Konzertbericht

Tristania, Vintersorg, Rotting Christ, Madder Mortem in Hamburg - Markthalle, 24.09.2001

Hamburg, Regen, die Frisur sitzt. Gegen halb sechs erreiche ich die Markthalle, wo ich zunächst mal von Tourmanager Marco freudig in Empfang genommen werde. Zwei Minuten später stecke ich mitten im Tourgeschehen. Tristania-Sängerin Vibeke fragt mich, was es zu Essen gibt, die Jungens und das Mädel von Madder Mortem plaudern aufgeregt von ihren vergangenen Auftritten und Busfahrer Steve versorgt mich mit Bettwäsche.

Lichtmann Hille (er wird von Drum-Roadie Carlo liebevoll "Probably the best drummer in the whole wide world" genannt, weil er beim Soundcheck die Trommelstöcke schwingt) zeigt mir mein Quartier im Bus und weist mich in die Goldenen Regeln des Nightliner-Fahrens ein: Nicht ins businterne Klo kacken (nur im äußersten Notfall, aber auch dann sei ein adäquates Behältnis, zum Beispiel ein Aschenbecher zu bevorzugen), immer die Türe schließen und sich zumindest nicht ohne vorherige Absprache in fremde Betten legen.

Nachdem ich vorsorglich schon mal den Weg zu meiner Koje von Koffern und Taschen befreit habe (später sollte ich mir selbst dafür danken), begebe ich mich zurück in die Halle, wo ich zunächst mal mit ein paar Freunden auf die nächsten Tage anstoße und schließlich beginnt auch schon die Show mit dem Auftritt von MADDER MORTEM. Die fünf sympathischen NorwegerInnen können allerdings am dritten Abend ihrer ersten Tour nicht wirklich überzeugen. Zu komplex ist ihre Musik und zu spartanisch fällt im Gegenzug ihr Stageacting aus, dazu kommt, daß Soundmann Luc ein wenig mit der mittelmäßigen PA zu kämpfen hat.

Bei VINTERSORG hingegen ein gänzlich anderes Bild: Die Halle gewährt mittlerweile circa 420 Gästen Obdach und der Sound ist merklich besser. Die Schweden rocken extrem gut, das Publikum geht auch ganz ordentlich ab und ob nun "För Kung Och Fosterland", "Ödemarkens Son" oder "Algol", zwar versteht keiner die Texte, trotzdem singen alle mit und feiern was das Zeug hält. Den während des Gigs diverse Male geforderten Mega-Hit "Till Fjälls" spielen die Elchtöter dann natürlich auch noch und somit dürften alle Anwesenden zufrieden gewesen sein.

ROTTING CHRISThauen mich danach ganz und gar nicht um. Zwar klingt alles extrem besser als bei den beiden anderen Kapellen, die Show jedoch bietet kaum Höhepunkte und auch die coolen Songs wie "King Of A Stellar War" oder "After Dark I Feel" reißen heute nicht wirklich jemanden vom Hocker. Zu flach kommt die Musik der Griechen herüber und klingt irgendwie gänzlich unmotiviert.

Nach einer kurzen Umbaupause und einem noch viel kürzeren Intro gehen TRISTANIA an den Start. In der Menge klaffen mittlerweile schon recht ansehnliche Lücken. Kein Wunder, denn gruseliger Weise hat die Woche gerade angefangen und mittlerweile bewegt sich der kleine Zeiger meiner Uhr hart auf die Zwölf zu. Das mindert jedoch nichts an der Qualität der Show, denn Tristania geben sich gewohnt versiert, Soundmann Luc glänzt zum ersten Mal durch perfekte Arbeit und Licht-Tech Hille sorgt durch Stroboskob-Dauerfeuer für die Freisetzung von ca. zwölf Tonnen an Glückshormonen. Hier und da sieht man aufgrund der Anwesenheit von Vibeke wie erwartet offene Münder bei sonst hartgesottenen Kuttenträgern und im Gegenzug kritische Blicke aus der metallenen Damenfront. Sogar Lahme werden beim Anblick der hübschen Sängerin wieder flink, so schmeißt ein mit Gehhilfen angereister Kollege eben diese einfach weg, trotzt seinem zerfetzten Miniskus und tänzelt in die vordersten Reihen um Vibeke einen Heiratsantrag zu machen.

Nach dem Auftritt soll dann auch die Feierei nicht zu kurz kommen. Schnell sind im lokalen Metal-Club, dem Headbanger´s Ballroom, zwei Stiegen Pils geordert und nach und nach finden sich die meisten Musiker und Crew-Mitglieder dort ein. Eigentlich war für diesen Abend ein "Meet and Greet" mit Edguy anberaumt, doch die haben bereits das Feld geräumt und alles, was von einem sehr Power Metal-lastigen Themenabend übrig ist, manifestiert sich in der Plattentasche des DJ´s. So kommen die Anwesenden wenigstens mal wieder in den Genuß alter Maiden-Scheiben, was aber auch nicht wirklich wichtig ist, denn genossen hat man inzwischen vor allem diverse Alkoholika und somit relativiert sich die Wichtigkeit von Hintergrundsmusik. Vintersorg-Drummer Dr.Jägermeister (kein Mensch weiß, wie der wirklich heißt) schmeißt fröhlich Barhocker um, die Griechen erkundigen sich nach dem Weg zur "Reppaban", um ordentlich Gyros zu spachteln und Tristania üben sich derweil in lustigen Trink-Ritualen. Als es dann aber irgendwann die Langeweile überhand nimmt, greift man auf den Schreiberling zurück und läßt sich in den Kaiserkeller (Tanzclub mit größtenteils Alternative/Metal-Programm) führen. Auf dem Weg dorthin läuft uns ein ca. 2,30m großer Mensch über den Weg, der selbst für seine Größe einige hundert Biere zu viel intus hat und ein fröhliches Liedlein trällert.

Im Vorbeigehen wird es plötzlich schrecklich ruhig in der lustigen Gruppe und nur Tristania-Schlagzeuger Kenneth fällt etwas zu diesem Menschen ein: "Tse...Short Guys!" Jetzt ist alles verloren und die ganze Meute bricht in schallendes Gelächter aus. Hille und ich haben sichtlich Mühe, die Gruppe zusammen zu halten, dennoch schaffen wir es bis zum "Kaiserkeller". Eine Stunde später werden wir dort jedoch schon wieder rausgeschmissen, um 4 ist halt Ladenschluß. Da bis zur Abfahrt der Busse eh noch drei Stunden Zeit sind, gibt sich das internationale Musikantengrüppchen im "Lehmitz" den letzten Rest. Vibeke und ich testen uns durch die widerlichsten Mixgetränke (Jägermeister/O-Saft ist gar übel), Gitarren-Tech Andy schläft neben uns auf der Bar und als irgend jemand die Juke-Box mit "Bohemian Rhapsody" von Queen füttert, feiert alles in bester "Wayne´s World"-Manier...KULT! Gegen Sieben geht die Party im Bus weiter...

(cs)

 
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