufen, ohne dass gleich danach die Bullen vor meiner Tür stehen. In NYC muss man dazu erst mal jemanden kennen, der einem was besorgen kann." Dafür bekommt man in den USA an jeder Ecke eine Waffe... "Kann sein... Waffen interessieren mich nicht weiter, meine einzige Knarre ist mein Schwanz, Alter! Und momentan bin ich ein geladener Revolver, echt jetzt, harhar!" lacht er dreckig, nur um sofort innezuhalten, ein wenig nachzudenken und dann gewohnt vorsichtig und fast schon kleinlaut weiterzureden: "...entschuldige, ich sitze seit Stunden hier und gebe Interviews, ich drehe langsam durch, darf ich vorstellen, Keith Caputo, der Komiker..." Eine Seltenheit, nehme ich an... "Das kannst du laut sagen..." sagt er leise, um dann auf das wesentliche Thema zu kommen. "Dir gefällt die neue Scheibe, sagst du? Was denn besonders?" Mein Lieblingsstück ist das eindringliche "Got Monsters", auch wenn ich mir ob der Offenheit des Textes nicht ganz sicher bin, was die Monster wirklich sind. "Alles! Ängste, Zweifel, Dämonen, Unsicherheiten...." Alpträume? "Alpträume, klar. Themen, die dich berühren. Sex und Sexualität. Sachen, die du nicht aussprechen magst. Vielleicht weil du tief in dir drinnen homosexuell bist, aber du willst es weder vor dir selbst eingestehen, noch willst du, dass es deine Eltern oder der Rest der Welt herausfindet. So etwas in der Art, Monster eben. Wenn du nicht ohne Kokain funktionierst, aber dennoch versuchst, clean zu bleiben, dann ist da in dir dieses Monster, dass dich zwickt und drängt und sagt 'ein Bisschen wäre doch okay, hab dich nicht so...'." Dabei geht es nicht einmal darum, die Monster zu bekämpfen, sondern sie zu akzeptieren. "Sie zu umarmen, sogar! Die meisten Menschen können das nicht, sie leben lieber eine Lüge, statt sich ihren eigenen Schwächen zu stellen und mit ihnen zu leben." Das war ja schon das Besondere an LIFE OF AGONY. In der Hardcoreszene der 90er hat jeder nur geprollt, wie stark er ist, Keith hingegen kam mit LOA um die Ecke und sang darüber, wie verletzbar er ist - ein völliger Traditionsbruch und einer der Grundsteine dessen, was dann mal völlig verwurstet zu "Emo" wurde. Schwäche zeigen ist eben auch eine ganz besondere Stärke. "Definitiv, Mann, das trifft es genau!" Interessanterweise singt Caputo in dem gerade erwähnten Song auch von einer Tochter, doch hatte ich noch gar nicht gehört, dass er Kinder habe - das lyrische Ich entspricht also hier nicht dem Sänger, nicht wahr? "Ich habe den Song geschrieben vor einigen Jahren, aus der Sicht meines Onkels. Es ist nicht meine eigene Tochter, eher bildlich gesprochen, damit all die Väter da draußen sich wiederfinden können und ihre eigenen Dämonen." Also nichts mit Trip-Trap kleine Kinderfüßchen im Hause Caputo. Im richtigen Alter wäre er doch, ist es der unstete Lebenswandel, der dem im Wege steht? Man entschuldige, dass ich mich hier auf Klatschpresse-Niveau hinabbegebe, aber der Song drängt das auf... "Ich habe das richtige Mädchen noch nicht getroffen - ich lerne viele Psychofrauen kennen, es sind dauernd verrückte Weiber, die in mein Leben kommen. Ich weiß auch nicht genau, ob ich es toll finden soll, so zu leben, wie es scheinbar jeder Andere auf dieser Welt für richtig hält: Lass uns ein Haus bauen, ein Auto kaufen, Kinder haben und einen Hund, lass uns nur noch ficken zum Kindermachen und dabei unsere Selbstentdeckung völlig vergessen. Diese Welt ist eh schon überbevölkert. Ich bin nicht 100% sicher, ob ich ein Kind in diese Welt setzen möchte, auch wenn ich es mir finanziell leisten könnte - emotional kann ich es nicht, ich bin nicht bereit. Und ich brauche dazu auch ein Frau, eine richtige Frau, ich treffe immer nur Girls, und wenn ich wirklich mal eine echte Frau treffe, ist sie letztendlich oft noch unreifer als die Girls davor..." Es haben halt auch andere Menschenn Schwächen und schlechte Seiten. Aber von den Schwächen wieder zu den Stärken: Die Kunst, sowohl die Musik als auch die Gestaltung des Covers. In seiner naiven Zerbrechlichkeit wirkt es so sehr nach Keith, dass ich nicht umhin kann, ihn zu fragen, ob er es selbst gemalt hat. "Nein, das Cover habe ich nicht selbst gemalt. Seltsam, das fragt mich jeder... Es waren die selben guten Freunde, die schon das letzte Album, "Heart's Blood On Your Dawn" verziert haben, die auch das neue Booklet erstellt haben. Es ist wunderschön geworden, sehr kunstvoll, mit allen Texten, guten Bildern, das war mir alles sehr wichtig. Wir haben fast ein ganzes Jahr daran gebastelt, weil ich sie in den Wahnsinn getrieben habe. Immer neue Vorschläge, aber nichts hat die Musik so gut repräsentiert, wie das jetztige Konzept." Das Konzept von Blau und Rot zieht sich auch durch die Songs, die jeweils zwei Titel besitzen, einen in Blau, den anderen in Rot. Es bleibt zu klären, ob diese Dichotomie einen Kontrast oder eine Ergänzung ausdrücken soll. "Vielleicht beides. Es gibt keinen geheimen Plan dahinter, es liegt vielmehr daran, dass ich mich nie entscheiden kann, wie ich einen Song oder ein Album nennen soll und es aber sehr liebe, mit Wörtern zu spielen. Die Idee habe ich dann bei RADIOHEAD abgekupfert, die haben das auf dem Album "Hail To The Thief" auch gemacht und ich fand das brilliant." Wie es so viele Ideen der verqueren Briten sind! Die haben ja auch ihr aktuelles Album "In Rainbows" erst einmal als kostenlosen Download plus Spendenmöglichkeit zur Verfügung gestellt und die Rechnung scheint aufzugehen. Caputo hingegen hat seine letzten Scheiben ("Freax" 2002, "Perfect Little Monsters" 2003, "Live Monsters" 2004 und "Heart's Blood On Your Dawn" 2006) in Eigenregie veröffentlicht, die gab es auch nur über seine Homepage zu bestellen und nicht im Laden - "AFFHS" aber erscheint nun 2008 wieder auf dem regulären Weg - offenbar hat es sich nicht ausgezahlt, völlig independent zu sein. Er seufzt: "Tja, das Problem war, dass es keine Sau interessiert hat, dass ich neue Platten aufgenommen habe. Wenn du auf keinem Label bist, nimmt dich niemand wahr. Kaum ein Journalist wollte Interviews mit mir, es gab kaum Reviews in der Presse, ich habe quasi gar nicht stattgefunden. Ich will nicht auf der Stelle treten, sondern meine Musik auf ein neues Level heben. Das schaffe ich nicht alleine, ich brauche Hilfe dabei und schäme mich nicht das zuzugeben. Ich kann mich nicht um alles kümmern, ich tue ohnehin schon genug selbst: ich schreibe die Musik, engagiere einen Produzenten, stelle die Band an, zahle alle anfallenden Kosten, lasse die CDs pressen, kümmere mich um das Artwork - ich mache viel für einen kleinen Kerl. Ich will, dass diese Platte mehr Aufmerksamkeit bekommt als "HBOYD", dazu muss ich mit dem richtigen Team zusammenarbeiten, dem passenden Label, einem Indie, das sich wirklich um Sachen kümmert, weil sie an die Musik glauben, nicht nur an das Geschäft. Ich will wieder auf der musikalischen Landkarte erscheinen, ich bin eben leider nicht in der Position wie RADIOHEAD, wo ich mal eben den Madison Square Garden ausverkaufen kann. Ich will, dass die Leute da draußen erfahren, welche wunderschöne Musik ich mache, welche Schönheit Rock'n Roll besitzen kann. Und ich will die Rechte an meiner Musik nie wieder verkaufen, ich habe einen reinen Vertriebsdeal, dem Label gehört meine Musik nicht, sie leihen sie nur aus. Meine Masterbänder gebe ich nie wieder her, nach all der Scheiße, durch die ich mit Roadrunner gehen musste. Kein Anzugträger, dem es egal ist, ob ich etwas zum Essen auf dem Teller habe, wird mir je wieder meine Musik abluchsen! Denen ist die Kunst egal, sie zocken Musik ab seit den Tagen von Muddy Waters und Hank Williams, und jetzt kriegen sie die Quittung dafür - kein Wunder dass so viele Label verkleinern oder fusionieren müssen, weil ihre Habgier zu groß geworden ist!" Wenn Musiker fusionieren ist das dagegen oft sehr viel produktiver: Flea von den RED HOT CHILI PEPPERS spielt auf dem Song "Bleed For Something Beautiful (turqouise bloodline)" mit - aber erstaunlicherweise an der Trompete! "Flea hat schon Trompete gespielt lange bevor er mit dem Bass anfing! Mein Drummer ist mit ihm befreundet, und da haben wir ihm einfach den Track geschickt und ihn eingeladen, falls ihm das Stück zusagt - was es auch tat. Wir haben in Malibu aufgenommen und er kam dann einfach vorbei, er ist ein umwerfender Typ mit einem großen Herzen. Ein Rock-Gott noch dazu! Und ein guter Vater, übrigens." Wozu Keith, wie bereits erwähnt, noch zu wenig bereit ist. Vielleicht ist es auch seine Melancholie. Nicht von ungefähr findet sich auf der Webseite das Motto "Dreamy Music For Dreamy People" - nicht gerade der Slogan für die große Rockshow. "Dreamy Music for Dreamy People - das kommt von mir und meinem Webdesigner. Ja, manchmal ist meine Musik wirklich in etwa so, wie wenn man den Mond anschaut und dann plötzlich feststellt, hey, ich schaue schon seit zehn Minuten da hoch" Wer mit ihm den Mond anheulen will, Keith will auf Tour sein in Mai und Juni, dann etwas Pause machen, und danach weitertouren. Bislang sollten es noch kleine Clubs sein und irgendwie passt die Musik auch in die intime Atmosphäre kleiner Läden - es steht zu bezweifeln ob die mehrheitlich sehr leise, gefühlvolle Musik in den vorhin erwähnten Madison Square Garden mit seinen 20.000 Sitzplätzen wirklich hinpassen würde. Keith protestiert: "Aber natürlich würde sie das... ich glaube, drei Abende hintereinander Madison Square Garden, das wäre etwas neues in meiner Karriere! Und dann will ich noch eine andere Frau für jeden Wochentag.... nein, eigentlich will ich nur gesund sein, Musik machen, Rock'n Roll Platten aufnehmen, großartigen Menschen großartige Musik schenken, Menschen heilen mit meiner Musik, der Menschheit nützlich sein, den Menschen Kraft geben, und das Gefühl vermitteln, wenn sie meine Musik gehört haben, dass das der beste Orgasmus ihres Lebens war. Ich will, dass sich Leute gut fühlen und ihr ritualisiertes, überflüssiges Alltagsleben vergessen können, verstehst du? Ich will Menschen etwas mehr geben, als sie sich selbst geben können." Und dass er das nicht nur mit Musik tut, sondern auch ganz praktisch, zeigt sich durch die von Keith persönlich ins Leben gerufene "Wilma Foundation" (www.wilmafoundation.org), die in Not geratene Mitmenschen finanziell unterstützt - eine noch sehr kleine Aktion, aber Spenden sind dort sicher willkommen. Aber nicht zu viel geben, ihr braucht noch die Kohle für das neue Album von Keith Caputo, es lohnt sich! (mono) |
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