Dream Theater, Pain Of Salvation in München - Collosseum, 11.02.2002 |
|
|
Obwohl Rosenmontag ist, bekommen wir noch Sitzplätze in der S-Bahn und auch die Verkleidungswut der Münchener hält sich erfreulich in Grenzen. Im Colosseum sowieso, was allerdings auch nicht weiter verwundert - die beigen T-Shirts mit dem Logo des neuen Albums sind zwar wirklich schön, aber bei 35 Euro bleiben die meisten doch lieber in ihren schwarzen T-Shirts und das Geld in der Hosentasche stecken. Die Farbe paßt auch deutlich besser zum Sound der Vorgruppe. PAIN OF SALVATION sind die von Mike Portnoy zur gefälligen Begleitung ausgesuchte neue Proghoffnung. Wie schon auf der letzten DT-Tour zeigt sich hier allerdings wieder das Phänomen der Proggophobie. Anscheinend können Bands nicht aus sich herausgehen, wenn sie die angeblichen Götter des Prog als Damoklesschwert über sich schweben haben. Obwohl sich die neue Platte der Skandinavier nämlich wirklich vielversprechend anhört, bringen sie die Stimmung live einfach nicht rüber. Technisch gibt es nichts zu motzen, da ist alles einwandfrei, aber sie klingen eben ein bißchen so wie Erstkläßler, die gerade ihr erstes Krippenspiel aufführen - aufgeregt und viel zu brav. Ein wenig fehlt es ihnen wohl auch noch an Bekanntheit und das neue Album "Remedy Lane", von dem sie relativ viel spielen, ist sicher auch noch nicht so im Ohr, wie das für die komplexen Arrangements optimal wäre. Insgesamt kommen sie auf der Bühne nicht über das Label "ganz nett" hinaus. Nach dem letzten Akkord schieben sich fast 2000 fast nur schwarze Menschen in Richtung Bühne und wir brauchen eine ganze Weile, bis wir wieder einen annehmbaren Platz haben. Zumindest der Schlagzeugaufbau kann selbst den Zwergen unter den Fans nicht entgehen. Demnächst werden sie wohl die Hallen nach oben erweitern müssen, in denen Mike spielt. Da bleibt für sonstigen Schnickschnack auf der Bühne nicht mehr viel Platz, aber schließlich wollen wir uns ja auch nicht unnötig ablenken lassen und brauchen unsere Konzentration für die Musik. Entsprechend ist auch die Lightshow angenehm schlicht gehalten. Trotzdem bekommen wir die erste Anweisung vom Band: "Open your eyes, Nicholas!" Das muß man uns nicht zweimal sagen, denn danach saugen wir nur noch so auf. Statt früher ein oder zwei Medleys am Anfang und am Ende gibt es diesmal von DREAM THEATER eigentlich nur ungefähr drei Stücke. Die Übergänge zwischen den Songs werden "einfach" verschmolzen, neue Passagen eingefügt und kombiniert, was die Instrumente hergeben. Finger kann man eigentlich nur beim Sänger erkennen, die der anderen fliegen nur so über Saiten und Tasten hinweg. Jordan Rudess ist mittlerweile voll in die Band integriert und darf auch in alten Songs seine neuen Ideen einbringen. Wie die Lieder auf Platte klingen, weiß ja schließlich jeder. Um immer im richtigen Blickwinkel zu sein, hat er ein bewegliches Keyboard, um dessen Achse er zwar nur im Kreis laufen kann, aber das tut er immerhin mit einiger Ausdauer. Dabei hat er einen derart verklärten Gesichtsausdruck, daß man meint, er würde eigentlich nur geistig in der Musik existieren. Die Songauswahl verwöhnt uns mit einer perfekten Mischung aus fast allen Alben. Von Under A Glass Moon über Scarred, Lie, Lines in a Sand ist fast alles, was Klasse hat, aus den alten Zeiten vertreten. Ein paar Songs fehlen natürlich, aber Dream Theater haben eine derartige Materialfülle erreicht, daß sich das nicht mehr vermeiden läßt. Dafür spielen sie jeden Abend ein anderes Set, für die Die-Hard Fans, die ihnen nachreisen. Der Schwerpunkt liegt immer noch auf Scenes from a Memory. Davon spielen sie Strange Deja Vu, Fatal Tragedy und das Gänsehautstück The Spirit Carries On. Vom neuen Album muten sie uns nur drei Stücke zu, weil es ja erst zwei Wochen draußen ist. Tatsächlich haben sich offenbar die meisten noch nicht so richtig in Glass Prison, Blind Faith und Misunderstood eingehört, jedenfalls wird es im Publikum merklich ruhiger. Der Beifall bestätigt aber, daß die Richtung stimmt. Am Schluß der ersten Vorstellung muß es natürlich Pull Me Under geben. Wir sind eigentlich noch alle mehr oder weniger in Trance und wie jedesmal verwundert, wie man so vertrackte technische Rafinessen mit so lockerer Professionalität spielen kann, die die Fans mit einbezieht, scheinbar völlig mühelos von der Bühne geht und offenbar nicht nur die Fans begeistert, sondern auch noch so viel Spaß macht, daß Dream Theater live die Kreativität zu improvisieren übrig haben. Als nämlich James La Brie nach einigen hohen Stücken ein wenig mit der Stimme zu kämpfen hat, gibt er einfach ein Zeichen an Derek, daß er 3 statt 2 Minuten Auszeit will und dann spielen sie halt einfach noch einen neuen Instrumentalpart. Sollte das doch vorher so geplant gewesen sein, dann allerdings sehr professionell, denn Dream Theater erwecken immer den Eindruck, so eingespielt zu sein, daß sie auf der Bühne noch relativ spontan kreativ agieren können. Kreativ und sehr treffend ist auf jeden Fall die Zugabe ist auch ausgewählt - sie schickt uns nämlich Home. (arw) |
|