Konzertbericht

With Full Force 2008 - Sonntag, 06.07.2008

Die Sonne brannte früh auf die Zelte und trieb die Leute ins Freie, müde Gesichter wohin man blickte. Der Badesee war entstprechend gut frequentiert, auch wenn es ein langer Fußmarsch bis zum Sandstrand war, aber allein die zur Schau gestellten Tattoos waren den Weg wert.

MAMBO KURT brachte gestern zusammen mit seiner reizenden Orgenpraktikantin Jessica das VIP-Zelt zum Beben, heute holt er die Leute noch vor dem Frühstück aus dem Zelt: Zu Smash Hits wie "I Was Made For Loving You" oder "Samba Struck" werden die ersten Polonaisen im Leben junger Hartmusikfans getanzt. Jessica gibt alles bei "Sunshine Reggae" und MAMBO KURTs Jugend-Musiziert-Gewinnerstück von 1984, das altehrwürdige "Musik Ist Trumpf" ist der Tod der Orgel, denn Mambo KURT haut sie in kleine Stücke. Übrig bleibt eine Menge Kleinholz, laute Rufe nach "Zugabe" und aufgeweckte Zuschauer, die sich zum Zähneputzen und Frühstücken noch mal verdrücken. (laetti)

ENEMY OF THE SUN
In der Quersumme aus unbekannte Band, Thrash Metal auf nüchternen Magen und dem undankbaren Slot direkt nach Mambo Kurt sehen sich ENEMY OF THE SUN sehr viel lichteren Reihen gegenüber als eben noch der König der Alleinunterhalter. Aber auch im Sitzen oder Dösen dringen die Songs des Debüt-Album "Shadows" in die Gehörgänge. Und jeder, der in der Vergangenheit Waldemar Sorychtas Songwriting (Despair, Grip Inc., Voodoocult) auch nur irgendetwas abgewinnen konnte, hat eine Minute später einen kleinen Ohrwurm im Gehörgang, der diesen auch so schnell nicht wieder verlassen wird. Angetrieben von Blickfang und Bass-Bändigerin Alla Fedynich und den finnischen Sänger Jules Naveri wird der erste Circle Pit des Tages in die Runde geschickt. Das ist ausbaufähig! (laetti)

VOLBEAT
Ein bitteres Wort sagt "The Show Must Go On", egal was für Schicksalsschläge dem Künstler gerade begegnen. Der Vater von VOLBEAT-Sänger Michael Poulsen ist verstorben, drei Festivals wurden deswegen abgesagt, und man merkt, dass die sympathischen Dänen eben noch nicht so abgefuckt sind, dass sie wie alte Zirkuspferde darüber hinweggehen und auf Knopfdruck auf Gute Laune umschalten. Stattdessen ist es eben das Publikum, dass den größten Fan von Johnny Cash und eben seinem Vater ins emotionale hier und jetzt holt. Denn das Intro von "The Human Instrument" wird ewig und ewig in die Länge gezogen, als ob sich die Band nicht sicher sei, ob sie auf die Bühne kommen wolle - und das Publikum empfängt Michael & Co. mit einem anhaltenden Klatschen. Die Zugabe beginnt hier mit dem Auftritt, alles ist ab jetzt extra: Der "Pool of Booze" steht bereit, die erhoffte Party beginnt, und auch der Schalk im Nacken von Michael Poulsen blitzt wieder auf. Knochentrocken sagt Poulsen seine Band als "We are Deicide from the USA" an und gurgelt ein "Sataan" ins Mikro - um prompt umzuschalten auf das fröhliche "Radio Girl". Nächster sympathischer Lacher: "You wanted the best? But they couldn't come!" Stattdessen stimmt Gitarren-Roadie Chris unter frenetischem Applaus auf der Akustik-Klampfe "The Garden's Tale" an. Inzwischen ist es weit bis zum Merchandise-Stand pickepacke voll, und alle diese Leute hören, wie Michaels Stimme bei der nächsten Ansage wackelt, aber hält, während er "Sad Man's Tongue" seinem Vater widmet. Und mit der Ballade "Soulweeper" den Weg zurück zum "fröhlichen" Song geht - denn diese letzte Abgeh-Nummer ist die "River Queen". Nein, das war keine wilde Party, aber ein ganz seltener und kostbarer Moment, in dem Künstler und Publikum sehr ehrlich und sehr solidarisch miteinander waren. (laetti)

Setlist:
The Human Instrument
Pool of Booze Booze Booza
Radio Girl
The Garden's Tale
--
Sad Man's Tongue
Soulweeper
The River Queen

SHE-MALE TROUBLE
Wirklich viele Leute konnten SHE-MALE TROUBLE nicht ins Zelt locken und diejenigen, die dem Ruf der Berliner gefolgt waren, tauten nur langsam auf. Da konnte sich CaroLa Rock noch so sehr bemühen, viel Resonanz erntete sie nicht - ihre Ansagen wirkten aber auch eher putzig als auffordernd. Trotz allem ließen sich SHE-MALE TROUBLE nicht entmutigen und zockten ihren Set solide runter. Als Highlight ihrer Karriere wird dieser Gig aber sich nicht im kollektiven Bandgedächtnis bleiben.

H2O
Wer sich um Pünktlichkeit bemühte, war bei der Hardbowl besser aufgehoben als bei der Main Stage – letztere hatte an allen drei Tagen Mühe, den Zeitplan einzuhalten und ließ die meisten Bands mit Verspätung beginnen. Ausreißer in der ansonsten recht pünktlichen Hardbowl waren H2O, die dank technischer Probleme mit einem Topteil zehn Minuten später als geplant begannen. Da blieb keine Zeit für launige Ansagen, vom obligatorischen Gruß an die New Yorker Kollegen mal abgesehen. H2O schienen recht angefressen wegen der Verzögerung und der Tatsache, dass sie einen kürzeren Set spielen mussten, im Vergleich zum Pressure Fest waren die Herren an diesem Tag keine Charismatiker. Immerhin enthielt auch der gekürzte Set alle Knaller vom aktuellen Album wie auch die obligatorischen älteren Nummern. Es düfte die Band mit dem Schicksal versöhnt haben, dass vom ersten Song an („1995“) ein Großteil der Leute mitsang und –tanzte, die gute Laune ließen sich die Fans nicht nehmen.

THE EXPLOITED... waren schon öfter auf dem WFF als ich (und das will was heißen) und sahen vor zehn Jahren auch schon mal schlimmer aus als heute. Watties Iro strahlt rosarot im Scheinwerferlicht, die Ansagen gehen nach vorn und die Bewegungen der Punks auch. Heimspiel - allerdings bei gegenüber Volbeat erheblich gelichteten Reihen. (laetti)

DEATH BEFORE DISHONOR
Die Typen mit der größten Anzahl an unschönen Tattoos gaben dem WFF ein Stelldichein. Mittlerweile haben sie an jeder Milchkanne gespielt und wirken trotzdem nicht tourmüde, im Gegenteil. Die Bostoner Crew gab wie immer 100% und haute ihre Songs mit einer Energie raus, die für zwei Bands reicht. Und wer „Count Me In“ in die Menge pfeffern kann, hat sowieso schon gewonnen, das wird selbst außerhalb der Hardbowl mitgesungen, während im Zelt die Leute fliegen.

DEATH BY STEREO
DEATH BY STEREO haben in ihren Reihen den Gitarristen mit dem gelangweilsten Gesichtsausdruck des gesamten Festivals. Während Sänger Efrem den symphatisch-durchgeknallten Frontmann gibt und mit einem Dauergrinsen über die Bretter rennt, verfügt Glatzkopf Dan nur über zwei Gesichtsausdrücke (gelangweilt gucken und nicht ganz so gelangweilt gucken) und bewegt sich deutlich gemächlicher. Sebst seine Posen wirken gezwungen. Basser Tyler ist irgendwo dazwischen, mit viel Energie, aber weniger Charisma als der Kollege am Mikro. Und trotzdem feiert die Hardbowl die Amis ab als gäbe es kein Morgen. Verrückte Welt.

JBO... habe ich zum Glück so weiträumig umfahren, dass ich noch nicht mal weggewehte Songfetzen gehört habe. Gut gemacht! Waren auch so genug rosa Geschmacksverirrungen unterwegs! (laetti)

LIFE OF AGONY
"Geh und guck dir die Zwergenshow an", sagte meine bessere Hälfte und schickte mich zu LIFE OF AGONY. Und damit meinte er nicht nur Keith Caputos mangelnde Körpergröße, sondern auch seinen Aufzug: Während Sal Abruscato, Alan Robert und Joey Z. wie üblich in Hardcore- und Metal-kompatiblen Klamotten auf der Bühne rumspringen, windet sich Keith Caputo in einem weiten grünen Hemd. Andere Mädels und Jungs haben anscheinend keinen Freund, der sie zu LIFE OF AGONY schickt, denn die Pioniere des poppigen Hardcore spielen vor unerwartet und erschreckend leeren Reihen. Die New Yorker machten das beste draus und spielten ein Best of-Set in Super-Tagesform herunter. Bei "River Runs Red" wird sich warm gesprungen für "This Time", und bis "The Other Side Of The River" hat sich das Feld inzwischen so gefüllt, dass die Wellenbrecher zu Stimmungskillern werden, weil sie das Publikum in die Feierwütigen vorn und die, die zu lange geschlafen haben hinten teilt - inzwischen staut es sich bis zum FOH-Turm. Keith Caputo verliert sich inzwischen im Alter von 22 - es hat ihm nur niemand dazugeschrieben, dass er schon 37 ist. "Weeds" widmet er den Homies an den Seiten der Bühne, "Bad Seed" gibt die Verschnaufpause - bis LIFE OF AGONY mit "Through And Through" noch einmal alles geben und "Underground" allen Bands widmen, die auf dem WFF 2008 gespielt haben. Natürlich nicht, ohne ihnen die Message mitgegeben zu haben, sie sollen "safe, proud and positive" leben. Mit dem Hammer-Hit "Underground" war jeder auch nur zu bereit, in diesen Kanon mit einzustimmen. (laetti)

Setlist
River Runs Red
This Time
Other Side Of The Rive
r Love To Let You Down (BROKEN VALLEY)
Lost in 22
Weeds
Bad Seed
Through And Through
Underground

SLAPSHOT SLAPSHOT haben sich rar gemacht auf europäischen Bühnen und die Menge an Bandshirts, die beim WFF zu sehen waren, gaben schon einen Hinweis auf die hohe Resonanz, die der Gig der Bostoner haben würde. So kam es dann auch, die Hardbowl war pickepacke voll und fieberte mit Spannung den ersten Tönen entgegen. SLAPSHOT enttäuschten nicht und legten wütend wie eh und je los. Das Alter ging nicht spurlos an ihnen vorbei, aus durchtrainierten Körpern sind weichere Versionen geworden, in denen aber noch immer viel Kondition und Wut steckt. Die Herren zeigten sich beeindruckt von der intensiven Resonanz der Meute, da kam stellenweise Gänsehaut auf. Dem rauhen Charme der old schooligen Sachen konnte und wollte sich niemand entziehen, der sich im Zelt eingefunden hatte und so wurde der Gig der erwartete (und erhoffte) Triumphmarsch. „Hang Up Your Boots“ bildete den gelungenen Abschluss, die gesamte Hardbowl brüllte den Song mit und bescherte SLAPSHOT ein letztes Mal Gänsehaut.

AVENGED SEVENFOLD
AVENGED SEVENFOLD wurden mir mal als die "Guns'n'Roses für die Generation Metalcore" angepriesen - und sind auf ihrer ersten Clubtour in Deutschland mit der Mischung aus Breaks und mehrstimmigen Melodien gnadenlos untergegangen, weil der Soundmann den Lärmbrei nicht sortieren konnte. Sie sind also eine Band, die die große Bühne braucht - und sich in den USA bereits verdient hat. Hier heulen sie dagegen auf hohem Niveau: "Wir haben nur eine Stunde geschlafen, sind aus Großbritannien eingeflogen." Na und? In Flames hatten auch nur 4 Stunden Schlaf und sind 10 Jahre älter als ihr! Das Mitleid hält sich also in Grenzen, das Interesse am vertrackten Stadionrock allerdings auch - vom Zuschauer-Interesse hätten sie locker in der Position mit Volbeat tauschen können. Auf der anderen Seite nutzten die Hardcore-Fans die Zeit, vor Biohazard noch eben die notwendigen Dinge vom Zelt zu holen. Um so überraschender war dann doch, wie viele Details plötzlich bei fetter Anlage von den Kaliforniern zu hören waren - und wie selbstverständlich Sänger XY die (kleine) Fanschar vor der Bühne sich groß und zahlreich fühlen ließ und auf seine Seite zog. Ein bisschen weniger Selbstmitleid und vielleicht noch eine fettere Produktion, dann könnte diese Band ihren Bekanntheitsgrad gerade in Kreisen von "Strumpfhosen-Rock"-Fans erheblich erweitern. (laetti)

BIOHAZARD
Nach 15 Jahren haben sich BIOHAZARD im Original-Line-Up zusammengetan und bilden den Abschluss der New Yorker Invasion des WITH FULL FORCE. Die vier Herren im gesetzten Alter wirkten während der Show wie ein Quartett Alphamännchen, von dem jeder beweisen muss, dass er der das Rudel anführt. Es wurde um die Wette gepost, gerannt, gesprungen und sich die coolen, truen Ansagen um die Ohre gehauen. Immerhin wurden so die Bandeigenen Klassiker mit massig Power rausgehauen, „Punishment“ dabei natürlich als krönender Abschluss des Gigs. Mancher Song wirkte zwar etwas altbacken und beim Erinnern an das „Punishment“-Video konnte sich kaum jemand ein Grinsen verkneifen, aber als Erinnerung an vergangene vor-Internet-Zeiten war dieser Gig grandios.

CAVALERA CONSPIRACY
Wie kann man sich nur so einen Namen für ein Projekt ausdenken, wenn der Familienname allein schon für Zungenbrecher sorgen kann? Egal, das gute ist, dass Igor und Max Cavalera wieder in einer Band zusammen spielen - und wieder Songs zusammen schreiben! Mit denen, nämlich mit dem Titelsong "Inflikted" und der Auskopplung "Sanctuary" beginnt der Abend. Als Warmübung. Denn egal wie das Projekt nun heißt, de facto steht hier der SepulTribe auf der Bühne, diese brasilianisch-amerikanische Familienbande, zu der nur momentan ein anderer Bassist dazu gehört und in der Andreas Kisser durch Max' langjährigen Sidekick Marc Rizzo ersetzt wurde. Der hat zwar nicht so eine charismatische Persönlichkeit, kann aber viel seltsamer zwischen seinen Riffs und Loops hochspringen. Ihr erratet es schon: Die CAVALERA CONSPIRACY spielt sich ab Song drei quer durch die Reihe von SEPULTURA-Klassikern, beschränkt sich aber nicht darauf. Für die Gourmets im Publikum gibt es außerdem noch Nailbomb-Klassiker wie "Wasting Away". Auch wenn eine "echte" Sepultura-Reunion mit Sicherheit kultiger wäre - hier haben die Herren Musiker definitiv mehr Spaß! Und "it's all in a family: Zion Cavalera muss inzwischen 17 oder 18 Jahre alt sein und darf sich bei einem Song, den Papa in etwa demselben Alter geschrieben hat, das Grüne hinter den Ohren wegschreien, bei "Troops Of Doom" setzt sich Igor Cavalera Jr. hinter die Trommeln, wird professionell von demselben Drumtech bedient und haut nach einer superben Vorstellung locker wie sein Patenonkel die Stöcke ins Publikum. Spätestens in diesem Moment wurde der härteste Kinderverachter weich! Evan Seinfeld von BIOHAZARD sieht sonst auf der Bühne auch so aus, als würde er ein Kleinkind zum sXen Frühstück verdrücken, aber er darf stattdessen zum absoluten Höhepunkt bei "Roots Bloody Roots" mit auf die Bühne. Und dazwischen gab es ganz viel Zucker für Sepultura-Fans: „Biotech is Godzilla“, „Refuse/Resist“... Es hätte noch länger so weiter gehen können! Ein würdiger Abschluss für unser Festival, denn aufgrund der Verkehrslage mussten wir uns das "Last Supper" mit MOONSPELL, PRIMORDIAL und SUBWAY TO SALLY leider knicken. (laetti)

Setlist
Intro – Inflikted
Intro – Sanktuary
Territory
Terrorize
Intro - Doom Of All
Innerself/Nevertrust
Intro - Arise/D.E.C.
Desperate Cry/Propaganda
Intro/Wasting Away
Black Ark
Holiday In Biotech
Refuse Resist
Troops
----
Must Kill
Roots



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(lh)

 
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